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Wim Wenders Meisterwerk ist nach 30 Jahren zurück im Kino

Zwei aktuelle Filmkritiken von Filmen, die gerade angelaufen sind.

Trotz des schönen Frühlingswetters kann das Berliner Festival achtung berlin - new berlin film award derzeit nicht über Besuchermangel klagen. Ausverkaufte Vorstellungen im Kino Babylon Berlin und tosender Applaus beim Publikum lassen Hoffnungen aufkommen, dass es der Filmwirtschaft immer besser geht.

Doch die Hoffnung trügt ein wenig, denn nach dem verhagelten ersten Quartal sorgt das frühsommerliche Wetter in ganz Deutschland dafür, dass sich das Kino trotz starker Titel nicht so recht erholen kann. Nur in Berlin macht das derzeit laufende Festival eine Ausnahme. Allerdings handelt es sich hierbei auch um ein Heimspiel, denn die Mehrzahl der Besucher sind geladene Gäste, oder Teammitglieder. Darüber hinaus lassen sich Filmfestivals nicht mit normalen Maßstäben vergleichen, sondern haben immer den Erstaufführungsbonus, egal ob Welturaufführung oder die lokale Premiere in einer Stadt wie Berlin.

Deutschlandweit hatte das bisher schwächste Kinowochenende des Jahres "Ready Player One" mit nur 15.000 Besuchern und 160.000 Euro Umsatz zu Beginn seines zweiten Wochenendes. Bis gestern, Sonntag, den 15.04.2018, sollte der Film allerdings 100.000 Zuschauer und 1,1 Mio. Euro Boxoffice geschafft haben.

Der Neustart von "A Quiet Place", bleibt mit einem Starttag von nur 12.000 Besuchern und 100.000 Euro Kasse in 370 Kinos ebenfalls ein Boxofficewunder wie in den USA versagt. Mit ein bisschen Mundpropaganda könnte es dem Horrorhit von John Krasinski in dieser Woche allerdings gelingen - zusammen mit dem Startwochenende - , mehr als sechsstellige Besucherzahlen zu erlangen. Hier unsere Filmkritik:

"A QUIET PLACE" Horrorthriller von John Krasinski (USA). Mit John Krasinski, Emily Blunt, Millicent Simmonds u.a. seit 12. April 2018 im Kino. Hier der Trailer:

Ulrikes Filmkritik:

Endlich! Ein Horrorfilm, der mir in einigen Szenen das Blut in den Adern gefrieren lässt.

Eine Familie mit drei Kindern betreibt eine kleine Farm am Rande eines Waldes. Die beschauliche Kleinstadt ist nicht weit entfernt. Doch die Idylle trügt. Schleimige Aliens, die an übergroße Heuschrecken erinnern, lauern im Hinterhalt. Sie sind blind, kopflos, stattdessen fahren sie eigenartige Antennen aus, die den Schall orten. Bei jedem Geräusch, dass sie wahrnehmen, schnellen sie blitzartig hervor und zerfetzen ihre Beute in Windeseile.

Wer hier lebt, muss mucksmäuschenstill sein. Schon einige Menschen aus ihrer Umgebung, sind den Monstern zum Opfer gefallen.

Lee und Evelyn Abbott (John Krasinski, Emily Blunt) mussten mitansehen, wie durch die Unachtsamkeit seiner gehörlosen Schwester, trotz aller Vorsorge, der jüngere Bruder von Monstern rasend schnell zerfetzt wurde. Seitdem hat das Mädchen das Gefühl, von seinen Eltern nicht mehr geliebt zu werden.

Die Stille im Haus ist unerträglich. Alle Gegenstände, die Geräusche machen könnten sind verbannt. Alle laufen nur barfuß herum. Bei gemeinsamen Würfelspielen, wird der Würfel nur auf einer dicken Decke bewegt. Sie verständigen sich fast nur mit Hilfe der Gebärdensprache oder im Flüsterton. Alles, was Geräusche macht und Kindern Spaß bereitet ist verboten.

Da Evelyn hochschwanger ist, arbeitet Vater Lee an einem schallisolierten Raum, der rechtzeitig fertig werden muss. Für die Mutter eine Tortur. Wie soll sie es schaffen, die schmerzhaften Wehen lautlos zu überstehen. Was passiert, wenn das Baby schreit? Die Geburt gehört zu den spannendsten und dramatischsten Momenten des gesamten Films. Die Sorge der Eltern, wenn ihr Sohn Marcus (Noah Jupe) und seine Schwester Regan (Millicent Simmonds) allein das Haus verlassen, berührt zutiefst. Nur eine übermütige Laune, kann ihren Tod bedeuten.

Die atemberaubende Stille ist die große Stärke dieses Familiendramas. Im Kinosessel kauernd wartet man auf jedes unverhoffte Geräusch, wohlwissend, was dann passiert. In "A QUIET PLACE" steht das Ehepaar Blunt / Krasinski erstmals gemeinsam vor der Kamera unter seiner Regie.

Schauspielerin Millicent Simmonds ist im wahren Leben wirklich gehörlos, was ihr Spiel besonders authentisch macht. Immer dann, wenn sie im Bild ist, herrscht eine absolute Stille. Jedes noch so geringfügige Geräusch wird ausgespart. Krasinski liefert in seinem Regiedebüt kaum blutrünstige Horrorbilder. Er arbeitet überwiegend mit der Angst, die sich bei den Mitwirkenden in ihrem Mienenspiel mitreißend ausdrückt und sich auf den Zuschauer überträgt. Zwischen den Bildern steht die Frage: Wie weit würde man gehen, um seine Kinder zu beschützen? Das Horrordrama einer Familie die lautlos um ihr Leben kämpft, ist Spannung pur.

