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Oscar®-Sieger MOONLIGHT ist in den Kinos gestartet

Unsere Filmbesprechungen von Filmstarts zwischen 9. und 16. März 2017.



"Moonlight" von Barry Jenkins: Seit 9. März 2017 in den Kinos.

Zwei Wochen nach der turbulenten Oscar-Verleihung startete der Überraschungssieger „Moonlight“ endlich auch in deutschen Kinos. Spätestens seit den verwechselten Umschlägen ist dieses ungewöhnlich fesselnde Coming Out / Coming-of-Age-Drama wirklich jedem potenziellen Kinobesucher bekannt und die Kritiker sind voll des Lobes. Hier einige Auszüge: „Ein erfahrungsgesättigter, kraftvoller Film über die Hoffnung, dass jeder Mensch die Liebe finden kann, die er sucht“. „Gebt ihm so viele Preise, wie ihr könnt“. „Außergewöhnlich und berührend und auf jeden Fall eure Zeit wert“. „Ein Film der für das Kino gemacht ist, ausschließlich für das Kino. Auf kleineren Bildschirmen ist nicht genug Licht.“ „Ein stilles Meisterwerk, dass die Zuschauer zu Tränen rührt“. „Ein berührendes Erlebnis“. Bleibt die Hoffnung, dass sich die Lobeshymnen jetzt auch in den Ticketverkäufen bemerkbar machen. Hier der Trailer:



Filmkritik:
Aufgeteilt ist das Drama in 3 Kapitel. Aus einem stillen, wortkargen Jungen wird ein stiller Teenager und dann ein erwachsener Mann. Der kleine Chiron, genannt „Little“ (Alex Hibbert) lebt zusammen mit seiner cracksüchtigen Mutter (Naomie Harris). Von seinen Mitschülern wird er gemobbt, ein Außenseiter, der sich vor einer Horde Jungen in ein leerstehendes Haus flüchtet. Dort findet ihn ein Drogendealer, der den schweigsamen Jungen mit nach Hause nimmt. Immer wieder flüchtet er zu ihm und dessen Freundin Teresa. Langsam gewinnt er Vertrauen, es entwickelt sich eine berührende Vater-Sohn-Beziehung. Ein Drogendealer, der zu einem liebevollen Ersatzvater wird. Wo hat man das jemals schon gesehen? Juan (Mahershala Ali), der im ersten Moment furchteinflößend auf den Jungen wirkt, bringt ihm das Schwimmen bei. Fast glücklich, verliert er seine Angst. Es dauert eine lange Zeit, bis Chiron Vertrauen zu ihm fasst und zu reden anfängt. Verständnislos fragt er ihn: „Meine Mom ist drogenabhängig und du verkaufst Drogen?“.

Im zweiten Teil, aus dem zarten und zurückhaltenden Jungen ist ein Teenager geworden, gespielt von Ashton Sanders, wird er zum Opfer von Hass und Gewalt, geprägt von falsch verstandener Männlichkeit. Nach einer Liebesnacht am Strand, in der er seinem Freund Kevin (Jharrel Jerome) sexuell nahe kommt, wird Kevin von den Mitschülern gezwungen Chiron zusammenzuschlagen. Außer sich vor Wut und Hilflosigkeit, geht er mit einem Stuhl auf den Wortführer los und schlägt ihn nieder. Die beiden Jungen verlieren sich aus den Augen. Im dritten Teil ist Chiron zu einem erwachsenen Menschen herangereift, gespielt von Trevante Rhodes, der nun auch die Laufbahn eines Dealers eingeschlagen hat. Nach Jahren hat Chiron herausgefunden in welcher Stadt sein Freund Kevin lebt. Kevin, der ein kleines Restaurant besitzt, staunt nicht schlecht, als sein Freund Chiron unverhofft in seinem Lokal auftaucht. Es ist , als ob die Zeit stehen geblieben ist. Wieder gehen die beiden zum Strand. Chiron gesteht, dass er seit damals nie wieder mit einem Mann Sex gehabt hat. Es besteht ein Funken Hoffnung, dass Chiron in einer Welt, in der es unmöglich scheint, dass Männer Männer lieben, es schafft über seinen Schatten zu springen und seinen Gefühlen freien Lauf lässt.

Der Afroamerikaner Barry Jenkins wuchs selbst in einem Ghetto in Miami auf. Auch seine Mutter war cracksüchtig, sein Vater verließ die Mutter noch bevor Jenkins auf die Welt kam. Seinen Film drehte er in Liberty City, einem Viertel, indem er selbst aufgewachsen ist. Statt grauer Ghettobilder wählt Jenkins Bilder von lichtdurchfluteter Schönheit. In Zeiten, in denen Afroamerikaner verstärkt Opfer von polizeilicher Gewalt werden, ist „Moonlight“ wichtiger denn je. Chapeau, Mr. Jenkins.

