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Neue Filme in deutschen Kinos im Dezember 2017

Ulrike Schirm und Isolde Arnold haben für uns wieder neue Filmkritiken geschrieben.

Fatih Akins Drama "Aus dem Nichts" geht für Deutschland ins Rennen um eine Oscarnominierung in der Kategorie Bester nicht-englischsprachiger Film und hatte am 23. November 2017 das Kinofest Lünen als deutsche Festival-Premiere eröffnet. Am selben Tag war auch der deutsche Kinostart angekündigt worden. Nun folgt, wie versprochen, unsere Filmkritik.

"AUS DEM NICHTS" Thriller/Drama von Fatih Akin (Deutschland, Frankreich). Mit Diane Kruger, Denis Moschitto, Numan Acar u.a. seit 23. November 2017 im Kino. Hier der Trailer:

Ulrikes Filmkritik:

Es ist ein ganz normaler Tag für Katja Sekerci (Diane Kruger). Liebevoll verabschiedet sie sich von ihrem türkischstämmigen Ehemann und ihrem kleinen Sohn. Kurze Zeit später, ein Riesenknall, Nägel fliegen durch die Luft, die Körper des Mannes (Numan Acar), der in Hamburg ein kleines Geschäft betreibt und des Kindes, werden durch die Bombe bis zur Unkenntlichkeit zerfetzt.

Wie „Aus dem Nichts“ bricht ihre heile Welt zusammen.

Fatih Akin verarbeitet mit seinem neuen Film seine heillose Wut auf die Morde der rechtsradikalen NSU und widmet sich in erster Linie deren Opfer und dem, was es mit ihnen macht. Er erzählt die persönliche Geschichte einer Frau, die an den Folgen ihres Schmerzes zusammenzubrechen droht. Der Schock sitzt tief, Trauer und Verlust hinterlassen eine Wunde, deren Schmerz unerträglich ist.

Akin teilt seinen Film in drei Blöcke auf. Der erste Teil zeigt Katja, die in ihrem Schmerz total alleingelassen ist und sich den ungeheuerlichen Verdächtigungen seitens der Behörden gegen die Opfer ausgesetzt sieht. Der zweite Teil findet im Gerichtssaal statt. Katja sitzt dem Mörderpaar aus dem rechtsradikalen Milieu gegenüber, beseelt von dem einzigen Gedanken an Gerechtigkeit und Vergeltung. Als eine Gutachterin nüchtern die Verletzungen ihres Sohnes schildert, stockt auch dem härtesten Zuschauer der Atem. Das Neonazi-Pärchen wird wegen mangelnder Beweislage frei gesprochen, basierend auf der Falschaussage eines griechischen Neo-Nazis. Feixend verlassen die beiden den Gerichtssaal.

Im dritten Akt macht sich Katja, die wegen ihres qualvollen Schmerzes wieder Drogen nimmt, sich auf den Weg nach Griechenland, (die Täter sind dort untergetaucht), um auf eigene Faust für Gerechtigkeit zu sorgen. Akin beschreibt das Drama einer Frau, die alles verloren hat was ihr lieb und wichtig war, ihren Frieden und leider auch ihren Lebensmut, die in ihrer Ohnmacht für eine umstrittene Gerechtigkeit eintritt, die ihr die Justiz verwehrt hat. Als Zuschauer hat man das Gefühl, dass Kruger auf die beklemmenden Situationen fast ausschließlich emotional reagiert, als das sie eine Rolle spielt. Das macht sie wirklich großartig. Sie verleiht ihrer Rolle damit eine unnachahmliche Authentizität.

Ob sich Akin mit dem Ende dieses Dramas einen Gefallen getan hat ist äußerst umstritten und sorgt für Diskussionsstoff. Aus der Sicht von Katja mag es konsequent sein. Auch sein Drehbuch weist einige Schwächen auf, die vielleicht damit zu erklären sind, dass sein Hauptaugenmerk auf der emotionalen Achterbahnfahrt seiner Hauptdarstellerin lag. Für die Gerichtsszenen ist die Handschrift von Hark Bohm verantwortlich, dessen präzise, schnörkellose Beschreibung durchaus stimmig ist.

