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Filme, die gerade gestartet sind, oder ab morgen laufen

Drei aktuelle Filmrezensionen - ein Film davon startet erst morgen.



Das wahre Leben schreibt oftmals die besten, traurigsten und skurrilsten Geschichten. Dieser Ausspruch von unserer Filmkritikerin Ulrike Schirm war eigentlich auf die nachfolgende Rezension gemünzt, passt aber auch zu einem weiteren Film, den Elisabeth Nagy danach besprochen hat.

"LION - DER LANGE WEG NACH HAUSE" von Garth Davis:
Seit 23.02.17 im Kino.

Hier der Trailer:



Filmkritik:
Der kleine indische Junge Saroo, herzzerreißend gespielt von dem achtjährigen Sunny Pawar, ist mit seinem großen Bruder unterwegs und verliert ihn im Menschengetümmel aus den Augen. Er flüchtet in einen Zug. Mit seiner Schlafpuppe unter dem Arm, landet er tausende Kilometer entfernt von seinem Heimatort, in dem indischen Moloch Kalkutta. Orientierungslos streunt er duch die fremde Stadt, versteht die Sprache nicht. Er spricht nur Hindi, das Bengalische hat er noch nie gehört.

Eine fremde Frau nimmt sich seiner an. Schnell ahnt er, daß etwas nicht stimmt. Die Frau versucht ihn, an einen Kinderpornoring zu vermitteln. Doch der Kleine flieht. Er findet Unterschlupf in einem Waisenhaus. Er weiß nur, daß seine Mutter Mama heißt und den Namen seines Heimatdorfes kann er nicht richtig aussprechen. Auch hier werden Kinder zum Sex vermittelt und die, die unter Hospitalismus leiden, werden geschlagen und misshandelt. Doch der der kleine Saroo hat Glück im Unglück. Er wird von einem liebevollen australischen Ehepaar (Nicole Kidman) und (David Wenham) adoptiert. Seine Mutter hat er dagegen nicht mehr wiedergefunden.

25 Jahre später. Der inzwischen erwachsen gewordene Saroo (Dev Patel) befindet sich in einer Identitätskrise. Auf einer Party entdeckt er ein besonderes Gebäck. Leuchtend gelbe, in Butterschmalz frittierte Teigkringel, sogenannte Jalebis. Plötzlich kehrt die Erinnerung an seine Kindheit zurück. Der ehemalige Waisenjunge fängt wie wild an, nach dem Ort, indem seine Mutter und sein Bruder lebte, zu suchen. Dank an Googlemap! Er klingt sich völlig aus seinem Alltag aus und recherchiert wie besessen alte Zugfahrpläne, Orte und Erinnerungsmerkmale, die sich ihm aus Kindertagen eingeprägt haben. Die endlosen Google-Earth-Sequenzen hätte man ein wenig kürzen können. Kilometer um Kilometer kämpft er sich voran. Es dauert einige Monate, bis er endlich fündig geworden ist. Er fährt an den Ort zurück wo er hoffentlich die Mutter und den Bruder wiederfindet. Der Oscar nominierte Film besticht mit starken Gefühlen, grandiosen Bildern und einem Kinderstar, den man in seine Arme schließen möchte. Eingeschoben wurde am Schluss echtes Filmmaterial mit dem wahren Saroo. Gott sei dank, erzählt der australische Regisseur Garth Davis die Geschichte des verlorenen Sohnes ohne kitschigen Pathos, versteht es aber nachhaltig zu berühren, dank dieser herzzerreißenden Präsenz des kleinen Saroo. Kaum wiederzuerkennen, Nicole Kidman, die für ihre Rolle als Adoptivmutter für den Oscar nominiert wurde. Sie ist nicht nur die Adoptivmutter von Saroo, sondern von auch von dem adoptierten jüngeren Bruder, der ein schweres Trauma mit sich herumschleppt, psychisch verstört ist und die Eltern zur Verzweiflung treibt.

Ulrike Schirm


"DIE FRAU IM MOND - ERINNERUNG AN DIE LIEBE" von Nicole Garcia:
Ab 2. März 2017 im Kino.

Die Verfilmung des gleichnamigen Bestsellers von Milena Agus über eine französische Liebestragödie der vierziger Jahre. Hier der Trailer:



Filmkritik:
Das wunderschöne Gesicht von Marion Cotillard blickt einen durch das Seitenfenster eines Wagens an. Das Auto rollt durch die französische Landschaft und erst, als sie in die Stadt kommen, erkennt man zum einen, dass das Setting irgendwann in den 50er Jahren verortet werden sollte, und zum anderen, dass diese junge Frau einer Obsession folgt, der sich der Film in den nächsten zwei Stunden zu ergründen versucht.

