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Aktuelle Filmkritiken des Monats März im Kino & auf VoD

Nicht mehr alles, was erwähnenswert ist, erscheint im Kino - manches nur noch auf VoD.



Erwähnenswerte Indie-Filme, die auf Festivals wie Sundance oder dem renommierten Tribeca Film Festival liefen, kommen oftmals verspätet oder sogar überhaupt nicht mehr ins Kino. Video on Demand Plattformen wie Netflix und Amazon schnappen sich preisgekrönte Werke zunehmend direkt von den Festivals weg, um sie auf ihren eigenen Kanälen vermarkten zu können. Dazu gehört auch der Dokumentarfilm "Do not Resist" der letztes Jahr beim Tribeca Film Festival in New York zum Gewinner gekürt wurde. Er lief in sehr wenigen Kinos und ist jetzt nicht einmal mehr in Berlin zu sehen, sondern derzeit nur noch in Leipzig sowie online auf iTunes, Amazon, Google Play und VUDU.

"Do Not Resist - Police 3.0" von Craig Atkinson:
Seit 23.02.17 in Deutschland nur in sehr wenigen Kinos oder auf VoD.

Der investigative Dokumentarfilm nimmt insbesondere den Fall des von Polizisten erschossenen afroamerikanischen Jugendlichen Michael Brown zum Anlass, der Frage nachzugehen, ob bestimmte Bevölkerungsgruppen und Minderheiten gezielt und willentlich benachteiligt werden. Zudem wird die zunehmende Militarisierung der Polizei, die in Ausstattung und Auftreten kaum noch von Armeepersonal zu unterscheiden ist, unter die Lupe genommen. Hier jetzt der deutsche Trailer:



Filmkritik:
Wenn Science-Fiction-Stoffe von der Realität überholt werden, sollte einem mulmig werden. “Minority Report” fällt einem zuerst ein, wenn ein Fachmann über die Machbarkeit von Vorhersagen von Straftaten berichtet. Wie sagt man einer Mutter, dass ihr Kind, das noch nicht einmal empfangen wurde, der Wahrscheinlichkeit nach bis zu seinem 18. Lebensjahr einen Mord begangen haben wird? Was fängt sie dann mit dieser Information an?

Filmreferenzen werden in der Dokumentation von dem Regiedebütanten und Kameramann Craig Atkinson mehrmals bemüht. Da spricht selbiger Fachmann von der Sortierung der Bevölkerung von Darth Vaders und Luke Skywalkers und es sei besser, wenn man ein paar Luke Skywalkers mehr ins Raster nimmt, als einen Darth Vader zu übersehen. Eine Streifenpolizistin greift die US-Serie “Person of Interest” mit seiner Echtzeitanalyseüberwachung der Gesamtbevölkerung auf, die statistisch Gewalttaten vorhersagt und sie hält den Serienplot für ein brauchbares Konzept. Wir sind auch nicht mehr weit vom “Terminator” entfernt, wenn in wenigen Generationen Maschinen entscheiden werden, wie in einer Situation der potentiellen Bedrohung von welcher Seite auch immer vorgegangen werden soll. Will man das?

Die Antwort lautet wahrscheinlich, wenn es mit einer Kirsche und ein bisschen Sahne serviert wird, wird man es wollen. Ein Beamter in einer Anhörung warnt, dass der Käse in einer Mausefalle stets gratis sei. Und so zeigt Atkinson kleine amerikanische Ortschaften, mit minimaler Bevölkerung, in denen teils seit Jahren kein Mord mehr passiert ist, die dennoch für die Anschaffung eines Bearcat-Tanks (Bearcat = Ballistic Engineered Armored Response Counter Attack Track) stimmen, weil sie den theoretisch geschenkt bekommen. Und wer weiß, welche Zuwendungen noch vor einer Abstimmung im Kommunalrat fließen. Die Stimmen, die darauf hinweisen, dass man sich damit Schulden einhandelt, dass nichts umsonst ist, dass man auch als Steuerzahler für diese Aufrüstung bezahle, prallen ab. Man versteht in diesen Szenen, wie schnell sich eine Militarisierung entwickeln kann und hat Angst.