Ulrike Schirm


"Mit siebzehn" von André Téchiné: Ab 16. März 2017 im Kino.
Mit Sandrine Kiberlain, Kacey Mottet Klein und Corentin Fila in den Hauptrollen.

Mit ziemlicher Verspätung startet in dieser Woche ein weiteres Coming-of-Age-Drama um einen dunkelhäutigen Schüler, diesmal aus Frankreich aber mit maghrebinischen Wurzeln, das schon im Wettbewerb der 66. Berlinale 2016, also vor mehr als einem Jahr, für Aufsehen sorgte und auch bei uns einen bleibenden Eindruck hinterließ. Der französische Filmtitel bezieht sich auf die Anfangszeile „On n’est pas sérieux, quand on a dix-sept ans“ eines Gedichts von Arthur Rimbaud. Hier der Trailer:



Filmkritik:
André Techiné erzählt in “Mit siebzehn”, den er 2016 im Wettbewerb der Berlinale vorgestellt hatte, von zwei jungen Männern, zwischen denen die Anziehung sich erst einmal nur durch das sich Prügeln Ausdruck verschaffen kann. Thomas (Corentin Fila) und Damien (Kacey Mottet Klein) sind beide Außenseiter an der Schule. Die Kamera von Julien Hirsch (“3 Herzen”) lässt die beiden Jugendlichen nahe aneinander ran, wobei jede Annäherung gleichzeitig ein Aufprall ist. Techiné (“Die Zeugen”) hat dieses Coming-of-Age und gleichzeitig Coming Out zusammen mit Céline Sciamma (“Girlhood”) in den Ablauf eines Schuljahres, drei Trimestern und einer Schwangerschaft gesetzt. Während Thomas’ Adoptivmutter darum kämpft nicht wieder eine Schwangerschaft zu verlieren, ist Damiens Mutter Marianne (Sandrine Kiberlain) Landärztin, die resolut eingreift, wenn es die Vernunft gebietet. Und so holt sie auch Thomas in ihr Zuhause, damit er sich auf die Schule konzentrieren kann. “Mit siebzehn” ist voll mit leisen, wohl beobachteten Gesten und gleichzeitig berstend von Aggressivität und Kraft. Techiné zeigt die Unsicherheit der Gefühle, und das nicht wissen wohin mit sich, ohne dabei kitschig oder gar gefühlsduselig zu werden. Die Figuren fühlen sich wahr an, was auch immer ihnen zustößt.

Elisabeth Nagy


Die nachfolgenden beiden Filmkritiken über zwei brandaktuelle Themen befassen sich mit Krieg und Krisen, nämlich mit dem Syrischen Krieg und den daraus entstehenden Flüchtlingskrisen. Obwohl beide Filme der Dokumentarfilmgattung angehören, hat der zweite Film über Orientierungslosigkeit eine fiktionale Story eingebaut, um das Werk durch die damit zusammenhängenden Stimmungen emotional zu grundieren. Beim Sundance Gewinner 2017, ein Film über Aleppo, sprechen die Bilder für sich und benötigen keiner Ergänzung.

"Die letzten Männer von Aleppo" ab 16. März 2017 im Kino.
Dokumentarfilm von Feras Fayyad und Steen Johannessen. Originaltitel "Last Men in Aleppo"; Kamera Fadi Al Halabi, Thaer Mohamad, Mojahed Abo Aljood; Schnitt Steen Johannessen, Michael Bauer. (Dänemark / Syrien / Deutschland 2017, 104 Minuten). Hier der Trailer:



Filmkritik:
Ein kurzer Abriss gibt dem Zuschauer die wichtigsten Informationen zur Hand: Ein friedlicher Aufstand wurde von der Bashar Assad-Regierung mit Gewalt beantwortet und weitete sich zum Bürgerkrieg aus. Inzwischen ist der Krieg in Syrien, dessen Komplexität und dessen Aktionsparteien die Dokumentation über “die letzten Männer in Aleppo” nicht zum Gegenstand macht, durch die Flüchtlingsströme zum Spielball der Weltpolitik geworden. Kaum einer, der sich gegen die Aufnahme von Flüchtlingen in Stellung bringt und damit das Recht (von Menschenwürde könnte und sollte man auch sprechen) dieser Menschen mit Füßen tritt, macht sich offenen Herzens ein Bild von dem, was Krieg tatsächlich bedeutet.

