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Die Film- und Kulturhauptstädte Europas 2016

Das spanische San Sebastián & das polnische Breslau (Wrocław) sind die beiden Kulturhauptstädte Europas 2016.



Lang ist es her. 1988 war Berlin die Kulturhauptstadt Europas. 2010 wäre es beinahe das sächsische Görlitz geworden, die östlichste Stadt Deutschlands - direkt an der polnischen Grenze gelegen. Der verschlafene Ort in der Oberlausitz, der im Krieg zwar kaum zerstört wurde, dessen Bauten aber zu DDR Zeiten auch nicht gepflegt und erhalten wurden, wird zwar gern als historische Filmkulisse benutzt wie z.B. 2014 bei Wes Andersons "Grand Budapest Hotel" und 2008 bei "Der Vorleser" von Stephen Daldry, zur Kulturhauptstadt Europas reichte dies aber noch nicht aus. Statt dessen wurde das Ruhrgebiet um die Stadt Essen herum als kultureller Medienpunkt des Jahres 2010 ernannt.

In diesem Jahr könnte Görlitz aber ein neuer Anlauf als touristischer Ausgangspunkt gelingen. Über die hier abgebildete Brücke am Stadtpark gelangt man nämlich auf die polnische Seite der Stadt an der Neiße. Von dort sind es in direkter, östlicher Richtung nur knapp 180 km nach Wrocław, dem ehemaligen deutschen Breslau, Hochburg mehrerer Filmfestivals und in diesem Jahr zudem eine von zwei Kulturhauptstädten Europas.

Görlitz an der Neiße 2011 ©BAF


Kulturhauptstadt Breslau mit Brückenfunktion.
Eigentlich will sich Breslau (Wrocław) als moderne, junge und vielschichtige Stadt präsentieren. Als Europäische Kulturhauptstadt 2016 hat die niederschlesische Stadt Gelegenheit, sich ebenfalls als Brücke zwischen Ost und West zu zeigen. Doch die umstrittene Medienreform, welche die Einschränkung der Pressefreiheit in Polen vorsieht, könnte aus den guten Vorsätzen ein Strich durch die Rechnung machen. EU-Kommissar Günther Oettinger will Polen sogar unter Aufsicht stellen. Dem Land drohen bei Verletzung der Rechtsstaatlichkeit harte Konsequenzen. Der Fall Polen soll am 13. Januar 2016 auf der EU-Kommissionssitzung diskutiert werden. Am Ende könnte der polnischen Regierung Stimmrechte auf EU-Ebene entzogen werden.

In Polen treibt nämlich derzeit die national-konservative Regierung ihre umstrittenen Reformen voran. Diese rechtspopulistische Entwicklung war noch nicht abzusehen als Wrocław von der Europäischen Union zur Kulturhauptstadt des Jahres 2016 ernannt worden war. Nach der Neuordnung des Verfassungsgerichts haben die Abgeordneten mittlerweile einen Umbau der Medien gebilligt. Betroffen sind das öffentlich-rechtliche Fernsehen und der Hörfunk, bei denen die Regierung künftig die Senderchefs direkt ernennen oder abberufen kann. 232 Abgeordnete stimmten dafür, 152 dagegen, 34 enthielten sich. Kritiker sehen darin einen Versuch, die politische Berichterstattung künftig zu beeinflussen. Nachdem das neue Gesetz in Kraft trat und die Unabhängigkeit der Medien zu beschneiden bedroht, haben gleich vier Direktoren des polnischen Fernsehsenders TVP ihren Rücktritt eingereicht. Die Fernsehmacher dürften damit ihrer Entlassung durch die nationalkonservative Warschauer Regierung zuvorgekommen sein.

Auch das historisch teils gut erhaltene, teils liebevoll wiederaufgebaute Breslau hat eine wechselvolle Geschichte. Die vielen Brücken über die Oderame und -inseln der niederschlesischen Stadt spielen im Stadtbild von Breslau (Wrocław) eine wichtige Rolle. Als Brücke zwischen Ost und West sehen auch viele Breslauer ihre Stadt mit ihrer komplizierten, tragischen Geschichte. In kaum einer anderen Stadt kam es durch den Zweiten Weltkrieg zu einem so totalen Umbruch. Die jungen polnischen Einwohner Breslaus verdrängen das deutsche Erbe der Stadt jedoch nicht. Es gehört zu ihrem vielschichtigen kulturellen Erbe. So werden deutsche Besucher auch außerhalb des Kulturjahres stets mit deutschsprachigen Angeboten umworben.

