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Huniwood - 2. Hungarian Film Festival Berlin

Collegium Hungaricum präsentiert mit 2. ungarischem Filmfestival "The Best of Hungarian Cinema" im Oktober.

Offiziell findet das zweite Ungarische Filmfestival HUNIWOOD erst vom 11. - 23. Oktober 2017 in Berlin statt.

Doch schon morgen, den 10. Oktober 2017, gibt es um 20:00 Uhr eine Preview zur Deutschlandpremiere des Dokumentarfilms "Ultra" im kleinen Ladenkino, Gärtnerstr. 19 in 10245 Berlin, die vom Berlin Documentary Film Club organisiert wird.

Zur Vorführung des Films über Menschen, die das Laufen als ihre Passion empfinden, wird der Regisseur Balázs Simonyi als Gast anwesend sein und gern Fragen des Publikums beantworten. Eine Wiederholung der Berliner Erstaufführung folgt im Rahmen des HUNIWOOD Filmfestivals am Freitag, den 13. Oktober 2017 im Kino Babylon III um 17:30 Uhr. Hier der Trailer:

Elisabeths Filmkritik zur Doku "ULTRA" (Ungarn/Griechenland 2017):

Athen - Sparta, die Distanz beträgt 246 Kilometer. Seit 1983 gibt es den Ultramarathon »Spartathlon« über diese Distanz. Der ungarische Regisseur Balázs Simonyi hat bereits mehrmals daran teilgenommen. Vor zehn Jahren, so erzählt er dem Publikum aus dem Off, habe er das mit dem Laufen ausprobiert. Er hatte eine depressive Phase und das Laufen sollte angeblich helfen. Er hat damit dann nicht mehr aufgehört. Aber 246 km läuft man nicht eben so nebenbei. Ein Ausdauersport, ein Extremsport. Voll Ultra. Die Regularien besagen, dass man die Strecke in 36 Stunden bewältigen muss. Das macht 7 Kilometer in der Stunde.

Ultraschwer war es für den Stab von etwa 40 Leuten, davon gut ein Dutzend Kameraleute, in der Zeit mitzufilmen und dabei keine Wendung zu verpassen, damit sich aus dem Material eine Geschichte erzählen lässt. Insgesamt hatte die Produktion 250 Stunden Rohmaterial, das mit ganz unterschiedlichen Kameras aufgenommen worden ist. “Ultra”, eine ungarisch - griechische Produktion, ist nun viel mehr als nur ein Sportfilm. Vielmehr ist “Ultra” ein “kreativer Dokumentarfilm”. Es gibt keine Talking Heads. Simonyi ein paar Mitläufer ausgesucht (aus Ungarn, Deutschland und Frankreich), die ganz andere Antworten parat haben, warum sie sich dieser enormen Aufgabe stellen. Das macht "Ultra" zu einem mitunter spirituellen Film.

Warum rennt man diese überlangen Strecken? Wie hält man das körperlich und mental durch? Das Tempo des Dokumentarfilmes und auch die Dramaturgie werden von dem Lauf dieser Protagonisten bestimmt, mitunter ist das ein psychologisches Drama. Da sehen wir eine Mutter, die ihren Sohn anfeuert, ihn seelisch immer wieder aufbaut, die dabei fast die Regularien verletzt. Eine Ehefrau, die ihrem Mann beisteht, ihm aber ins Gewissen redet, ob es sich wirklich lohnt, die eigene Gesundheit aufs Spiel zu setzen. Auch das Wetter spielt in dem Drama mit. Die Hitze spürt man als Zuschauer nicht unmittelbar, die Kälte fühlt man schon eher, der Regen geht einem nahe.

Die Regularien sind übrigens eng gefasst. Wer den Lauf fünfmal in Folge nicht schafft, darf nicht mehr teilnehmen. Ein ungarischer Läufer macht trotz diesem KO-Kriterium mit, inoffiziell. Ein junger Läufer aus Frankreich ist am Ende seiner Kräfte, doch für ihn ist das Laufen pädagogische Therapie, weil er in der Bewegung Dinge lernen kann, die ihm wegen einer Behinderung sonst unmöglich wären. Eine deutsche Läuferin, die bereits Spartathlonläuferin war, wurde von einem tragischen Verlust fast aus der Bahn geworfen, doch auch sie hörte mit dem Sport nicht auf.