Immer wieder kommt die Idee zu flüchten bei den Männern, denen das Team des syrisch-stämmigen Regisseurs Feras Fayyad und dessen dänischen Ko-Regisseurs und Cutter Steen Johannessen rund zwei Jahre lang folgte, auf. Wie soll ein Mann seiner kleinen Tochter die notwendige Medikation sichern, wenn es keine Medikamente gibt? Wie kann ein Mann Frau und Kinder schützen, wenn Straße um Straße vom Bombeneinschlägen vernichtet wird? Doch Khaled, zum Beispiel, Vater und Ehemann, kann sich nicht vorstellen, seine Heimatstadt zu verlassen. Diese Entscheidung ist nicht festgemeiselt, immer wieder überdenkt er sie. Khaled ist einer der White Helmets, wie man die Männer der Syrian Civil Defense nennt, die sich 2013 gegründet hatten und dessen Anführer Raed Saleh Feras Fayyad bereits ein Porträt gewidmet hatte. Fayyad schloß sich mit dem Aleppo Media Center an, einem Zusammenschluss von Einwohnern von Aleppo, die die Zerstörung ihrer Stadt seit 2012 mit Kameras dokumentieren.

Die Männer mit den Weißen Helmen waren ganz normale Bürger, teils Handwerker und teils Studenten, und nun wurden sie zur Feuerwehr und zur Rettungsmannschaft in ihrer Stadt. Sie beobachten den Himmel und eilen nach einem Bombeneinschlag an den Ort des Geschehens und versuchen mit zum Teil bloßen Händen zu retten. Oft können sie nur noch Tote bergen, doch auch die Körperteile der Opfer sind für eine Bestattung wichtig. Wann immer sie jemanden retten können, fühlen sie sich in ihrer Aufgabe bestätigt. Khaled, zum Beispiel, wurde durch eine Youtube-Aufnahme auch im Ausland bekannt, nachdem er zusammen mit den anderen Helfern ein 10-Tage altes Baby, die Medien schrieben damals vom „Miracle Baby“, aus den Trümmern lebend bergen konnte.

Der Dokumentarfilm “Die letzten Männer von Aleppo” dürfte niemanden kalt lassen. Fayyad folgt einem empathischen Ansatz und konzentriert sich auf das Leben unter der Belagerung, zeigt die einfachen Männer, die ihr Leben immer wieder aufs Spiel setzen, um dort zu helfen, wo geholfen werden muss. Sicherlich, sie fragen sich, wo denn die Öffentlichkeit sei, wo die Arabischen Brüder seien, warum man diesen Krieg zulässt. Die Fragen sollten wir uns alle stellen. Wieder einmal. Wo waren wir, als Unrecht passierte? Fayyad zeigt diese Männer auch in ihrem Alltag und in den wenigen Stunden, bei dem so etwas wie Normalität möglich ist. Auch wenn es tief blicken lässt, wenn sich erwachsene Menschen zwischen den Kindern auf dem Spielplatz tummeln, nur um einmal die Sorgen von sich zu schieben.

Dabei ist es erstaunlich mit welch gutem Material die Kameraleute Thaer Mohammed und Mojahed Abo Aljood und der DoP Fadi al Halabi übermitteln konnten. In einem Workshop hatten sie vorher das visuelle Konzept besprochen und so sollte die Kamera nicht nur journalistisches Material einfangen, sondern Figuren und Situationen definieren können, zumal man dem cinéma vérité-Konzept folgen und sich jedem Off-Kommentar enthalten wollte. Die Bilder im Widescreen-Format sind klar, ruhig und finden auch immer wieder die kleinen Momente, sie fangen den Blick der Männer ein und vermitteln uns ihre Körpersprache. Khaled, er ist der Mann auf dem deutschen Plakat, entschließt sich Goldfische in einem Zierbrunnen zu halten. Mehrmals greift Fayyad dieses Bild auf, die Eingangsszene, gedreht von Henrik Bohn Ipsen, verdeutlicht und poetisiert die Metapher.

