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Aktuelle Filmkritiken zu Filmstarts im Juli 2017

Unsere Filmkritiken zu Filmstarts im Juli 2017

Am 4. Juli 2017 feierte das vom Medienboard Berlin-Brandenburg geförderte Werk: "Das Pubertier - Der Film" seine Weltpremiere im Mathäser Filmpalast in München. Laut Pressemitteilung der Constantin Film Produktion unter Produzent Günter Rohrbach spendete das Premierenpublikum Leander Haußmanns Interpretation von Jan Weilers "Spiegel"-Bestseller großen Beifall und freute sich über die zahlreich erschienenen Stars. Darunter Jan Josef Liefers, Heike Makatsch, Detlev Buck, Monika Gruber, Justus von Dohnányi, Harriet Herbig-Matten und Edwina Kühlund sowie Regisseur Leander Haußmann.

Nicht nur unsere Filmkritikerin Ulrike Schirm, sondern auch andere Meinungen, die wir eingeholt hatten, konnten dagegen dem Film kaum etwas Positives abgewinnen.

"Das Pubertier - Der Film" von Leander Haußmann.

Seit 6. Juli 2017 im Kino. Hier der Trailer:

Ulrikes Filmkritik:

„In der Erziehung gibt es kein richtig oder falsch. Es gibt nur falsch“. Das ist der Eingangssatz in dem von Leander Haußmann adaptierten gleichnamigen Bestseller von Jan Weiler "DAS PUBERTIER" .

Vater Hannes (Jan Josef Liefers) und seine Frau Sara (Heike Makatsch) haben es nicht leicht. Ihre fast 14-jährige Tochter Carla (Harriet Herbig-Matten) ist mitten in der Pubertät. Ganz süß ist die Anfangsszene, in der Hannes seinem kleinen Mädchen ein berührendes Schlaflied singt.

Aber dann... dann entwickelt sich das „Pubertätsdrama“ in eine peinliche Klamotte voller Klischees und stereotypen Figuren. Vorneweg Hannes, der in ein Fettnäpfchen nach dem anderen tritt. Ich habe aufgehört zu zählen, wieviel mal er hinfliegt, weil er über etwas stolpert. Ich werde jetzt auch nicht die Szenen beschreiben, die nur so von Albernheiten strotzen, dass einem das Lachen vergeht. Besonders nervig, wenn die Erwachsenen sich pubertärer verhalten, als das betroffene Kind. Feinsinniger Humor sieht anders aus. Eins ist sicher, die Crew hatte offensichtlich am Set weitaus mehr Spaß, als der Zuschauer im Kinosessel. Schade. Mehr Komplexität hätte dem Film gut getan. Da hilft es auch nicht, dass Harriet Herbig-Matten ihre Rolle erfrischend natürlich spielt und Heike Makatsch in ihrer wohltuenden Zurückgenommenheit leider auch kein Rettungsanker sind.

Ulrike Schirm

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Deutlich positiver empfanden wir von der BAF-Chefredaktion dagegen Isabelle Huppert in "Ein Chanson für Dich". Ein fiktives Biopic, das wir selbst gesehen haben und unter kleinem Vorbehalt durchaus empfehlen können.

"Ein Chanson für Dich" von Bavo Defurne.

Mit Isabelle Huppert, Kévin Azaïs, Johan Leysen u.a. seit 6. Juli 2017 im Kino. Hier der Trailer:

Ulrikes Filmkritik:

Ja, sie war mal eine Diva. Was wird eigentlich aus den Kandidaten, die beim Eurovision Song Contest auftreten und von denen man nichts mehr hört? Liliane (Isabelle Huppert) ist so ein verblasster Stern.Vor etwa 30 Jahren hätte sie beinah den Grand Prix gewonnen, doch ABBA siegte damals haushoch.

Nach einem Schicksalsschlag geht sie nun Tag für Tag in einer Pastetenfabrik ihrer Arbeit nach. Ihre Aufgabe besteht darin, am Fließband, die Pastetenküchlein mit Lorbeerblättern und Wacholderbeeren zu verzieren. Nach dem Ende ihrer Schicht, streift sie ihr Plastikhäubchen ab, zieht sich um und fährt nach Hause. Ihren Feierabend verbringt sie vor dem Fernsehgerät in ihrer braun-beigefarben gestalteteten Wohnung. Leere Flaschen zeugen von reichlich Alkohol, den sie Abend für Abend in sich hineinschüttet.