Simonyi ist nicht nur Filmemacher, sondern auch Journalist, Fotograf, Synchronsprecher und er ist Sportler. Nicht nur den Spartathlon, sondern auch den Iron Man hat er bezwungen. In “Ultra” läuft er natürlich mit, sein Zugang zu Mitläufern und Veranstaltern machte den Film in dieser Form überhaupt erst möglich, seine Perspektive ist unverzichtbar Teil des Konzepts. Fast ungefiltert lässt er uns an seinen Gedanken auf der Strecke teilhaben. So ist er das Zentrum des Dokumentarfilmes. Er schafft es, dass die Mühen und die Qualen eines Extremsportlers auch den weniger sportlichen Zuschauer ansprechen. Er baut mit dem Zuschauer eine gemeinsame Basis auf, die eine Identifikation auch dann möglich macht, wenn vielleicht der Lauf zur Bushaltestelle bereits als Sport gilt. Vielleicht wird dann ja doch noch mehr draus und man stellt sich seinen eigenen Dämonen. Das Laufen, das vermittelt Simonyi, kann jeder an jedem Lebenspunkt ausprobieren und vielleicht bleibt man dann dabei.

“Ultra”, der bereits in Sarajevo, auf dem Visions du Réel-Festival und auf der Dok.München gezeigt wurde, wurde in die Shortlist für den Europäischen Filmpreis aufgenommen. Auf dem Huniwood-Festival wird übrigens auch eine Sonderfassung gezeigt werden, die nur ganz selten eingesetzt wird. Diese heißt dann “Ultra36” (Regie: László Józsa vom Speak Easy Project) und zeigt die Strecke aus der Perspective eines Läufers, quasi in Realzeit. Die Fassung ist 1440 Minuten lang.

Elisabeth Nagy

Über HUNIWOOD.

Veranstaltet wird das Festival »HUNIWOOD« vom Collegium Hungaricum Berlin (CHB) und dem SpeakEasy Project Berlin. Zentrale Festivalorte sind das CHB in der Dorotheenstr. 12 in 10117 Berlin und das Babylon Kino Berlin-Mitte am Rosa-Luxemburg-Platz.

Bei HUNIWOOD geht es wieder um das aktuelle ungarische Filmschaffen. Ob Spiel-, Dokumentar-, Kurz- oder Trickfilme, es sind alle Genres dabei. Und feiern ihre Deutschlandpremieren. Dazu ein Trailer:

Gezeigt werden 12 aktuelle Spielfilme und 13 aktuelle Dokumentarfilme. Abgerundet wird das Ganze durch eine Retrospektive mit 10 Meisterstücken der Filmkunst darunter Filme des preisgekrönten ungarischen Regisseurs Zoltán Fábri, anlässlich seines Hundertjährigen Geburtstages.

Gerade jetzt ist die ungarische Filmlandschaft so vielseitig wie nie, sagt die Kuratorin der Sektion Spielfilme Bori Bujdosó:

„Das ungarische Kino ist sehr lebendig und abwechslungsreich mit immer neuen aufstrebenden Talenten. Wir haben in den letzten Jahren große internationale Erfolge gefeiert. Die beiden Oscar-Gewinner in den letzten zwei Jahren (SON OF SAUL, Bester fremdsprachiger Film, 2016 und SING, Bester Kurzfilm, 2017) sowie der diesjährige Goldene Bär für ON BODY AND SOUL sind nur die Spitze des Eisbergs.”

Die Eröffnungsveranstaltung bietet ein ganz besonderes Highlight.

Den deutschen Premierenauftakt macht am 11. Oktober 2017 der ungarisch-deutsche Fantasy-Thriller "JUPITER’S MOON (Jupiter holdja)" von Kornél Mundruczó mit Merab Ninidze, Zsombo Jéger u.a. im Kino Babylon. Der Film, der nur an diesem einen Abend in Berlin als exklusive deutsche Erstaufführung gezeigt wird, ist ein einzigartiges humanitäres Flüchtlingsabenteuer mit Appel an die europäische Menschlichkeit, für das der Regisseur 2017 eine Palme d’Or-Nominierung erhielt. Der Hauptdarsteller Zsombor Jéger und der Kameramann Marcell Rév werden am Eröffnungsabend anwesend sein. Der Film startet offiziell erst am 26. April 2018 in den deutschen Kinos im Verleih NFP. Hier der Trailer:

An der Seite des Collegium Hungaricum Berlin (CHB) stehen viele Profis aus der ungarischen Filmbranche, die bei der Programmauswahl mitgewirkt haben und auch in diesem Jahr mit dem ungarischen Kino das Berliner Publikum wieder begeistern werden.