Was den wahren NSU Prozess anbelangt, ist unter anderem, die bodenlose Ungeheuerlichkeit, dass bestimmte Akten für 120 Jahre gesperrt wurden.

Ulrike Schirm

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"DETROIT" Drama/Thriller von Kathryn Bigelow (USA). Mit John Boyega, Will Poulter, Algee Smith u.a. seit 23. November 2017 im Kino. Hier der Trailer:

Ulrikes Filmkritik:

Detroit im Sommer 1967. Ein Nachtclub wird von den Bullen geräumt. Es sind hauptsächlich »Schwarze«, die sich dort aufhielten. Daraufhin entlädt sich eine bittere Wut. Zerstörung und Plünderungen sind die Folge. Auch ein Konzert der R&B – Gruppe "The Dramatics" wird abgesagt. Der Veranstaltungsort bleibt leer.

Der junge Sänger Larry Reed, der hart an seinem Durchbruch arbeitet, kann es nicht fassen. In seiner Verzweiflung steht er auf der Bühne und singt vor den leeren Plätzen. Die Nationalgarde verhängt eine Ausgangssperre. Es erschien unmöglich während der Unruhen, sicher nach Hause zu kommen. Reed und sein bester Freund flüchten ins „Algier Motel“, eine Billigherberge. Einer von den jungen Leuten, die sich dort aufhalten, feuert aus Jux einen Schuss aus einer Art Spielzeugpistole ab. Eine Truppe rassistischer weißer Polizisten stürmt das Gebäude und treibt eine Gruppe überwiegend »Schwarze« zusammen. Darunter zwei junge weiße Mädchen, die wie der letzte Dreck behandelt wurden, nur weil sie sich mit »Schwarzen« eingelassen haben. Purer Hass schlägt ihnen entgegen. Die brutalen Verhörmethoden und die widerwärtigen Einschüchterungen der Beamten, hat Kathryn Bigelow in Echtzeit gedreht, was die unglaubliche Brutalität der Vorgehensweise unerträglich erscheinen lässt und auch die Schauspieler an den Rand der Zumutbarkeit treibt.

Einer der Beamten hatte ein besonderes sadistisches „Vergnügen“ die vor Angst zitternden Gefangenen zu quälen. Sieben schwarze junge Männer und zwei weiße Frauen wurden auf unvorstellbare Art und Weise misshandelt. Nach Beendigung der Razzia sind drei schwarze junge Männer tot. Ermordet von drei hassbesessenen weißen Polizisten. Ein wahrer Alptraum.

Bigelow hat mit einigen Überlebenden und Zeitzeugen zusammengearbeitet, um die Vorfälle genauestens zu reproduzieren. Für so manchen von ihnen eine schier unerträgliche emotionale Überwindung, die Ereignisse wieder aufleben zu lassen. Bigelows Film ist ein brisantes Lehrstück über unfassbare Polizeigewalt, welches bis in die Gegenwart reicht und für Empörung sorgt, in einem bis heute gespaltenem Land, mit einem hohen Mass an Rassismus. Der Film „Detroit“ erinnert nicht nur an die barbarischen Vorfälle vor fünfzig Jahren, nein….. er ist beklemmend aktuell, wenn man an die aktuell rassistisch motivierten Exzesse in Charlottesville denkt.

Ich musste mich zwingen, die Vorführung nicht zu verlassen. Eine unbändige Wut stieg in mir hoch. Mir wurde fast übel vor Trauer und Mitgefühl.