Craig Atkinson ist Sohn eines Polizisten, der sich irgendwann fragte, wie es so weit kommen konnte. Er dokumentiert Einsätze, stellt die Demonstrationen und Ausschreitungen von Ferguson, Missouri 2014 in den Mittelpunkt, als ein 18jähriger schwarzer Junge, unbewaffnet, von einem weißen Polizisten getötet worden war und dafür straffrei blieb. Atkinson kehrt immer wieder dahin zurück und jedes Mal betrachtet man die Ereignisse noch nüchterner und entsetzter. Der Regisseur enthält sich jeden Kommentars, gibt nur Zahlen und Fakten in Zwischentiteln an. Allenfalls die Montage ist ab und an klar auf eine Zuschauerseite ausgerichtet. Aber er dämonisiert weder Polizisten, er zeigt, dass sie ihre Bürger teils recht gut kennen, zumindest in Ferguson, was in dem Moment, als Einsätze outgesourced werden, kaum mehr eine Rolle spielen kann, und er zeigt auch Politiker, die sehr wohl die Waffenschiebereien, so nenne ich das jetzt mal, hinterfragen. Wie kann es sein, dass in einer Ortschaft mit nur einer Einsatzkraft zwei Tanks stehen? Das sollte nicht sein, lautet die Antwort ohne weitere Ausführung. Wie kann es sein, dass die Tanks gesetzlich nicht zur Deeskalation bei Unruhen benutzt werden dürfen, aber die Polizeiwachen denken, dass sie genau dafür da sind?

In den Amerikanern herrscht, wenn man mal verallgemeinert, immer noch der Geist des Wilden Westens. Dave Grossman, dessen Bücher in der FBI-Ausbildung und bei der Polizei zur Pflichtlektüre gehört, vergleicht die Polizisten mit den Pionieren des Wilden Westens. Die Lecture, an der der Kameramann und Regisseur teilnimmt ist ein Einpeitschen der Besucher, Agitation pur, man wäre im Krieg und sie, die Polizisten, wären die vorderste Front. Nach der Kriegstreiberei geht er direkt zur Mythologisierung über. Am Abend möge man über seiner Stadt kurz innehalten, auf einer Brücke zum Beispiel, und sein Cape im Winde wehen lassen.

Gewalt sät Gewalt, eine Binsenweisheit. Wenn aber Polizisten nicht mehr ihren Bürger dienen, sondern sie, rhetorisch indoktriniert als Feinde ansehen, dann gute Nacht. Eine friedliche Demonstration, wir werden Zeugen, auf die man Tränengas abwirft, wird keine friedliche Demonstration bleiben. Atkinson selbst scheint kaum an eine Umkehr von dieser Entwicklung, die seit den Unruhen in den 70ern fortschreitet, zu glauben. Er fährt agitatorisch folglich auch heftiges Geschütz auf und lässt Zwischentöne einfach weg. Atkinson konzentriert sich auf die Zeit nach 9/11, auf die Zeit des “War on Terror”. “Do Not Resist” wirkt, als wären die USA mitten in einem Bürgerkrieg, der weltweit Schule machen könnte. “Do Not Resist” fordert zum Nach- und Überdenken auf, auch wenn man den Gedankenstrang nicht zu Ende führen möchte. Eine militarisierte Polizeikraft, teils mit ehemaligen Soldaten ist eine Armee auf eigenem Boden, jederzeit für jeden Zweck einsetzbar. Für die Bürger, besonders Bürger der Minderheiten, sind ihre Freunde und Helfer jedoch schon eher Aggressoren und Besatzer. So weit konnte es kommen.

Elisabeth Nagy


"Little Men" von Ira Sachs: Seit 2. März 2017 im Kino.
Mit Michael Barbieri als "Toni" und Theo Taplitz als "Jake".

Der US-Filmregisseur Ira Sachs, der auf der Berlinale 2012 für "Keep the Lights On" mit dem Teddy Award for Best Feature Film ausgezeichnet worden war und 2013 dafür den Independent Spirit Award für die Beste Regie erhalten hatte, stellte im letzten Jahr auf dem Sundance Film Festival "Little Men" vor. Der Film begeisterte so sehr, dass kurz danach auf der Berlinale zugleich in zwei Sektionen präsentiert wurde: Im Panorama und als Cross Sektion bei Generation Kplus, wo er als Bester Spielfilm von der jungen Jury den Gläsernen Bären erhielt. Mit einem Jahr Verspätung steht er in Deutschland erst seit letzter Woche auf dem Kinoprogramm. Auch wenn zwei eng befreundete Teenys mitspielen, ist der Film durchaus als Lehrbeispiel für Erwachsene anzusehen, denn das eine Elternpaar will die Anderen aus dem kürzlich geerbten Haus wegen zu geringer Mitzahlungen vertreiben, woraufhin beide Jugendlichen revoltieren. Hier der Trailer:



Filmkritik:
Jake ist erst 13 Jahre alt. Sein Lehrer hat für seine Zeichnung eines grünen Himmels nur eine schnippische Bemerkung übrig. Was wird Jake von dem Lehrer lernen können? Welche Vorbilder wird er sich wählen, wie wird das Leben ihn von einem Kind zu einem Erwachsenen formen? Ira Sachs (“Love is Strange”, 2014) rückt die Freundschaft zwischen zwei Jungen in den Vordergrund. Jake freundet sich mit Tony an, dessen Mutter ein Geschäft in dem Haus führt, in das Jake nach dem Tod seines Großvaters einzieht. Sachs humanistisches Gefühl für die Nöte seiner Figuren zeigt die aktuellen Entwicklungen der Gentrifizierung aus einem persönlichen Blickwinkel. In “Little Men”, das Drehbuch schrieb Sachs auch dieses Mal gemeinsam mit Mauricio Zacharias, ist keine Szene überflüssig. Kleine pointierte Szenen fügen sich aneinander, und ergeben bald ein reflektiertes durchaus komplexes Bild wie sich die sehr unterschiedlichen Lebensstränge zusammenfinden und wieder trennen. Jeder der Figuren lässt das Drehbuch den eigenen Strandpunkt, keine ist frei von Fehlern oder Berechnung. Die leise Betrachtung der Umstände wird zum Fokus der Handlung. Die Zwänge und wie man sich damit arrangiert, werden auf Jake Einfluss nehmen und bestimmen, was für ein Mensch aus ihm werden wird.

Elisabeth Nagy


"Barakah Meets Barakah" von Mahmoud Sabbagh: Ab 9. März 2017 im Kino.

Barakah und Bibi wollen Zusammensein. Aber in Saudi-Arabien dürfen sich Männer und Frauen nicht einfach öffentlich begegnen. Zum Glück sind die beiden sehr raffiniert darin, zu überwinden, was der Zweisamkeit im Weg steht. Allein die Tatsache, dass der Film im letzten Jahr im Forum der 66. Berlinale lief und nun vom Arsenal Filmverleih vertrieben wird, verweist schon auf ein ganz außergewöhnliches Werk, das zudem Shakespeares "Hamlet" mit Laiendarstellern im Orient aufführen will. Hier der Trailer:



Filmkritik:
Früher einmal, da haben sich die Menschen in Galerien und in Cafés getroffen, sie waren im Kino, kurz die Kultur war fester Bestandteil des öffentlichen Lebens. All das ist nicht mehr so. Saudi Arabien sieht modern aus und ist es auch, aber es herrscht ein Diktat der Religiösen. Kaum vorstellbar, dass man in diesem Umfeld eine romantische Komödie drehen kann. Mahmoud Sabbagh tut in seinem Spielfilmdebüt genau das. Dass er den Film selbst finanziert hat, merkt man ihm kaum an. Laiendarsteller, Straßendrehs mit einem Teleobjektiv, alles möglichst einfach halten, das war die Devise.

Barakah ist bei der Stadtbehörde angestellt. Er fährt durch die Straßen und verteilt sozusagen Knöllchen. Immer dann, wenn irgendjemand seine Waren auf der Straße feilbietet, oder wenn irgendwas anderes von den unzähligen Regularien missachtet wird. Er nimmt es dabei nicht immer so genau. Er drückt gerne beide Augen zu. Auch, weil er es selbst nicht begreift. Wie konnte es soweit kommen? Warum hat die ältere Generation es so weit kommen lassen? Er hat doch noch nicht einmal ein Mädchen anfassen dürfen.

Parallel erzählt uns Sabbagh von einer jungen Frau, die in einer Boutique als Modell tätig ist. Ihre Adoptivmutter führt sie gerne vor, auch weil sie so hübsch ist. Auch sie heißt Barakah, nennt sich aber Bibi. Barakah begegnet Bibi am Strand, als er einen vom Ministerium genehmigten, aber nicht von der Gemeindeverwaltung autorisierten Dreh stoppen soll. Beide sind sich gleich sympathisch, auch die Chemie zwischen ihnen ist stimmig. Allerdings können sie sich nicht eben mal treffen. Über die Social Media-Kanäle kommunizieren sie zwar, aber es ist verflixt kompliziert, ein richtiges Date zu arrangieren.