Das HUNIWOOD gliedert sich in die vier Kategorien Spielfilm, Dokumentarfilm, Kurz- und Animationsfilme sowie die diesjährige Retrospektive mit Filmen des Regisseurs Zoltán Fábri.

Das Programm.

Im Bereich Spielfilm werden viele beeindruckende Filme präsentiert. Neben "JUPITER’S MOON" sollte noch ein zweiter Cannes-Wettbewerbsfilm gezeigt werden: Das Drama "OUT" von György Kristóf, das in der Sektion »Un Certain Regard« lief. Darin begibt sich ein kürzlich entlassener fünfzig Jahre alter Familienvater quer durch Osteuropa auf die Suche nach dem ultimativen Job. Leider musste der Film kurzfristig aus dem Programm genommen werden. Dennoch hier der Trailer:

Außerdem feiern u.a. "BRAZILS (Brazilok)", "LOOP (Hurok)", "WELL (Kút)", "STRANGLED (A martfűi rém)" und "CITY ON WATER (Víziváros)" ihre Deutschlandpremieren beim Festival.

Besondere Erwähnung hat der Film "THE CITIZEN (Az állampolgár - Der Bürger)" von Roland Vranik verdient, an dem Iván Szabó, der ungarische Drehbuchautor von "Sturmland", als Koautor mitgewirkt hat. Der Film, der bereits mehrere Preise auf Festivals gewonnen hat, stellt anhand einer simplen Geschichte um einen schwarzen afrikanischen Einwanderer, der als Wachmann in einem ungarischen Einkaufszentrum arbeitet, die Frage: Wie lange dauert es eigentlich, ein Land als neue Heimat zu akzeptieren? Und wie lange, bis man von der neuen Heimat akzeptiert wird? Obwohl sich der redliche Bürger nichts zu Schulden hat kommen lassen, wird die Wohnung des Flüchtlings am Ende von den ungarischen Behörden gestürmt und eine Abschiebung scheint ihm zu drohen. Hier der Trailer und eine Filmrezension:

Elisabeths Filmkritik:

Eine Nahaufnahme bringt Wilson (Dr. Cake-Baly Marcelo) dem Publikum in der ersten Einstellung sehr nahe. Er sitzt vor einer Prüfungskommission. Wieder einmal. Zur Kunst der ungarischen Renaissance kann er nichts sagen, aber er kann den Text des Aufrufs von dem Dichter Mihály Vörösmarty aufsagen, ein Gedicht über die Heimattreue von der Wiege bis zum Grab, was das Schicksal auch bringen mag. Das Gedicht sei so wahr, erklärt er auf eine Rückfrage des Prüfers. Warum habe er dann sein Land verlassen? Seine Antwort bringt den Prüfer betreten zum Schweigen.

Wilson flüchtete nach dem Tod seiner Frau und dem Verlust seiner Töchter aus Bissau-Guinea, einem kleinen Land an der afrikanischen Westküste, und blieb in Ungarn. Hier möchte er bleiben, für ihn ist Budapest in Ordnung. Er fühlt sich heimisch, ihm entschlüpft an einer entscheidenden Stelle sogar ein “wir”, als er über die ungarische Geschichte spricht. Die Sprache beherrscht er gut (leider suggerieren die englischen Untertitel grammatikalische Fehler, die der Protagonist eher selten macht), nur sein Wissenstand zur Staatskunde und der Kultur ist verbesserungswürdig. Er fällt durch, wieder einmal. Das hindert ihn nicht daran, sein Ziel weiter zu verfolgen.

Wilson ist gut integriert. Er arbeitet als Ladendetektiv in einem Supermarkt, besitzt Empathie und Augenmaß. Seine Kolleginnen und Kollegen schätzen ihn. Er hat ungarische Freunde. Über Vermittlung trifft er auf Mari (Ágnes Máhr), eine Geschichtslehrerin, bei der er Nachhilfe nimmt. Sie führt ihn ins Museum, sie vermittelt ihm die Musik von Béla Bartók, er gibt ihr Fela Kuti zum Anhören. Sie ist verheiratet, ihre Söhne sind bereits erwachsen. Sie ist weit offener anderen Kulturen gegenüber als ihre Familie, die wenig begeistert ist, als sie Wilson als Schüler annimmt. Was will der hier? Woraufhin sie ihren Söhnen nahelegt, etwas zu reisen und die Welt kennen zu lernen.