Sie lässt Ehemann und Sohn mitten in der Fahrt zurück, als sie plötzlich aussteigt und davon eilt. Sie sucht eine Adresse und findet sie auch. Jahrelang hat sie diesen Schritt nicht gewagt. Dann blendet Nicole Garcia (“Place Vendôme”) zurück. Gabrielle ist ein junges Mädchen, deren Eltern ein Gut besitzen, also nicht ganz arm sind, die sich nicht gerade zaghaft an ihren Lehrer ranschmeißt und ihn vor dem Dorf demütigt, als er sie abweist. War das Buch, dass er ihr geliehen hatte, daran schuld? Gabrielle, so stellen wir fest, ist leicht überspannt, um es höflich auszudrücken. Wenn sie mal wieder ihren Rappel bekommt, steht sie nackt am Fenster, auf dass die Arbeiter sie sehen. Aber eine Exhibitionistin ist sie nicht. Sie quält nur gerne sich und andere mit ihrer Unberechenbarkeit.

Kein guter Einstieg, denn die Vorlage, der italienische Roman von Milena Agus, “Mal di Pietre”, hätte auch eine andere Eröffnung nahelegen können. Dazu kommt, dass Marion Cotillard allein durch ihr Aussehen nicht der Schlichtheit der Figur gerecht werden kann und als französischer Star auch zu sehr im dramaturgischen Fokus steht. Der Film weicht in einigen Teilen vom Roman ab, konzentriert sich auf die Obsession und den Schmerz, den dieser auslöst.

Gabrielle wird von ihrer Mutter einem Handwerker zur Frau gegeben. Eine scheinbare Verzweiflungstat, um sie versorgt und aus dem Haus zu wissen, vielleicht auch um der jüngeren Schwester nicht jede Chance auf eine eheliche Verbindung zu nehmen. Gabrielle heiratet also den Katalanen José (Alex Brendemühl) und stellt klar, dass sie nicht gewillt ist, mit ihm zu schlafen. Das ist scheinbar ganz in seinem Sinne, denn er erhofft sich aus der Verbindung einen gesellschaftlichen Start und die Möglichkeit, fern seiner früheren Heimat, sein eigener Herr zu werden. Als Maurer hat er nach dem zweiten Weltkrieg, der Film scheint in der zweiten Hälfte der 40er und in den 50ern zu spielen, sicherlich auch genügend Aufträge.

Aus rein finanziellen Überlegungen entschließt sich Gabrielle, dass sein Geld lieber bei ihr und ihrem Zuhause bleiben solle, statt ins nahe Bordell getragen zu werden, und so schlafen sie fortan miteinander. Nach der ersten Fehlgeburt stellt sich heraus, dass sie an Nierensteinen leidet. Mindestens, denkt sich das Publikum wohlmöglich, aber es war damals wohl nicht die Zeit, um ihr einen Psychiater auf den Hals zu hetzen und das wäre auch eine andere Geschichte geworden. Ihre Mutter hatte José reinen Wein eingeschenkt. Gabrielle würde in ihrer eigenen Welt leben und José nimmt sie, wie sie ist. Er ist ein schweigsamer Mann, der seine Vergangenheit, die unter Franco sicherlich nicht rosig gewesen sein wird, für sich behält und hart arbeitet, um Gabrielle alles zu geben, was sie braucht. Da muss ein Funke Zuneigung sein, von seiner Seite.

Aber “Die Frau im Mond” ist eine etwas bemühte Romanze, die mit schönen Bildern und großen Gefühlen punkten will und dabei genau das unter dem Deckel zu halten wünscht. Es reicht doch schließlich, wenn wir in Cotillards Gesicht schauen. Was braucht es mehr? Eigentlich, auch wenn die Zeit hier vergeht, ohne dass auch nur eine Figur altert, könnte “Die Frau im Mond” eine Coming-of-Age-Geschichte sein. Gabrielle muss durch ihre selbst geschaffene Hölle, um diese zu überwinden.

Zuerst einmal kommt sie in ein Sanatorium. Das ist zwar teuer, aber José scheint ihr die Welt zu Füßen legen zu wollen, ohne auch nur etwas zurück zu erwarten. Im Sanatorum lernt sie nun einen jungen Offizier kennen, gespielt von Louis Garrel, der im Indochina-Krieg verwundet worden war und der gerade noch mit Hilfe von Opiaten dahinsiechen kann. Er ist somit der ideale Kandidat für ihre Aufmerksamkeit. Sie weicht ihm förmlich nicht von der Seite. Sie projeziert all ihre Erwartungen und ihre Vorstellung von Liebe auf den Kranken und niemand kann sie davon abhalten. Unterkühlt bleiben diese Szenen, die Chemie zwischen Garrel und Cotillard bleibt imaginär, der Zuschauer sieht mit einem Auge sein sich Zurückziehen von ihr, weil er ihr nichts geben kann und mit dem anderen ihre Bemühungen um ihn und um ihre Idee von Liebe. Diese zwei Sichten kämpfen nun gegeneinander, finden aber nur im Kopf des Zuschauers statt, wenn er oder sie nicht schon hinweggedämmert ist von so viel Nichthandlung. So viel Wille zum Gefühl gelingt den Amerikanern regelmäßig, bei den Franzosen erhofft man sich immer noch einen tieferen Sinn und der scheint sich nicht einzustellen.