Ihr eintöniges Leben ändert sich, als ein junger Kollege (Kévin Azaïs) beim näheren Hinsehen bemerkt, mit wem er da eigentlich in der Fabrikhalle zusammenarbeitet. Sein Vater, der noch heute von der ehemals gefeierten Sängerin Laura, so nannte sie sich damals, schwärmt, ist ganz aufgeregt, als sein Sohn ihm mitteilt, sie überzeugt zu haben, auf einer Feier in seinem Boxclub aufzutreten. Leicht war es nicht, denn Liliane leugnete ihre Vergangenheit und willigte nach langem Zögern ein. Längst hat sie sich mit ihrem unglamourösen Dasein abgefunden. Erstmals huscht ein Lächeln über ihr Gesicht, als sie eine ihrer Bühnenroben aus der hintersten Schrankecke hervoholt und anprobiert. Aus der unscheinbaren Fabrikarbeiterin wird wieder ein „Star“ dem man zujubelt.

Wer könnte diese Rolle besser spielen als Isabelle Huppert. Es ist dieser ganz besondere melancholische Gesichtsausdruck, gepaart mit einer unnachahmlichen Verletzlichkeit, der sie wie geschaffen für diese Rolle macht. Als Jean ihr schwärmerisch seine Liebe gesteht und unbedingt ihr Manager werden will, blüht Liliane regelrecht auf und lässt sich darauf ein. Viel zu selten hat die Huppert die Gelegenheit auch ihre komische Seite zu zeigen. Der belgische Regisseur Bavo Defurne hat dieses berührende Melodram in die fast nostalgisch anmutende Zeit des Grand Prix verlegt. Damals ging es wirklich nur um den Song und nicht so wie heute, um eine ausgeklügelte Bühnenshow. Er gibt seine Protagonistin nicht einen Augenblick der Lächerlichkeit preis. Auch dann nicht, wenn sie mit dünnem Stimmchen, (Isabelle singt selbst) es noch einmal mit dem Lied „Ein Kind des Winters, wurde ein Kind der Sonne“ probiert. Isabelle, du bist wie immer großartig.

Ulrike Schirm

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Unsere von Elisabeth Nagy geschriebene Filmkritik zu John Maddens oscarreifen Thriller "Miss Sloane - Die Erfindung der Wahrheit" über Lobbyismus und Korruption in Amerika, der am 6. Juli 2017 in den deutschen Kinos anlief, hatten wir bereits am selben Tag noch als Ergänzung zu den Ergebnissen des Deutschen Wirtschaftsfilmpreises veröffentlicht. Hier folgt eine weitere Meinung von Ulrike Schirm.

"Miss Sloane - Die Erfindung der Wahrheit" von John Maddon.

Mit Jessica Chastain und Mark Strong. Seit 6. Juli 2017 im Kino. Hier der Trailer:

Ulrikes Filmkritik:

„Ich werde bezahlt, um zu gewinnen“ sagt Elisabeth Sloane, die skrupelloseste unter Washingtons Lobbyistinnen. Miss Sloane (brilliant gespielt von Jessica Chastain) scheut sich nicht moralische Grenzen eiskalt zu überschreiten. Dummerweise hat sie einen Fehler gemacht und muss sich vor dem Kongress rechtfertigen. Man wirft ihr vor, die Ethikregeln des Senats verletzt zu haben. Sie hat den Versuch unternommen, das Verhalten von Politikern zu beeinflussen. In Rückblenden werden die wahren Hintergründe des Verfahrens aufgeschlüsselt.

Regisseur John Madden zeigt wie die „Erfindung der Wahrheit“ im politischen Washington funktioniert. Der Preis den Sloane für ihre abgebrühte Tätigkeit zahlt ist hoch. Knallhart hat sie das Angebot, einen Gesetzentwurf, der den Verkauf von Schusswaffen erschweren soll, zu Fall zu bringen abgelehnt. Sie hat ihre Firma verlassen, um die Kampagne des gegnerischen Lagers zu unterstützen und hat sich damit die Waffenlobby zum Feind gemacht. Raffiniert versteht sie es, ihren Widersacher vor sich her zu treiben und ihre Trumpfkarte erst ganz zum Schluss auszuspielen. Ihr Engagement auch über Leichen zu gehen wenn es sein muss, hat jegliche Beziehung zu ihrer Umwelt zerstört. Sie ist eine durch und durch einsame Frau. Um zu funktionieren schluckt sie Tabletten, ihren Sex erkauft sie sich. Senator Ronald Sperling (John Lithgow), der den Vorsitz in der Verhandlung führt, hat es nicht leicht mit ihr. Bei jeder seiner Fragen verweigert sie mit dem Verweis auf den fünften Verfassungszusatz die Aussage. Jeder Trick ist ihr recht, um ihr Ziel zu erreichen. Wahrheiten werden geschickt zurecht gelogen. Schamlos nutzt sie eine Kollegin aus, um das von ihr gesetzte Ziel zu erreichen.