Es könnte so einfach sein. Zwischen Wilson und Mari spinnt sich ganz natürlich und ganz sachte eine Romanze an. Doch beide sind nicht frei. Wilson, der zwar Freunde, aber keine Familie hat, steckt plötzlich doch ganz tief in den Nöten einer Beziehung. Eines Abends steht eine Bekannte seines ehemaligen Mitbewohners, der längst nach Wien weitergezogen ist, vor der Tür. Die Iranerin Shirin (Arghavan Shekari) ist aus dem Deportationszentrum geflohen und hat keine Bleibe. Wilson nimmt sie auf, er kann gar nicht anders. Er kennt ihre Situation, die allerdings weit dramatischer als seine ist. Sie ist hochschwanger und kann keinen Arzt aufsuchen. Wilsons Bestreben, die Staatsbürgerschaft zu erlangen, nimmt jetzt eine Dringlichkeit ein, denn eine Scheinheirat würde sie und ihr Kind retten.

Der Regisseur Roland Vranik bringt drei Figuren zusammen, deren Lebensweg unsicher und unbestimmt ist. Er schickt sie durch eine kafkaeske Bürokratie, die alle drei aufreiben wird. Ungarn ist ein Land, dass keine Flüchtlinge aufnehmen will, dass sich vehement dagegen sträubt, seine Gesellschaft zu weiten. Rassismus ist an der Tagesordnung. Doch Vranik begeht nicht den Fehler, diesen Umstand hervorzukehren. Er zeigt sehr wohl die gute Seite des Landes, in dem die Mitbürger Empathie fühlen, und durchaus auch als Mitleidende eines Systems wahrgenommen werden können. Doch der Wille, Gutes zu tun, führt mitunter geradewegs in eine Ausweglosigkeit, der niemand etwas entgegen setzen kann.

Drei Filme hat Vranik bisher gedreht. Zuvor arbeitete er im westlichen Ausland an Filmproduktionen mit. Unter Béla Tarr war er bei “Die Werckmeisterschen Harmonien” Regieassistent. Sein Ansatz, ein Drama über die Flüchtlingskrise zu gestalten, wandelte sich mit den Gesprächen, die er mit Flüchtlingen in Ungarn führte. Viele würden sich in Ungarn wohl fühlen, und Wilson, dessen Darsteller er praktisch von der Straße weg engagierte, möchte in Ungarn bleiben. Punkt. Bei der Gestaltung der Rollen hat Vranik und sein Drehbuchpartner Iván Szabó durchaus auf den Rat ihres Hauptdarstellers gehört. Sowohl Dr. Cake-Baly Marcelo als auch Arghavan Shekari sind Laiendarsteller, das mag man fast nicht glauben. “Der Bürger”, unter dem wörtlich übersetzten Titel lief der Film beim diesjährigen goEast-Festival, hat die Qualitäten eines Mike Leigh-Filmes. Vranik gelang ein Publikumsfilm, der mitreißt, der das Herz am richtigen Fleck hat. Der in leisen Szenen und in sacht eingebetteten Dialogzeilen unendlich viel über die Figuren und ihre Situation zu vermitteln weiß, ohne Klischees zu bemühen. Unaufdringlich ist nicht nur, was der Film dem Publikum zu vermitteln sucht, sondern auch der Film selbst. Vranik erzählt die Geschichte geradeaus, ohne Manierismen, ohne überflüssige Schlenker. Die Spannung entsteht aus der Situation heraus. In gewisser Weise ist “Der Bürger” zugleich ein Sozialdrama und ein Liebesfilm, der auch etwas über das Leben der Flüchtlinge in Ungarn und in Europa erzählt und noch viel mehr.

Elisabeth Nagy

Nachfolgend noch eine weitere Rezension zu dem umfangreichen Filmprogramm. In dem romantischen Fußballabenteuer "BRAZILS" von Csaba M. Kiss und Gábor Rohonyi geht es um Underdogs und eine Chance auf Sieg. In der brasilianischen Stadt Acsa darf das Roma-Fußballteam endlich beim Turnier mitmachen und gewinnt vielleicht die Reise nach Rio de Janeiro. Hier der Trailer und eine Rezension:

Elisabeths Filmkritik:

Fußball wird in Ungarn groß geschrieben. Immer noch träumt man von der goldenen Mannschaft der 50er Jahre um Ferenc Puskás, und auch wenn der ungarische Fußball international seit Jahren keine Rolle mehr spielt, die nationale Seele begehrt nicht auf, wenn heute immer mehr Stadien gebaut werden. Fußball beherrscht auch das Leben in einem kleinen Dorf Acsa in Ungarn. Jede Berufsgruppe stellt seine Mannschaft, nur eine Frauenfußballmannschaft sucht man vergeblich. Csaba M. Kiss und Gábor Rohonyi begleiten in ihrem Feelgoodmovie die lokale Meisterschaft, bei der, auf Betreiben des Fußballvernarrten Priesters auch die Roma-Mannschaft vom Dorfrand teilnehmen darf. Während im Fernsehen Fußball auf hohem Niveau gespielt wird, kicken sich die lokalen Mannschaften mal auf dem Bolzplatz, mal gegenseitig in der Kneipe oder der Kirmes.

