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Kinojahr 2017 erfolgreicher als erwartet

Verband der Verleiher prognostiziert zweitstärkstes Jahr der Geschichte. Insbesondere Filmfestivals haben derzeit starken Zuspruch.

Das Kinojahr 2017 läuft auf Hochtouren. Nach Ansicht des VDF, dem Verband der Filmverleiher, wird es aller Wahrscheinlichkeit nach beim Umsatz das zweiterfolgreichste Jahr aller Zeiten werden.

Dennoch zeigte sich der Verband der Filmverleiher bei seiner Jahreshauptversammlung nicht zufrieden. Besorgt macht vor allem die immer geringer werdende Zahl der jüngeren Besucher im Alter von der 14 bis 29 Jahren. Letztes Jahr war die Reichweite von Kino erstmals unter 40 Prozent der Bevölkerung gesunken. Dieses Jahr sieht es nicht viel besser aus. Eine Social-Media-Kampagne soll es richten. Wenn die jungen Zielgruppen, die gerade für „Fack Ju Göhte 3“ die Kinos stürmen, durch eine "Initialzündung" auf Facebook & Co. dauerhaft zurückgebracht werden können, dann her damit, heißt es unisono beim Verband.

Auf der Jahrespressekonferenz des VdF machte Vorstandsmitglied und Constantin-Geschäftsführer Oliver Koppert deutlich, wie bedrohlich die Lage ist:

Wirklich zufrieden kann man mit dem Zwischenstand kurz vor dem Weihnachtsgeschäft nicht sein. Sorgen bereitet vor allem, dass der "Mittelbau" zunehmend Schwächen zeigt und vergleichsweise wenige herausragende Filme das (derzeit noch überschaubare) Wachstum tragen. Wobei man diesem Aspekt auch Positives abgewinnen kann: Denn einige wenige große Erfolge dieses Kinojahres zeigen, dass man die Massen mit dem richtigen Stoff nach wie vor für das Kinoerlebnis begeistern kann. Immerhin ließen sich in diesem Jahr bereits zwei Titel feiern, die deutlich über vier Mio. Besucher anlockten - was 2016 keinem einzigen Neustart gelang. Dazu gehörten neben "Fack Ju Göhte 3" auch der 3D-Animationsfilm "Ich - einfach unverbesserlich 3" und auf Platz drei "Fifty Shades of Gray 2".

Leider sind diese genannten Filme alles andere als cineastische Filmkunst, sodass es verständlich ist, wenn der sogenannte "Mittelbau" die Lust am Kinobesuch verliert und sich NETFLIX und AMAZON zu Hause am großen kinotauglichen Flachbildschirm zuwendet. Vor allem Filme aus Deutschland wie "Fack Ju Göhte 3" spielen in der internationalen Loga überhaupt keine Rolle.

Tatsächlich gibt es nur sehr wenige Filme, die aus Deutschland zu A-Festivals eingeladen werden. Dazu gehörte zuletzt Maren Ades "Toni Erdmann", der in Cannes lief, aber keinen Preis gewann und Nicolette Krebitz' "Wild", den Berlinale Chef Dieter Kosslick 2016 gern gezeigt hätte, aber nicht bekam, weil das US-Sundance Film Festival ihn wegschnappte.

Weitere bedeutende Werke aus Deutschland kann man fast an fünf Fingern in den letzten Jahren abzählen. Filmkunst, die vom Publikum gesehen und geschätzt werden will, muss erst einmal internationales Renommee vorweisen können. Doch daran mangelt es in Deutschland.

Filmfestivals überall mit steigenden Zuschauerzahlen.

Im Gegensatz zum normalen Kinoalltag können Festivals, wie das am Samstag, den 2. Dezember 2017, in Berlin zu Ende gegangene Weltkino-Festival "Around the World in 14 Films", steigende Erfolge vorweisen. Festivalleiter Bernhard Karl und das CineStar Kino in der Kulturbrauerei schätzten sich glücklich über zum Großteil ausverkaufte Vorstellungen mit ihrer cineastischen Weltreise von preisgekrönten Filmen, die von den Zuschauern gesehen werden wollen, auch wenn es kaum Werbung dafür gibt und manche schwer zugängliche Werke nicht mal einen Verleih haben. Dies sollte den deutschen Produzenten zu denken geben, ob die geringe Lust am Kino bei bestimmten Publikumsschichten nicht durch eine falsche Filmauswahl bestimmt wird.