Es bleibt dem letzten Akt überlassen, zumindest einiges wettzumachen, was den Zuschauern die Taschentücher aus den Taschen zieht. Wieder heimgekehrt, bekommt Gabrielle ein Haus zu Füßen gelegt, sogar ein Klavier hat José ihr gekauft. Doch sie schreibt eifrig Briefe an den Mann, den sie nun einmal liebt in ihrer Vorstellung. Einmal hat sie sogar schon ein Taxi bestellt und sitzt mit gepackten Koffern da. Ihre Briefe kommen stets zurück. Und José bleibt geduldig, erträgt ihren Zustand, erträgt ihre Bissigkeit. Alex Brendemühl hält sich zurück und ist doch in jedem Bild präsent.

Das Kind, dass sie neun Monate nach ihrem Klinikaufenthalt zur Welt bringt, kann sie dennoch nicht lieben. Folglich ist die Bindung zwischen dem Sohn und ihrem Mann eine viel tiefere, als zur Mutter. Doch der Sohn scheint genauso musikalisch zu sein, wie eben jener Soldat es war, auf den sie schon nicht mehr wartet. Sie vegetiert vor sich hin, ohne Liebe und ohne Gefühl. Ja, es wird einen Twist geben, den ich hier nicht verrate. Der etwas holprig inszeniert und viel zu ausgiebig erklärt wird. Und der dann doch die Herzen schmelzen lässt. “Die Frau im Mond” ist so, als würde sie das Gesicht vom Licht abwenden und dann mit einem Schlag die Augen öffnen und erkennen, dass sie alles hat, was sie braucht. Auch die Liebe. Allerdings, und das sollte man wissen, gibt es diesen Twist, der einem Nicholas Sparks gut stehen würde, gar nicht in der Vorlage. Es ist Brendemühl zu verdanken, dass etwas Romantik in die mechanisch blutleere Inszenierung kommt, dabei sollte man aber feministische Ansätze nicht einmal mit der Lupe suchen wollen. Zumal die Regie der Figur nicht einmal den Freigeist der Vorgabe gönnt, sondern sie als Gefangene in ihrem eigenen Körper zeichnet.

Elisabeth Nagy


"A CURE FOR WELLNESS" von Gore Verbinski: Seit 23.02.2017 im Kino.

Eine nicht ganz unwahrscheinliche Horrorgeschichte, die teilweise ganz in der Nähe von Berlin gedreht wurde. Hier der Trailer:



Filmkritik:
Lockhart (Dane Dehaan), ein durch und durch ehrgeiziger Mitarbeiter einer New Yorker Investment Agentur, die in einigen Schwierigkeiten steckt, wird in die Schweiz geschickt, um einen seiner Chefs zurückzuholen. Der befindet sich in einem luxuriösen Wellnesscenter zur Kur. Eigentlich hätte er schon längst wieder in den USA sein müssen. Als Lockhart dort ankommt, steht er vor einem schlossähnlichen Prachtbau, inmitten einer der schönsten Landschaften. Der Chef des Spa (Jason Isaacs) behandelt seine Patienten auf ganz besondere Weise. Er reinigt die zivilisations-verseuchte Klientel an Körper und Geist. Lockhart, der durch einen Unfall gezwungen ist, sich länger als vorgesehen in der Klinik aufzuhalten, merkt sehr schnell, dass mit den Behandlungsmethoden irgendetwas nicht stimmt. Er ist in einem Horrorhaus gelandet. Unheimliche Gruselszenen zerstören die trügerische Idylle. In dem hochgelobten Heilwasser muss etwas Fürchterliches beigemischt worden sein. Mystische Vorgänge führen den Zuschauer in die Irre. Was ist mit der auf Mauern balancierenden Dauerpatientin Hannah (Mia Goth) passiert? Ihr Verhalten ist mehr als merkwürdig.

Die Ausstattung ist mehr als genial. Der Horror ist grandios bebildert. Leider, leider kippt das Gruseldrama. Je näher es auf das Ende zugeht, wird aus dem spannenden Mysterydrama ein enttäuschendes Hysterie-Movie. Gore Verbinski ("Fluch der Karibik") hat sich mit der Länge von 146 Minuten etwas übernommen. Wie sagt man? In der Kürze liegt die Würze. Einige Szenen wurden in den stillgelegten Beelitzer Heilstätten, unweit von Berlin gedreht. Wer Lust auf einen Ausflug hat, kann sich dort gelassen umschauen.

Ulrike Schirm

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