Die Brasilianer, so nennen sich die Roma-Jugendlichen, knallen dem Bürgermeister im Trotz die Teilnahmegebühr auf den Tisch. Ihre Chancen stehen schlecht, egal wie gut sie spielen. Die Mächte der Korruption sind mächtig am Werkeln, auf dass sie nicht ins Finale rücken. Denn die Gewinnermannschaft soll ohne Wenn und Aber nach Rio fliegen. Ein Exilpatriot hat den Preis ausgelobt.

Der kleine Fingi (Erik Lakatos), Ronaldo-Fan vor dem Herrn, führt den Zuschauer in einer Offerzählung durch das Geschehen. Gewissermaßen ist "Brazils" ein Märchen, in dem es um große Träume, fiese Behörden und die Liebe geht. Gleich zu Beginn sehen wir unseren kleinen Helden in seinem selbstgemalten Ronado (sic!)-Shirt durch die Landschaft flitzen. Die Polizeihunde sind hinter ihm her. So sieht hier der Alltag aus und doch nennt der Junge sein Zuhause in den Felsbehausungen außerhalb des Dorfes das Paradies.

Die Ressentiments der Bewohner Acsas scheinen festgefahren zu sein. Nur der Bürgermeister hält sich zurück, denn offener Rassismus wäre politischer Selbstmord. Andere haben da weniger Hemmungen. Werden dann jedoch vom eigenen Nachwuchs scheinbar vorgeführt. Török (Béla Dóra) hat sich nämlich ganz unstandesgemäß in Rozi (Franciska Farkas) verknallt, die Schwester von Fingi und Áron (Dániel Viktor Nagy), der gerade erst aus dem Knast nach Hause gekommen ist und sich zum Beschützer seiner Schwester aufspielt. Vor allem Rózi ist die weibliche Identifikationsfigur in "Brazils". Sie hat genug davon, den Jungs die Wäsche zu waschen und sie zu bedienen. Sie will raus aus dem Dorf und was aus sich machen. Das Drehbuch gibt ihr nicht viele Möglichkeiten in die Hand, doch leicht zu haben ist sie nicht. Als Áron und Török ihre Differenzen, auch was Rozi betrifft, in einer Willhelm Tellschen Szene klären wollen, sieht man vor dem geistigen Auge die Kindheit der Gleichaltrigen durchschimmern. Török, der natürlich in der "Behörden"-Mannschaft des Bürgermeisters und seines Vaters spielt, steckt zwischen den Ressentiments, seine Rolle ist damit die vielleicht Vielschichtigste, was der junge Darsteller wunderbar meistert.

Die Handlung von "Brazils" ist flott erzählt. Das Filmteam setzt auf Humor, der auch das Tempo bestimmt. Die Aussage des Films steckt dann auch nicht in den kleinen Details, sondern hat das große Ganze im Visier. Auch wenn es nichts zu gewinnen gibt, verleihen sie den Träumenden, und dazu darf sich das Publikum zählen, Flügel.

Elisabeth Nagy

Der Science-Fiction Krimi "LOOP" von Isti Madarász erzählt die Geschichte eines Drogendealers, der seinen Boss betrügen möchte und dann nach misslungenem Coup plötzlich in einer tödlichen Zeitschleife gefangen ist. Der Thriller "STRANGLED" von Árpád Sopsits basiert auf der wahren Geschichte einer Mordserie in einer Kleinstadt im Ungarn der 60er. In dem lebensverändernden Action-Abenteuer "WELL" von Attila Gigor geht es um eine Tankstelle, einen Bus mit vier Prostituierten und einen jungen Mann, der nach 30 Jahren seinen Vater wiedersieht. Das Drama "CITY ON WATER" von Zoltan Moll begleitet Igor, wie er nach langer Zeit zurück in seine Heimat kehrt, um dort Zeit mit seinen einstigen Freunden zu verbringen. Er muss feststellen, dass sich alles verändert hat.