Ganz besonders gut gefallen haben uns auf dem Berliner Weltfilm-Festival 14films.de die beiden russischen Filme "LOVELESS" von Andrey Zvyagintsev, der leider keinen Verleih hat, und "DIE SANFTE" von Sergei Losnitsa. Tief beeindruckt haben uns aber auch "AVA" von Léa Mysius aus Frankreich und "HOME" von Fien Troch aus Belgien.

Der ifa Jury-Preis des Instituts für Auslandsbeziehungen ging an die Dokumentation "Mrs. FANG" des chinesischen Regisseurs Wang Bing über eine sterbende, an Alzheimer erkrankte alte Frau. Der Film hatte auch den Hautpreis des 70. A-Filmfestivals von Locarno gewonnen. Hier ein Film-Still:

Filmstill Mrs. FANG

VdF rechnet mit sensationellem Boxoffice Ergebnis.

Für das Gesamtjahr rechnet der VdF trotz stetiger Besucherverluste in den Multiplextheatern, mit einem Endresultat im Bereich von ca. 125 Mio. Besuchern und etwa 1,1 Mrd. Euro Umsatz am Boxoffice. Weihnachtshits wie "Star Wars: Die letzten Jedi" von Walt Disney sollen zu einem bombastischen Endspurt beitragen. Hier der Trailer:

Mit einem aktuellen Vorsprung von etwa vier Prozent bei den Besuchern und sechs Prozent beim Umsatz ist man noch ziemlich deutlich von einem Wachstum an der Grenze zum zweistelligen Bereich entfernt, was beim VdF von vielen heimlich erhofft worden war. Sollte diese Prognose dennoch eintreffen, wäre 2017 nach Umsätzen das zweitstärkste Jahr in der deutschen Kinogeschichte.

Zumindest hatte man recht hohen Erwartungen an ein Jahr ohne Fußballgroßereignisse gesetzt, denn die TV-Übertragungen würden in Jahren mit einer Fußball-WM vor allem im Sommer die Besucherzahlen in den Kinos deutlich drücken. Oft liegt es aber auch am Wetter. Bei einem Supersommer, den wir in diesem Jahr aber nur selten hatten, sitzen vor allem junge Leute lieber abends in den Straßencafés oder gehen zu Open-Air-Veranstaltungen. Ein verregneter, kühler Sommer lässt dagegen mehr Zuschauer in die Kinos strömen.

Vor allem die Programmkinos konnten im Jahre 2016, im Vergleich zu Umsatz- und Publikumsverlusten bei den Multiplex-Filmtheatern, sowohl die Umsätze wie auch die Zuschauerzahlen des Erfolgsjahres 2015 halten, womit sie in der Gesamtstatistik deutlich zur Stabilität der aktuell (gefühlten) Kinokrise beitrugen, schrieben wir vor drei Monaten, als die Filmförderungsanstalt (FFA) auf der Filmkunstmesse Leipzig im September neueste Jahreszahlen der Programm- und Arthouse-Kinos vorstellte.

Nicht hinwegtäuschen kann dies jedoch über die Tatsache, dass sich der Kuchen seit Jahren auf immer mehr Filme verteilt, ja geradezu eine Schwemme an bedeutungslosen Filmen die Leinwände derzeit verstopft. Das bleibt nicht ohne Folgen. Prominentes Beispiel ist hier sicherlich der Filmverleiher Movienet, der Insolvenz anmelden musste.

Diskussionsrunde unter dem Motto:

"Quo vadis Deutsches Kino?"

Im Rahmen des Festivals »Around the World in 14 Films« lud auch in diesem Jahr wieder Felix Neunzerling, Geschäftsführer der Zoom Medienfabrik, traditionell zu einer Diskussion ein, die unter dem Motto "Quo vadis Deutsches Kino?" stattfand. Unter seiner Moderation diskutierten in diesem Jahr Regisseur Peter Fleischmann, Kinobetreiber Christian Suhren und die Filmjournalisten Rüdiger Suchsland und Martin Schwarz nicht nur zur Movienet-Pleite, sondern auch allgemein zum Thema "Digital ist Mist! - Fluch und Segen der Digitalisierung für den Arthouse Film".