Ulrike Schirm

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"BATTLE OF THE SEXES - Gegen jede Regel" Biopic von Jonathan Dayton & Valerie Faris. (Großbritannien, USA). Mit Emma Stone, Steve Carell, Andrea Riseborough u.a. seit 23. November 2017 im Kino. Hier der Trailer:

Ulrikes Filmkritik:

Texas 1973. Man muss schon zweimal hinschauen, um Emma Stone in ihrer Rolle der damaligen Nummer 1 der Weltrangliste im Tennis, Billie Jean King, zu erkennen. Man merkt ihr an, dass es für sie eine Freude war, mit der Siebzigerjahre Frisur, einer Brille und den entsprechenden Klamotten, ihr Äusseres zu verändern. „Battle of the Sexes – Gegen jede Regel“ ist die Geschichte des legendären Schaukampfes im Astrodome von Houston Texas 1973.

Die 29-jährige King tritt in dem Schaukampf gegen den 55-jährigen abgehalfterten Champion Bobby Riggs (Steve Carell) an. Riggs, ein großmäuliger Chauvi und Zocker vor dem Herrn, der aus seiner Wettleidenschaft keinen Hehl macht, schlug zuvor in einem spannenden Match die damalige »Number 1« Margaret Court. Sein Beweis dafür, dass Männer doch die überlegenere Rasse sind. Bei der Pressekonferenz tönt er lauthals, das das Match gegen King, ein Spiel Macho gegen Emanze wird und das Frauen eigentlich in die Küche gehören. King, die nicht nur auf dem Platz wie eine Löwin kämpft, setzt sich auch vehement für die Rechte der Frauen ein. Sie fordert Respekt, gleiche Bezahlung und das Recht, Frauen lieben zu können, ohne dafür mit Häme und Verachtung gestraft zu werden. Sie nutzt den bevorstehenden Kampf als Revanche gegen die frauenfeindlichen Macker-Sprüche, besonders im Profisport. Schon 1970 gründete die spätere Weltranglistenerste ein Turnier, bei dem Frauen die finanziellen Bedingungen selbst stellen können.

Now, it`s Showtime Baby: Bravourös fegt sie den Macho vom Platz. Sie gewann in 3 Sätzen gegen den fast doppelt so alten Riggs. Vor Freude warf sie ihren Schläger hoch in die Luft.

Auf einer geschmückten Sänfte ließ sich Riggs ins Stadion tragen. Der Kampf der Geschlechter wurde per Satellit am 20. September 1973 in der ganzen Welt übertragen. Seit diesem Sieg wurde sie als Ikone des Frauentennis gefeiert. Gerüchten zufolge soll Riggs das Match absichtlich verloren haben, um seine Spielschulden bei der Mafia zu bezahlen. Zeitgleich hatte die verheiratete King eine heimliche Affaire mit ihrer Friseurin. Wirklich öffentlich machte sie ihr lesbisch sein erst 1981.

Das Regie – Duo Valerie Faris und Jonathan Daton („Little Miss Sunshine“) hat mit viel Engagement ein aufrüttelndes Plädoyer für Gleichberechtigung gedreht, bei dem der Humor, trotz der Ernsthaftigkeit der Thematik, nicht zu kurz kommt. Amüsant und bewegend. Auch wenn Riggs, wie ein nicht ganz ernstzunehmender Tennis-Clown daherkommt, ist es um so bedrohlicher, dass seine Scherze auf fruchtbarem Boden fielen und kritiklos hingenommen wurden.