Kleiner Tipp: Unbedingt vorher auf die Toilette gehen. Man sollte nicht eine Minute der Handlung versäumen. Nr.1 in den amerikanischen Kinocharts.

Ulrike Schirm

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"DER HIMMEL ÜBER BERLIN" neu in 4K digitalisiertes Fantasydrama von Wim Wenders aus dem Jahre 1987 (Deutschland / Frankreich). Mit Bruno Ganz, Solveig Dommartin, Otto Sander u.a. seit 12. April 2018 im Kino. Hier der Trailer:

Ulrikes Filmkritik:

Er ist wieder da "DER HIMMEL ÜBER BERLIN"

Über 30 Jahre nach seiner Uraufführung kommt Wim Wenders Liebeserklärung an Berlin in einer vollständig restaurierten Fassung auf die große Leinwand zurück.

Der Großteil des 1986/87 liebevoll gedrehten Meisterwerks wurde in schwarz/weiß gedreht, aber er enthält auch farbige Passagen, vor allem zum Ende hin als der Engel Damiel der Liebe wegen auf seine Unsterblichkeit verzichtet und die Welt in bunten Farben sieht.

Für die Restaurierung konnten alle Originalnegative, schwarz/weiß sowie Farbe, in einer Auflösung von 4K gescannt, retuschiert und lichtbestimmt werden. Wenn mehrere Generationen einer Einstellung gefunden waren, wurde genau analysiert, welches Material das ursprünglichste war. Blenden und optische Arbeiten wurden digital nachgebaut, Bild für Bild identisch, so dass der Film jetzt erstmals in Originalqualität der ersten Generation zu sehen ist. In einer Bildqualität, wie sie noch nie zu sehen war. Der Filmschnitt wurde nicht verändert.

Ursprünglich war der Ton in Dolby Stereo gemischt, jetzt wurde er von den originalen Magnetbändern für den heute in Kinos üblichen 5.1 Surround Ton übertragen. Der Film kann heute so gezeigt werden, wie sein Kameramann Henri Alekan ihn sich gewünscht hätte.

Heute ist „Der Himmel über Berlin“ ein historisches Zeitdokument. Die in ihren langen Mänteln gekleideten Engel Damiel (Bruno Ganz) und Cassiel (Otto Sander) durchstreifen das alte West-Berlin. Sie hören die Gedanken der Sterblichen und versuchen, da wo Kummer angesagt ist, zu trösten. Sie sind farbenblind und sehen die Welt nur in Schwarzweiß. Eine durchgängige Geschichte wird nicht erzählt.

Fast schwerelos bewegt sich die Kamera durch die geteilte Stadt. Der Himmel über Berlin war unter den Alliierten aufgeteilt und der englische Offizier, der die Filmcrew in einem britischen Armeehubschrauber für damals imposante Luftaufnahmen über die Stadt flog, musste höllisch aufpassen, nicht über die Mauer zu fliegen oder gar in den sowjetischen Sektor in Ost-Berlin einzudringen.

Es sind Bilder dabei herausgekommen von einer Stadt, die es so nicht mehr gibt. Eine Stadt, in der sich die Kriegsdienstverweigerer tummelten, wie zum Beispiel auf der Oranienstraße, damals noch ohne feine Cafés. Ohne Massen von Touristen, die ihre Rollkoffer hinter sich herzerren. Stattdessen eine Fülle von urigen Kneipen, in denen man für wenig Geld, die Nächte rauchend und saufend verbringen konnte. Leere Brachen, sowie der unbebaute Potsdamer Platz, unkrautüberwuchert, ein sogenanntes Niemandsland. Verdreckte Hinterhöfe mit spielenden Kindern, zwischendrin immer wieder die Engel, die die verschiedensten Menschen belauschen und über sie wachen. Viele unbekannte und bekannte Gesichter begegnen uns.

Peter Falk, der ein Engel war, durchstreift die Stadt mit seinem Zeichenblock. Der damals 85-jährige jüdische Schauspielveteran Curt Bois steht auf dem verwilderten Potsdamer Platz und gibt als greiser Professor von Peter Handke geschriebene philosophisch geprägte Texte wieder. Überhaupt sind fast alle Texte, die von den Hauptfiguren gesprochen wurden von Handke geschrieben, in einer wunderschönen poesievollen Sprache. Mit Wehmut lauscht man dem Konzert von Nick Cave im alten Esplanade. Für gebürtige Berliner, die im alten West-Berlin aufgewachsen sind, gibt es hier und da ein kurzes Wiedersehen mit alten Bekannten aus der West-Berliner Szene. Eigentlich kann man sich nicht satt sehen an den Bildern dieser damals geteilten Stadt, die von einer teilweise morbiden Schönheit sind und diese ganz besondere Atmosphäre, die diesem West-Berlin durch seine Insellage innewohnte, widerspiegeln.

Als der Engel Damiel sich in die Trapezkünstlerin Marion verliebt und von der Unsterblichkeit seines Engeldaseins in die Rolle eines Menschen flüchtet, wird der Film bunt. Und damit ist auch der Zauber der schwarz-weiß Bilder verschwunden. Sein Freund Cassiel ist nun allein unterwegs. Es gibt so viel in diesem Film zu entdecken und zu hören, dass man ihn getrost wiedersehen kann. Mein heißgeliebtes West-Berlin kommt nie mehr wieder. Es lebe die Erinnerung.

Ulrike Schirm

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