Barakah Meets Barakah”, der auf der 66. Berlinale 2016 in der Sektion der Erstlingsfilmer, dem Forum, seine Weltpremiere feierte, ist erfrischend unkompliziert und geradeaus. Sabbagh zeigt das Leben wie es für eine junge Generation läuft. Da schwingt Wehmut mit, da wird subtil auch Kritik am System geübt. Man versucht die Regularien auszutricksen. Wie das geht, dafür ist auch der Film Zeuge, der bereits vorab verkündet, dass ausgepixelte Filmelemente ganz normal sind und keineswegs eine Zensur darstellen.

Der Film zeigt auch durchaus mehrere Seiten der Bevölkerung. Bibi ist Teil einer besser gestellten Schicht, sie selbst ist als Adoptivtochter auch so etwas wie eine Trophäe, die man sich leisten konnte. Sie hat einen erfolgreichen Videoblog, in dem sie sich nie ganz zeigt, ihre Anhängerschaft ist trotzdem enorm. Er dagegen kommt aus einer ärmeren Schicht, und mit Freunden stemmt er sogar eine Theaterproduktion. Der Regisseur, der in den USA Film studiert hat, bekennt sich selbst als zu der Generation Y zugehörig, eine Generation, die keine Rechte hat. Dieser Generation möchte er eine filmische Entsprechung geben.

Elisabeth Nagy


"Original Copy - Verrückt nach Kino": Ab 9. März 2017 im Kino.
Eine Dokumentation von Georg Heinzen und Florian Heinzen-Ziob.

Eine Doku über ein Kino in der indischen Metropole Mumbai, das wie ein Relikt aus einer anderen Zeit erscheint, als noch massenweise B-Movies auf 35mm-Filmkopien gezeigt wurden. Doch die Sehnsucht nach vergangenen Zeiten kommt offensichtlich beim Publikum an, denn auf Festivals wie dem Max-Ophüls-Preis in Saarbrücken und dem internationalen Filmfestival in Rotterdam wurde das Werk begeistert aufgenommen. Hier der Trailer:



Filmkritik:
Mit treffenden, klaren Worten erklärt Sheikh Rehman wie er die Darsteller auf seinen Filmplakaten anordnet. Sein Markenzeichen sei die Farbgebung, mit der er auch die Figuren untereinander in Beziehung stellt. Sheikh Rehman ist der wohl letzte Plakatmaler in Mumbai. Sein Atelier ist gleich hinter dem “Alfred Talkies”-Kinotheater, einem alten stattlichen Saal, der heute nur noch ein Schatten seiner selbst ist. Mit einem guten Plakat könne man die Leute auch in einen langweiligen Film locken, erzählt er uns. Was die Leute sehen wollen, sind Actionfilme, mit nur wenig Romantik. Romanzen gehen nicht so gut, ein Happy End sollte es geben, sagt uns der Manager des Theaters.

Es gibt eigentlich keine Hand gemalten Kinoposter mehr. Die Motive werden von der Marketingabteilung vorgegeben und auf Plastikfolie gedruckt. Doch Rehman macht weiter und das “Alfred Talkies” ist sein Zuhause. Die deutschen Filmemacher Georg Heinzen und Florian Heinzen-Ziob ziehen den Zuschauer hinein in den Traum vom alten Kino, das für zwei Stunden Unterhaltung verspricht. Georg Heinzen verbrachte als "Artist In Residenz" der Kunststiftung NRW eine Zeitlang in Mumbai, als er sich eher zufällig in das “Alfred Talkies” verirrte, wo ihn ein Mann ansprach und ihm eine Zigarette anbot. Dieser Mann war Sheikh Rehman und Heinzen, der als freier Autor für Kino und Fernsehen arbeitet, war von der Atmosphäre des Studios fasziniert. Sein Sohn, Florian, der bis 2012 an der Kunsthochschule für Medien Köln Medienkunst und Regie studierte stieß für diesen, mit seinem ersten Langdokumentarfilm hinzu. Zusammen mit seinem Kommilitonen Enno Endlicher an der Kamera haben sie nicht nur die Atmosphäre eines Kinos, das angesichts der Multikinokultur im Niedergang begriffen ist, eingefangen, sondern den Esprit und die Passion des Kinobetreibens der alten Schule auch für zukünftige Kinogänger konserviert.