Ulrike Schirm

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"PADDINGTON 2" Animationskomödie von Paul King (Großbritannien, Frankreich). Mit Elyas M'Barek, Hugh Bonneville, Sally Hawkins u.a. seit 23. November 2017 im Kino. Hier der Trailer:

Ulrikes Filmkritik:

Der liebenswerte kleine Bär Paddington mit Schlapphut und Dufflecoat hat sich bei der Familie Brown eingelebt und ist glücklich und zufrieden. Auch die gesamte Nachbarschaft will den fröhlichen kleinen Kerl nicht mehr missen. Alle lieben seine köstlichen Marmeladenbrote, ohne die er das Haus nicht verlässt. Seine heiß geliebte Tante Lucy feiert demnächst ihren 100. Geburtstag und er will ihr ein besonderes Geschenk machen. Im Antiquitätenladen des freundlichen Mr. Gruber (Jim Broadbent) entdeckt er ein besonderes Pop-up Bilderbuch seiner neuen Heimat London. Er ist begeistert. Leider ist das spezielle Buch sehr teuer. Also beschließt er, sich einen Job zu suchen, um das nötige Geld für sein Geschenk zusammenzusparen. Als das Buch auch noch gestohlen wird, beginnt ein grenzenloses Chaos.

Paddington Brown verfolgt den Dieb auf dem Rücken des streunenden Nachbarschaftshundes. Statt des wirklichen Diebes wird der Bär in Gewahrsam genommen und landet im Gefängnis. In Wirklichkeit war es der abgehalfterte Schauspieler Phoenix Buchanan (Hugh Grant), der nur noch Werbung für Hundefutter macht. Was Paddington nicht weiß, das Buch enthält einen „Schlüssel“ zu einem riesigen Vermögen, mit dem der eitle Fatzke Buchanan eine pompöse Solo-Show auf die Beine stellen kann, mit der er die ganze Welt von sich überzeugen will.

Im Knast macht Paddington Bekanntschaft mit dem allseits gefürchteten Kantinenchef und Tresorknacker Knuckles Mc Ginty (Brendan Gleeson). Paddington schmeichelt sich mit seinem Marmeladenrezept und seiner liebenswürdigen Art ins Herz des knurrigen Knuckles. Bei Paddingtons Flucht aus dem Knast, spielt McGinty noch eine große Rolle. Während der Bär sich im Gefängnis noch einigermaßen arrangiert, treibt der Scharlatan Bucharan draußen sein Unwesen. Es dauert, bis auch die Familie Brown dahinterkommt, dass es sich bei dem charmant daherkommenden Schauspieler um denjenigen handelt, der hinter Paddigtons Verhaftung steckt.

Hinter dem „Hundefutterwerbefuzzy“ steckt nämlich ein gerissener Verkleidungskünstler. Seine verschiedenen Kostüme und die Gabe seine Stimme zu verstellen, helfen dem Schurken erheblich bei seiner gemeinen Tat.

War es im ersten Teil noch Nicole Kidman, die das Böse verkörperte, ist es diesmal Hugh Grant, der sichtlich Spaß an seiner Rolle hat, indem er sich nicht scheut, sich über sich selbst lustig zu machen.

Mir gefällt der zweite Teil fast besser. Die gelungene Mischung aus Komik, Slapstickeinlagen und Abenteuer, runden das Geschehen vielschichtig ab. Ganz neben- bei ist der Spaß auch eine große Liebeserklärung an die Stadt London, mit dem „Cameoauftritt“ von PADDINGTON STATION.

Grant/Buchanan: “Schauspieler gehören zu den verlogensten Menschen auf diesem Planeten“ .

Ulrike Schirm

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"MANIFESTO" Experimentalfilm von Julian Rosefeldt (Deutschland). Mit Cate Blanchett, Ruby Bustamante, Ralf Tempel u.a. seit 23. November 2017 im Kino. Hier der Trailer:

Ulrikes Filmkritik:

Ursprünglich hat der deutsche Künstler Julian Rosefeldt seine Videoinstallation MANIFESTO in großen Ausstellungsräumen installiert. Zu sehen 2016 in Berlin im Hamburger Bahnhof. Auf dreizehn großflächigen Leinwänden, aufgebaut in zwei Hallen, schlüpft die großartige Cate Blanchet in 13 unterschiedliche Rollen, in denen sie Manifeste aus dem 20. Jahrhundert vorträgt.