Dazu Felix Neunzerling:

"In der Startwoche KW 48 bespielen die Top 10 – Filme allein 95% der verfügbaren Leinwände, alle anderen Filme der Wochen kämpfen um die verbleibenden 5%. Auch deshalb liegen 90% der in Deutschland gestarteten Filme weit unter ihren Möglichkeiten, ihr Publikum zu erreichen. Besonders hart trifft es die deutschen Produktionen, denn 90% der Förderung der Länder und des Bundes fließt in die Produktion, also in die Herstellung von Filmen, nur 10% in den Vertrieb. Also fehlen uns nicht nur die Leinwände sondern auch die Mittel, sie zu erobern. Eine Verschiebung zugunsten der Vertriebsförderung ist dringend notwendig, um die weniger Filme am Markt erfolgreicher platzieren zu können", so Neunzerling.

Auf jeder Leinwand sind pro Woche im Schnitt rund 2,5 Filme im Einsatz, was sich bei ca. 4.739 Leinwänden in Deutschland auf etwa 11.000 Kopien summiere.

"Das ist auf Dauer nicht mehr gut", so auch das Fazit von Central-Film-Geschäftsführer Peter Sundarp.

Zunehmend würden Produzenten zu Verleihern, um überhaupt eine Chance zu haben, ihre Filme ins Kino zu bringen. Skeptisch ob der Vielzahl an Playern im (Verleih-)Markt zeigte sich auch VdF-Geschäftsführer Johannes Klingsporn, der darauf verwies, dass 96 der 100 erfolgreichsten Filme des Jahres von VdF-Mitgliedern ins Kino gebracht worden seien.

"Verleih ist nichts, das man nur nebenher machen kann", so Klingsporns Ansage.

Indes darf man durchaus darauf verweisen, dass auch Erfolgsgeschichten abseits des "Establishments" möglich sind. Dazu zählt als Beispiel der enorme Erfolg des Dokumentarfilms "WEIT. Die Geschichte von einem Weg um die Welt", den die AG Kino-Gilde zu Recht als "Kinophänomen des Jahres" adelte und der bislang auf über 320.000 Kinobesucher kam. Hier der Trailer:

An der grundsätzlichen Problematik, dass immer mehr Content auf die Leinwände drängt, ist indes nicht zu rütteln. Laut Johannes Klingsporn, der von 1982-1992 auch Leiter der Statistischen Abteilung der SPIO war, hat die Anzahl der Erstaufführungen zwischen 2007 und 2016 insgesamt um satte 120 zugenommen. Schuld ist daran nicht einmal Hollywood, denn die Anzahl der US-Releases hat sogar ein klein wenig abgenommen, während deutsche Starts um mehr als ein Drittel für diesen Anstieg verantwortlich zeigten.

Dass trotz der Zunahme an deutschen Filmen das jüngere Publikum die Lichtspieltheater zunehmend scheut, zeigt nicht zuletzt eine GfK-Studie zu den "kritischen Zielgruppen" auf, über die bei den Kinoverbänden derzeit diskutiert wird, um mit entsprechenden Marketingmaßnahmen auf Facebook und vielleicht auch in anderen sozialen Netzwerken, gegensteuern zu können. Konkretes wollte man zu dem Pitch, dessen Ausarbeitung von Marketingexperte Jan Oesterlin organisiert wurde, aktuell jedoch noch nicht verraten.

"Groteskes Missverhältnis" bei Verleihförderung.

Alles andere als zufrieden zeigt sich der VdF beim Thema Förderung. Vor allem bei den Ländern sei der Anteil der Verleihförderung erheblich zu gering. Bei der kulturellen Filmförderung des Bundes spreche man sogar von einem "grotesken Missverhältnis". Lediglich die FFA habe sich der bereits vor einem Jahrzehnt erhobenen Forderung nach einer Mittelrelation von 2/3 (Produktion) und 1/3 (Verleih/Marketing) zumindest angenähert.

Bei den Maßnahmen für das ganz junge Publikum lobte dagegen der VdF in diesem Jahr ein spannendes Pilotprojekt von Vision Kino. Ende Januar kommenden Jahres wird erstmals zur "KitaKinoWoche Hamburg" geladen und die Hoffnung der Verleiher, dass dieses Beispiel Schule machen könne, scheint schon jetzt berechtigt, denn innerhalb von nur einer Woche seien schon jetzt sämtliche Plätze ausgebucht.

Quellen: Zoom Medienfabrik | VdF | Blickpunkt:Film

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