Rehman zeichnet mit sicherer Hand einen ersten Entwurf, lässt sich dann ein Bild der Hauptdarstellerin des Filmes, den man in der folgenden Woche zeigen wird, geben. Dafür holt der Assistent einen Packen alter Poster und Zettel aus dem Schrank, teils vergilbt, teils rissig, aber so wertvoll, dass dieses alte Papier nicht im Müll der Geschichte landet. Der Entwurf wird auf große Leinwände übertragen. Seine beiden Mitarbeiter, Schüler sozusagen, sind ihm, auch wenn er oft schimpft, wie seine Söhne. Seine eigenen Söhne halten von seiner Arbeit nichts. Während also die Entstehung eines Plakats der rote Faden ist, den hier die Filmemacher legen, so begnügen sie sich nicht auf dieses Metier, denn auch die Arbeit von Kinobetreibern hat sich gewandelt. Familienbetriebe können kaum mehr bestehen und Najma Loynmoon, die Betreiberin, hätte den Laden schon lange zumachen können. Dass sie es so weit gebracht hat, hat ihr Großvater, der das Kino einst eröffnete, wohl nicht gedacht. Zumal sie eine Frau sei, hat er ihr das Kino erst übergeben, als er selbst zu krank wurde. Sie verbindet mit dem Kino ihre wichtigsten und tragischen Momente. Das Erlebnis Film hat sie so sehr geprägt, dass sie gar nicht anders kann und darum will sie auch nicht aufgeben, auch wenn die Zeiten immer schlechter werden, die Leute ausbleiben, die Verleiher die Preise für die Kopien erhöhen und und und.

Wenn wir dem Kopienzulieferer auf seinem Rad durch den Trubel der Metropole folgen, den Ticketverkäufer seine Kinokarten anpreisen hören, wenn die lokale Werbung durch einen Projektor geschoben wird und dann die 35 mm-Kopie anspringt, ist es herzlich egal, dass Filmkunst hier B-Ware mit Action und Keilerei bedeutet. Das Kino wird hier lebendig und gleichzeitig schaut man um seine Endlichkeit wissend mit einem nostalgischen Blick auf die Leinwand auf der Leinwand und schmunzelt gar, wenn der Filmvorführer den Wechsel verpasst.

Elisabeth Nagy


"Wien vor der Nacht" eine Doku von Robert Bober: Ab 9. März 2017 im Kino.

Eine Reise in die Zeit vor der Finsternis. Eine berührende Familiengeschichte und eine tief persönliche Reflektion über jüdische Identität. Der Dokumentarfilmer schaut 100 Jahre zurück in die Zeit zwischen dem Ende der Monarchie Österreich-Ungarn und dem Anschluss der Alpenrepublik an Hitler-Deutschland. Damals galt Wien als die kulturelle Hauptstadt Europas und hatte eine große jüdische Gemeinde mit Intellektuellen wie Stefan Zweig, Arthur Schnitzler, Joseph Roth, Franz Werfel und Sigmund Freud. Ein Film der Edition Salzgeber. Hier der wunderbare Trailer:



Filmkritik:
Seinen Urgroßvater hatte der französische Filmemacher und Schriftsteller Robert Bober nicht mehr kennengelernt. Bober macht sich in einer französischen, deutschen und österreichischen Koproduktion auf nach Wien, um das Grab seines Vorfahren und die Spuren jüdischen Lebens zu finden. Er streift durch die Stadt, die er mit Filmausschnitten alter Max-Ophüls-Filme und anderen Archivaufnahmen abgleicht, er besucht die Buchhandlungen und zieht die Bücher von Stefan Zweig, Joseph Roth und Thomas Bernhard heran. Er verbindet die Geschichte, die ihm von seinem Urgroßvater überliefert ist mit dem kulturellen Erbe der Stadt. Er denkt über das Auswandern und das Bleiben nach, ruft das Schicksal von denen, die es nach Amerika geschafft hatten und das von denen, die geblieben waren oder bleiben mussten, ins Gedächtnis. Vor allen Dingen will er die Erinnerung, immerhin ist er selbst 85 Jahre alt, bewahren und weitergeben. Das schulde man den Toten.

Elisabeth Nagy

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