Nun verkündet sie die Streitschriften auch von der Kinoleinwand. Eine wahre schauspielerische Tour de Force. "MANIFESTO" bedient sich an Texten von Dadaisten, Futuristen, Situationisten, Fluxus-Künstlern, Texte einzelner Künstler, Tänzer und Filmemacher.

Rosefeldt hat die zum größten Teil aus dem 20.Jahrhundert stammenden Schriften in die von Blanchet gespielten gegenwärtigen Personen verwoben und damit in die heutige Zeit transportiert. Genial verkörpert sie eine Puppenspielerin, einen Obdachlosen, eine Fabrikarbeiterin, eine konservative Mutter, eine Lehrerin, eine Punkerin, eine Börsenmaklerin, eine Trauerrednerin und einige mehr. Es ist nicht nur ihre optische Veränderung, sondern auch ihre stimmliche, mit der sie die unterschiedlichen, zum Teil sehr kopflastigen Sätze mal ironisch, dann wieder feinfühlig, tobend oder brüllend in Erinnerung ruft. Ihre Wandelbarkeit ist atemberaubend. Obwohl auch noch andere Schauspieler zu sehen sind, ist MANIFESTO eine einzigartige „One Woman Show“.

Manifeste waren schon immer Gradmesser ihrer Zeit und beinhalteten revolutionäres Gedankengut. Es ist erstaunlich, wieviel davon in unserer Gegenwart wieder hoch aktuell ist. Mein Lieblingssatz aus diesem Film lautet: „Klaut nur von dem, was direkt zu eurer Seele spricht“. Was dem Film fehlt, ist die Möglichkeit, die einzelnen Schriften wiederholt zu lesen, sowie es in der Ausstellung möglich war. Im Film werden sie fast maschinengewehrartig rezitiert, was das Verständnis ziemlich schwierig macht und intellektuell eine Herausforderung darstellt.

Ulrike Schirm

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"COCO – Lebendiger als das Leben!" Fantasy-Animation von Lee Unkrich & Adrian Molina (USA - Disney/Pixar). Mit den Sprechern Heino Ferch, Anthony Gonzalez (VIII), Benjamin Bratt u.a. seit 30. November 2017 im Kino. Hier der Trailer:

Ulrikes Filmkritik:

"COCO", der neue Film aus dem Hause Pixar spielt im mexikanischen Reich der Toten. Man feiert den traditionellen "Día de los Muertos". Die Menschen stellen Fotos ihrer verstorbenen Familienmitglieder auf und bereiten deren Lieblingsessen vor. Auf den Friedhöfen wird gefeiert, Kinder verkleiden sich als Skelette, es wird Musik gespielt und getanzt.

Der zwölfjährige Miguel Rivera, der sich selbst das Gitarrenspiel beigebracht hat und unbedingt seinem großen Gesangsidol Ernesto de la Cruz nacheifern möchte, ist sehr traurig. Bei ihm zu Hause ist es seit Generationen strengstens verboten Musik zu machen. Miguels Ururgroßvater hat damals seine Familie verlassen. Er konnte seinen Traum, ein Musiker zu sein, nicht aufgeben. Ein bürgerliches Familienleben war ihm lästig. Der Junge möchte seine Familie so gerne überzeugen, wie ehrenhaft es ist Musik zu machen, besonders in einem Land, in dem Musik eine ganz große Rolle spielt. Als er sich heimlich seine Gitarre schnappt, um auf dem Marktplatz mit den Menschen und den Toten, die zu Besuch sind zu musizieren, erwischt ihn seine Großmutter, reißt ihm das Instrument aus der Hand und schmeißt es auf den Boden. Miguel weiß sich nicht anders zu helfen, er klaut Ernestos Gitarre aus dem Mausoleum. Es dürfen nur die Toten das Totenreich verlassen, deren Foto von den Familien aufgestellt wird. Ernestos Foto gehört nicht dazu, über ihn werden auch keine Geschichten mehr erzählt. Er gehört zu denen, die endgültig verschwinden.