"Breslau hat eine Geschichte zu erzählen", sagt Magdalena Babiszewska, Sprecherin der Organisatoren der Kulturhauptstadt. "Unsere Angebote richten sich nicht nur an Besucher, sondern auch stark an die Einwohner der Stadt."

2016 soll ein Jahr des Mitmachens und Mitfeierns werden, mit bewährten Festivals, die in diesem Jahr noch größer und umfangreicher sein werden, aber auch mit neuen Projekten, die Performance, Musik und Literatur nicht nur auf die große Bühne, sondern auch in die Stadtteile bringen. Auch wirtschaftlich soll das Kulturjahr etwas bringen – die Organisatoren hoffen, dass sich in diesem Jahr die Zahl der Touristen verdoppeln wird. Mit einigen Programmteilen haben die Breslauer sogar schon vor dem offiziellen Start am 16.&17. Januar 2016 begonnen.

Zum offiziellen Start der Feierlichkeiten in Polens viertgrößter Stadt will Chris Baldwin, einer der acht Kuratoren des Kulturjahres, aus allen Himmelsrichtungen vier Menschenzüge mit riesigen Figuren in Bewegung setzen, die für die religiöse Vielfalt, den Wiederaufbau, das Hochwasser und die Innovation stehen, symbolisch die Geschichte der Stadt erzählen und am Ende zu einer Gesamtinstallation vereint werden.

Der Info-Punkt des Festivals ist schon jetzt im neuen Veranstaltungszentrum "Barbara" geöffnet. In den 70er Jahren traf sich hier die "Orange Alternative", eine Künstlergruppe, die mit anarchistischen Happenings die Staatsmacht gegen sich aufbrachte. Mittlerweile ist hier eher ein Treffpunkt hipper junger Kreativer, die im durchgestylten Zentrum am Laptop ihre neuesten Projekte planen.

Etwa 150 Veranstaltungen werden die Breslauer und ihre Besucher durch das Jahr begleiten. Darunter wird es einiges Spektakuläres zu sehen und hören geben. Etwa wenn am 1. Mai 2016 Tausende Gitarrenspieler auf dem zentralen Marktplatz von Breslau gemeinsam den berühmten Jimi-Hendrix-Song "Hey Joe" anstimmen. Der Marktplatz (Rynek), in dessen Mitte das Rathaus steht, ist der zweitgrößte in Polen und umgeben von Häusern aller architektonischen Stilrichtungen seit der Renaissance.

Er ist zudem Schauplatz des von T-Mobile gesponserten Independant-Filmfestivals Era New Horizons, das vom 21.-31. Juli 2016 sowohl als freies Open-Air-Kino für die Öffentlichkeit stattfindet, wie auch als internationaler Treffpunkt für 600 Film Professionals dient. Bei Regen finden die Filmvorführungen im Kino Helios in der ul. Kazimierza Wielkiego 19/23 statt. Das moderne Multiplex Cinema zeigt neben Mainstream Polens größte Auswahl an Artouse Filmen. Nebenan, in der Hausnummer 15, steht das Königsschloss, welches das Historische Museum beherbergt. Im Rahmen der Zusammenarbeit mit der nordspanischen Metropole San Sebastián, der zweiten Kulturhauptstadt 2016, präsentiert das Film Festival »Nowe Horyzonty« zudem einen Überblick über drei Generationen baskischer Filmemacher.



Vom 25. bis 30. Oktober 2016 folgt das American Film Festival, das US-Streifen abseits von Hollywood-Massenware auf die Leinwand bringt. Gegen Ende des Kulturjahres steht ein weiteres Großereignis für Cineasten an: Am 10. Dezember 2016 werden in Breslau die Europäischen Filmpreise vergeben. Bereits von September an wird eines der Breslauer Kinos nicht nur die für 2016 nominierten Filme zeigen, sondern auch die preisgekrönten der Vergangenheit. Außerdem ist Breslau in diesem Jahr Welt-Buch-Hauptstadt der Weltkulturorganisation UNESCO. Im April wird deshalb das Museum von Pan Tadeusz geöffnet, das sich ganz dem in Versform geschriebenen bekanntesten Werk des polnischen Nationaldichters Adam Mickiewicz widmet.