Fayyad hat mit “Den letzten Männern von Aleppo” einen Kino-tauglichen und Bild-gewaltigen Dokumentarfilm gedreht, der ganz klar für die humanitäre Sache Stellung bezieht, der auf Gefühle und Empathie setzt und dabei die Hoffnung ausstrahlt, dass man das Leiden spürt und gar nicht mehr abschütteln kann. Denn indem wir uns von denen, die dieser Hölle, die einst eine blühende Stadt war, entkommen wollen, die kalte Schulter zeigen, machen wir uns mit schuldig. Im Januar gewann Fayyads Film in Sundance den Preis für den besten Dokumentarfilm, aber nach dem Einreise-Ban, der die amerikanischen Grenzen für Syrier dicht macht, wird der Film noch wichtiger. Als deutsche Koproduktion von Kloos & Co von Stefan Kloos, kommt “Die letzten Männer von Aleppo” zügig in deutsche Kinos. Mit der Fernsehunterstützung unter anderem vom SWR und arte, wird es wohl auch noch eine TV-Fassung geben. Doch hier ist keine Einstellung zu viel, ich rate zu einem Kinobesuch.

Elisabeth Nagy


"Orientierungslosigkeit ist kein Verbrechen" ab 16. März 2017 im Kino.
Hybrides Dokudrama von Tatjana Turanskyj und Marita Neher. Kamera und Schnitt: Kathrin Krottenthaler. Mit Nina Kronjäger, Anna Schmidt, Toby Ashraf, Lars Müller, Robert Schulz, Sven Seeger, Simon Will, Fabio Pink, Fred Gehring, Leo Gold; (Deutschland 2016, 76 Minuten). Hier der Trailer:



Filmkritik:
Eine Journalistin und eine Aktivistin treffen sich in Griechenland. Nina Kronjäger spielt erstere, Anna Schmidt letztere. Es ist 2014, die Flüchtlingskrise ist bereits in den Fokus der Aufmerksamkeit der europäischen Gesellschaft gerückt. Lena, der Journalistin, begegnen wir zuerst in Berlin, wo sie Männern und ihrem Selbstverständnis auf Booten nachspürt, die zwar keinen Seelenstriptease hinlegen, sich aber durchaus nackig machen. Die Hinterfragung der Geschäftemacherei mit Flüchtlingen wirkt sicherlich ergiebiger und dringlicher, wenn man ihr an der Grenze von Europa nachgeht. Doch die Journalistin ist allein unterwegs und scheinbar nicht wirklich vernetzt. Ihre Recherche und ihre Befragungen zeigen darum, gewollt oder nicht, durchaus komische Elemente. So richtig Schwung kommt in die im dokumentarischen Ansatz angelegte Erkundung, als sie auf die etwas jüngere Frau Amy trifft, die per Anhalter unterwegs ist und klar stellt, als sie bemerkt, dass die Fahrerin journalistisch arbeitet, dass sie keineswegs Teil der Story werden möchte.

Wie in Trance bewegen sich die beiden Frauen jetzt über Land und von Raststätte zu Raststätte. Doch ihre Reise, halb Urlaub und halb Arbeit, wobei man weder von ersterem noch von letzterem etwas spürt, ist auch eine intellektuelle, die sie vom Europäischen Geist getragen aufeinander prallen lässt. “Orientierungslosigkeit ist kein Verbrechen”, der Titel ist schon mal trostvoll, ist Tatjana Turanskyjs ist nach “Die flexible Frau” und “Top Girl oder La déformation professionelle” die dritte Episode der Trilogie über “Frauen und Arbeit”. Für diesen Teil hat sie sich mit Marita Neher (“Prekär, frei und Spaß dabei!”) zusammengetan. Die Idee und das Konzept Arbeit steht dann gewissermaßen im Mittelpunkt des Diskurses der beiden Frauen, die gar nicht so weit von einander entfernt sind, und doch so ganz unterschiedlich an ihren Lebensinhalt herangehen. Verweist die Aktivistin noch auf das umstrittene Berufsbild der Journalistin, zerpflückt diese die Aktivistin, die sich ihre Aktionen nur leisten könne, weil sie von Zuhause aus versorgt sei.

In erster Linie werden Fragen gestellt, die Antworten, in Improvisationen erarbeitet, sind zwar griffig, aber nicht allgemein gültig. Hier wird nicht geurteilt, sondern nur die Limitierung aufgezeigt, mit der beide und jede auf ihre Art, nicht an den Kern ihrer Arbeit oder Aktivitäten stoßen können. Dabei ist “Orientierungslosigkeit”, der 2016 in der “Woche der Kritik” parallel zur Berlinale aufgeführt worden war, ein experimenteller Film und kein Spielfilm, schon gar nicht Unterhaltung. Das Publikum kann sich nicht zurücklehnen, sondern sollte sich aktiv an dem Diskurs beteiligen. Ob sich der Zuschauer und die Zuschauerin dabei mehr Lena oder Amy zugehörig gefühlt, ist eigentlich egal, solange er oder sie das mit Empathie tut.

Elisabeth Nagy

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