Während die Lebenden und die Toten miteinander feiern geschieht etwas Magisches: Miguel befindet sich plötzlich im Reich der Toten und trifft auf seine Vorfahren. Unter den skurrilen Knochenmenschen befindet sich der von Miguel vergötterte Ernesto, der auch im Jenseits ein beliebter Star ist. Was Miguel noch nicht ahnt, Ernesto entpuppt sich als ein gerissener Gauner. Es ist eine bizarre Welt in der der Junge gelandet ist. Hier sind die versammelt, denen der Ausflug ins Diesseits verwehrt ist. Die klappernden Skelette sind so etwas wie Menschen zweiter Klasse, obwohl beide Welten auf den ersten Blick in ihrer Buntheit, der Musik und Freude ähnlich sind, leben die im Jenseits in verwahrlosten Orten, geplagt von Schuldgefühlen, resultierend aus negativen Verhaltensweisen, die sie zu Lebzeiten begangen haben.

An Miguels Seite sein treuer Hund Dante, ein sogenannter Xolo Hund, ein mexikanischer Nackthund, der Nationalhund Mexikos, eine Rasse, deren Name sich ableitet von dem aztekischen Gott Xolotl und dem aztekischen Wort für Hund Itzcuintli, der man nachsagt Haus und Hof vor bösen Geistern zu schützen und der auch heilende Kräfte nachgesagt werden. Miguels Abenteuer im Totenreich kann erst dann beendet werden, wenn es Miguel gelingt, seinen Großvater aus der Stadt der Toten zu befreien.

"COCO" ist ein herrlicher Augenschmaus für alle Sinne. Die Bilder sind von einer faszinierenden Buntheit und fröhlicher Morbidität. Anrührend und komisch, ernsthaft und nachdenklich zeigt er einen wichtigen traditionellen Bestandteil der mexikanischen Kultur. Ein Tag, geprägt durch die Kraft des Erinnerns und dem familiären Zusammenhalt der Generationen. Ein farbenprächtiges Erlebnis für die ganze Familie.

Ulrike Schirm

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"DER MANN AUS DEM EIS" Abenteuerdrama von Felix Randau (Deutschland, Italien, Österreich). Mit Jürgen Vogel, André Hennicke, Sabin Tambrea u.a. seit 30. November 2017 im Kino. Hier der Trailer:

Ulrikes Filmkritik:

1991 fand eine Gruppe Bergwanderer am Tisenjoch einen mumifizierten Toten. Nach gründlichen medizinischen Untersuchungen stellte sich heraus, dass der Mann bereits mehr als 5300 Jahre tot war. Wahrscheinlich starb er durch einen abgeschossenen Pfeil, der ihn von hinten in die Schulter traf. Die Steinzeitmumie bekam den Namen Ötzi. Er war etwa 45 Jahre alt, muss wohl in verrauchten Hütten gelebt haben. Befund: Eine geschwärzte Lunge. Er litt an Arteriosklerose. Seine Muskeln waren stark ausgebildet.

Regisseur Felix Randau beschäftigt sich in seinem Film DER MANN AUS DEM EIS mit dem Schicksal dieses Mannes und versucht ungeklärte Fragen in einem fiktiven Plot zu beantworten.

In der deutsch-österreichisch-italienischen Co-Produktion wird die Steinzeitmumie nun zum Leben erweckt. Jürgen Vogel spielt Kelab, einen Anführer einer Sippe von Steinzeitmenschen, der die Ermordung seiner Familie ertragen muss. Er und seine Frau Kisis (Susanne Wuest) leben in einer jungsteinzeitlichen Siedlung in den Südtiroler Alpen, vor über 5300 Jahren.