Links: www.wroclaw2016.pl | www.wroclaw.pl/de
www.das-polen-magazin.de/breslau-kultur-ohne-grenzen-im-kulturhauptstadtjahr-2016

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San Sebastián will Wunden des Terrors schließen.
Die zweite Kulturhauptstadt Europas ist San Sebastián an der Atlantikküste Spaniens. Bekannt ist das baskische Donostia San Sebastián vor allem als Austragungsort des gleichnamigen, jährlichen A-Film-Festivals, das in der gleichen Liga wie die Berlinale, Cannes, Venedig oder Locarno spielt. Der Titel Kulturhauptstadt wird jährlich von der Europäischen Union vergeben und seit 2004 sind es im selben Jahr mindestens zwei Städte.

Die wie eine Muschel geformte Bucht von San Sebastián. (Wikimedia Commons License)


Das milde Klima am Atlantik und der berühmte Strand »La Concha« locken eine halbe Million Touristen im Jahr an. Ein Umland mit sattgrünen Wiesen und Wäldern sowie das Stadtzentrum mit seinen prachtvolle Alleen und Palästen als Schauplatz renommierter Film- und Musikfestivals: Eigentlich bräuchte die baskische Metropole keine zusätzlichen Attraktionen, um Besucher in die nordspanische Küstenstadt locken. Doch als Europäische Kulturhauptstadt 2016 hat sich San Sebastián etwas Besonderes vorgenommen. Es galt die Atmosphäre der Angst zu überwinden. Die Perle an der spanischen Atlantikküste war lange Zeit wie kaum eine andere Stadt vom Terror der baskischen Untergrundorganisation ETA betroffen. Die Überwindung dieses Klimas des Hasses und der Angst war eines der Motive, die San Sebastián zur Bewerbung um die Ernennung zur Europäischen Kulturhauptstadt bewogen hatten.

"Die Stadt brauchte etwas, um das Trauma zu überwinden", sagte Pablo Berástegui, Direktor des Projekts San Sebastián 2016, der Deutschen Presse-Agentur. "Die Leute sollten etwas bekommen, das sie an die Zukunft der Stadt glauben lässt." Bürgermeister Eneko Goia ergänzt: "Wir wollen die Kultur als einen Faktor des Wandels nutzen. Sie soll uns dabei helfen, die noch vorhandenen Wunden zu schließen."

Das Programm der Kulturhauptstadt umfasst rund 100 Projekte in Bereichen der Kunst, des Tanzes, des Kinos, der Musik, der Architektur und der Gastronomie. Die Veranstalter verfolgen damit das Ziel, die Stadt vom Image des Terrors und der Gewalt zu befreien. Als das Programm vorbereitet wurde, war die ETA noch aktiv. Vor vier Jahren erklärte die Terror-Organisation eine "definitive Waffenruhe" und verübt seither keine Anschläge mehr.


Die Veranstalter stehen nun vor der Herausforderung, Besucher anzulocken mit einem kulturellen Programm, das ohne Effekthascherei und ohne große Namen auskommen will. Neben dem Festival Internacional de Cine de San Sebastián, das im September 2016 zum 64. Mal stattfindet, wird deshalb die baskische Kochkunst auch einer der Schwerpunkte im Programm der Kulturhauptstadt sein. Darüber hinaus will San Sebastián als Kulturhauptstadt ein großes Forum von Ideen sein. Der Direktor Berástegui gab die Devise aus: "Die Kultur fürs Zusammenleben". Ein Motto, das auch für uns gelten sollte und zudem eine Botschaft an diejenigen sein sollte, die über PEGIDA Demonstrationen, Hass gegen Flüchtlinge schüren.

Link: dss2016.eu/en/ | twitter.com/hashtag/SanSebastian?src=hash
Quellen: dpa | Kieler Nachrichten | Nürnberger Nachrichten | MSN | Tagesspiegel

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