„Miss Sloane“ so der Originaltitel, ist nicht nur ein spannender Politthriller sondern auch eine fesselnde Charakterstudie einer eiskalten Karrierefrau. „Ich lüge seit ich klein war. Das gehört zu meinem Job“. Madden zeigt die Hintergründe eines maroden politischen Systems, in dem gerissene Lobbyisten mit korrupten Abgeordneten zusammenarbeiten. Ein Film, so unberechenbar wie seine Hauptdarstellerin und die rasanten Dialoge erfordern von dem Zuschauer ein hohes Mass an Konzentration. Jessica Chastain ist einfach umwerfend in ihrer Darstellung.

Ulrike Schirm

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"IHRE BESTE STUNDE" von Lone Scherfig.

Mit Gemma Arterton, Sam Claflin, Bill Nighy u.a., seit 6. Juli 2017 im Kino. Hier der Trailer:

Filme über Hintergründe, Geschichten, Dramen und Romanzen im zweiten Weltkrieg gibt es viele. Doch diese Geschichte kommt glücklicherweise ohne großes Schlachtengemälde aus und fesselt dennoch durch eine spannende Story und überzeugende darstellerische Leistung.

Ulrikes Filmkritik:

London 1940. London ist im Krieg. Die deutsche Luftwaffe führt beängstigende Angriffe auf die britische Hauptstadt. Catrin Cole (Gemma Arterton) braucht dringend einen Job, um sich und ihren Freund, den Künstler Ellis Cole (Jack Houston) über Wasser zu halten. Als das Informationsministerium sie anheuert bei einer von Männern dominierten Filmproduktion, die mit Propagandafilmen die Moral der Bevölkerung stützen sollen, ahnt sie noch nicht, dass das die Chance ihres Lebens wird.

Engagiert wird sie, um glaubwürdige Dialoge aus Sicht der Frauen zu schreiben, mit dem Ziel, die depressive Stimmung im Land aufzuhellen. Das macht sie so gut, dass sie als Drehbuchautorin unverzichtbar wird. Mit Freude entdeckt sie ein Talent in sich und entwickelt sich zu einer rasanten Schnellschreiberin. Ihr Kollege Tom (Sam Claflin) hält sich mit seinen anfänglichen Sticheleien immer mehr zurück und erkennt nicht nur ihre Professionalität, sondern verliebt sich in die Frau mit den wunderschönen Rehaugen.

Als sie die Story einer Rettungsaktion in Dünkirchen aufarbeiten will, die dann leider gescheitert ist, versucht sie zu retten, was zu retten ist, was jedoch zu einigen Verwicklungen führt. Ihre Sympathie gilt dem eitlen Schauspieler Hilliard, überragend gespielt von Bill Nighy. Perfekt pflegt er seine versnobten Allüren. Eine der schönsten Szenen, wenn das knorrige Raubein in einem vollen Pub ganz zart ein wehmütiges englisches Volkslied singt. Während in London die Bomben fallen, dreht Catrin mit ihrem Team und Hilliard in der Hauptrolle einen herzerwärmenden, ermutigenden Film. „Ihre beste Stunde“ erzählt von einer Frau, die sich in einer Männerbastion behaupten muss und die Macht der bewegten Bilder.

Allein der Propagandafilm im Film ist das Kinoticket wert. „Filme sind wie das echte Leben ohne die langweiligen Stellen“. Die Dänin Lone Scherfig gehört zu einer der besten europäischen Regisseurinnen. Bewiesen hat sie das mit der Coming-of-Age-Geschichte „An Education“. Ihren Durchbruch hatte sie mit „Italienisch für Anfänger“. Ihren behutsamen, fast zärtlichen Umgang mit Ihren Schauspielern beweist sie wieder in dieser Mischung aus Weltkriegsdrama, Liebesromanze und dem gekonnten Blick auf eine wortgewandte Mediensatire.

Ulrike Schirm

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