Auch die anderen beiden Kategorien Dokumentarfilme sowie Kurz- und Animationsfilme bieten wieder viel Abwechslung. In der

Dokumentarfilmauswahl sind mehrere Preisträgerfilme, wie u.a. der eingangs beschriebene Film "ULTRA" von Simonyi Balázs über vier Athleten, die bis ans Limit gehen und somit vielleicht auch ihre Seele heilen, aber bestimmt ihre Dämonen bekämpfen. Diese außergewöhnliche Dokumentation war im Visions du Réel-Wettbewerb und wurde für den European Film Award nominiert.

"LEMMINGS OF THE NORTH" von Zoltán Török, eine atemberaubende Natur-Doku, die erst kürzlich den Grand Prize des Internationalen Umweltfilmfestivals Save and Preserve in Sibirien gewann. Oder "TRANS DANUBE" von Gergő Somogyvári, ein Kinoerlebnis der besonderen Art. Das berühmte ungarische Trompeten-Genie Lőrinc Barabás verführt im Livekonzert zum Meditieren.

Der Bereich Kurz- und Animationsfilme freut sich u.a. über die Premiere des Films "BOND" von Judit Wunder. Dieser hat beim Internationalen Animationsfilmfestival in Annecy den ersten Platz gewonnen sowie bei dem 17. FESA - Festival für europäische Studenten-Animationsfilme den Preis als Bester Studentenfilm.

Noch einmal gezeigt wird "VOLCANO ISLAND (Vulkaninsel)" von Anna Katalin Lovrity, der seine Premiere in der Sektion »Generation« der letzten 67. Berlinale hatte. Auch dazu eine Rezension, doch zuvor der Trailer:

Elisabeths Filmkritik:

“Vulkaninsel” ist ein assoziativer Film. Flächig sind die Farbebenen, die in einander greifen, die über die Leinwand wandern, die keineswegs das Paradies einer Insel zeigen. Davon zeugt gleich zu Beginn eine Szene, in der ein älterer Tiger sich an ein anderes Tier heran macht. Es ist eine Tigerin, die wir hier lässig sitzen sehen, bis sie sich vor der Nachstellung des älteren Tigers erwehren muss.

Farben. Es sind erst einmal die Farben, auf die man sich einlassen kann. Gelb und Pink und Türkis. Keine harten klar abgrenzbaren Farben, sondern eine weiche Palette. Anna Katalin Lovrity, die hier ihre Abschlussarbeit an der Moholy-Nagy Universität für Kunst und Design vorstellt, beschäftigte sich für ihre schriftliche Prüfung mit der Rolle der stilisierten Bilderwelt für die Erarbeitung von Handlung und die Schaffung von Atmosphäre im aktuellen Autorenfilm. “Vulkaninsel” setzt ihre Erkenntnisse um, ohne dem Zuschauer eine Richtung aufzudrängen. Die Insel ist von ihrer Farbgebung und dem Spiel dieser Farben fast magisch zu nennen. Doch das Zusammenspiel bringt einen Prozess in Gang, in dem nicht nur ein Vulkan zuerst rosa Wolken ausstößt, die Tigerin im Schlaf von einer Schlange umringelt wird, sondern es erzählt auch von ungleichen Kräften und Anziehung und Abstoßung. Während der alte Tiger durch seine Kraft und Stärke ausgezeichnet wird, ist es aber die Wandlungsfähigkeit, das Freisetzen innerer Kräfte, die die junge Tigerin charakterisieren. Letztendlich ist sie mit der Natur verbunden.

Ob ein Kurzfilm mit einer so subtilen Botschaft für ein junges Publikum geeignet ist, darf stark angenommen werden. Es wäre sogar wünschenswert, wenn diese Botschaft eine ganz natürliche wäre.

Elisabeth Nagy

Auch der Film "INVISIBLY" von Szentpéteri Áron wurde in diesem Jahr bei den Kurzfilmen der Cinéfondation in Cannes präsentiert und ist nun auch bei HUNIWOOD zu sehen.

Von uns bereits besprochen wurden folgende Filme: "1945" am 1. Juli 2017 im Rahmen des Jüdischen Filmfestivals; "Kills on Wheels" am 24. Mai 2017 im Rahmen des 2. South East European Film Festivals Berlin sowie der Oscar prämierte Kurzfilm "Sing" am 25. Februar 2017 im Rahmen einer Kurzfilmnacht.

Das gesamte Programm steht unter: huniwood.berlin

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