Alles ist friedlich. Eine Frau liegt in den Wehen. Rührend leistet Kelab der jungen Frau spirituellen Beistand, doch die Gebärende stirbt. Nach der Totenfeier wird das Neugeborene in einer traditionellen Zeremonie in der Gemeinschaft aufgenommen. Während Kelab auf der Jagd ist, wird die Siedlung von Krant (André M. Hennicke) und seinen beiden Söhnen Tasar (Sabin Trambera) und Gosar (Martin Augustin Schneider) brutal überfallen und das Heiligtum der Gemeinschaft, ein Schrein, geraubt. Als Kelab zurückkehrt entdeckt er das alle Mitglieder seines Stammes ermordet wurden, einschließlich seiner Frau und seinem Sohn. Nur das Neugeborene hat überlebt. Von grenzenloser Trauer übermannt gibt es für ihn nur eins: Erbitterte Rache. Mit dem Baby und einer Ziege macht er sich auf den Weg, die die Täter zu finden.

Viel gesprochen wird in dem Rachedrama nicht. Und wenn, dann in einer Urform des Rätischen. Das ist auch nicht nötig, denn Kelab und seine Widersacher brüllen mehr, als das sie reden. Vor der Kulisse des beeindruckenden Alpenpanoramas spielen sich Szenen von äußerster Brutalität ab.

Randaus Film ist ein archaisches Abenteuerwerk um Rache und Läuterung mit einer originalgetreuen Ausstattung, indem Jürgen Vogel durch die klimatischen Verhältnisse an die Grenze des Erträglichen stößt. In etwa vergleichbar mit Leonardo di Caprio in "THE REVENANT".

Ulrike Schirm

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"DIE LEBENDEN REPARIEREN" Drama von Katell Quillévéré (Frankreich, Belgien). Mit Tahar Rahim, Emmanuelle Seigner, Anne Dorval u.a. ab 7. Dezember 2017 im Kino. Hier der Trailer:

Isoldes Filmtipp:

Als Vorlage für ihren dritten Spielfilm wählte die Regisseurin Katell Quillévéré den von Maylis de Kerangal mit Literaturpreisen überschütteten und zum Bestseller avancierten Roman "REPARER LES VIVANTS".

In Deutschland werden jährlich ca. 300 Herzen transplantiert. Über 800 Patienten warten derzeit auf eine Herztransplantation. Die Anzahl der durchgeführten Transplantationen sind in den vergangenen Jahren zurückgegangen. Grund dafür sind einerseits der Mangel an Spenderherzen und anderseits bessere Behandlungsoptionen und neue Möglichkeiten, Herzfunktionen künstlich zu unterstützen oder zu ersetzen. Sogenannte Herzunterstützungssysteme helfen inzwischen, die Wartezeit auf eine Transplantation zu überbrücken.

Im Film wird bei einem jungen Mann der klinische Tod festgestellt und die Frage aufgeworfen, ob er sich zum Organspender eignet. In Paris erfährt eine zweifache Mutter, dass ihr schwaches Herz zu versagen droht. Beider bisherigen Lebenswege werden in Rückblenden erzählt und geschickt mit der momentanen Extremsituation verknüpft. Es entsteht ein Wettlauf mit der Zeit und der Zuschauer wird mit hineingenommen in einen Kampf um Leben und Tod.

In spektakulären Aufnahmen kann man eine Herzentnahme und -verpflanzung miterleben. Und es ist unglaublich spannend und faszinierend mit zu beobachten, ob die Transplantation gelingt. Dadurch werden Fragen in uns wachgerufen: das menschliche Sein an und für sich, Leben und Tod und die Großartigkeit und Bedeutung jedes einzelnen Körperteils. Zurück bleiben wir nicht ungetröstet, sondern im tiefsten Inneren gestärkt und voller Widerstandskraft dem menschlichen Leben zu. Organe zu spenden wird nicht nur zur rein organischen Angelegenheit gemacht, es eröffnet uns darüber hinaus die Möglichkeit, Teil eines Ganzen zu werden.

I.A.

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