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Filmstarts im April 2017 und eine Kino-Neueröffnung

Diesmal Filmkritiken von Ulrike Schirm, Elisabeth Nagy und Isolde Arnold sowie eine Kino-Neueröffnung in Berlin Charlottenburg.



"DIE ANDERE SEITE DER HOFFNUNG" von Aki Kaurismäki.
Seit 30. März 2017 im Kino. Silberner Bär der 67. Berlinale 2017. Hier der Trailer:



Filmkritik:
Wer jetzt sagt, ach nee, nicht schon wieder das Thema Flüchtlinge, der hat den neuen Aki Kaurismäki Film „Die andere Seite der Hoffnung“ noch nicht gesehen. Auf der diesjährigen Berlinale heimste er den Silbernen Bären für die beste Regie ein, die Kritiker waren voll des Lobes und das Publikum war begeistert. 2011 kam sein berührender Film „Le Havre“ in die Kinos. Erzählt wurde die Geschichte eines Schuhputzers, der sich um einen afrikanischen Jungen kümmerte und ihn bei sich aufnahm.

In Kaurismäkis neuen Werk geht es um Khaled (Sherwan Haji), einen syrischen Flüchtling, der in Finnland gestrandet ist, weil er gehört hat, dass in diesem Land alle Leute so nett seien. Das stimmt leider so nicht. Man sieht, wie er ein rostiges Frachtschiff verlässt und sich erst einmal sein rußgeschwärztes Gesicht wäscht, bevor er sich auf der Polizeistation meldet, um Asyl zu beantragen. Und noch jemand verlässt sein gewohntes Leben. Der Hemdenvertreter Waldemar Wikström (Sakari Kuosmanen), der seiner Frau Schlüssel und Ehering auf den Küchentisch legt und wortlos verschwindet.

Wer Akis Filme kennt, weiß, dass in ihnen wenig Worte fallen, die Einstellungen lang sind und von einer ganz besonderen Musik begleitet werden. Sein lakonischer Humor, wortkarge Außenseiter und düstere Bilder sind die typischen Merkmale des fast sechzigjährigen Filmemachers.

Khaleds Asylantrag wird abgelehnt. Er beschließt unterzutauchen und verbringt die Nacht in einem Versteck auf Waldemars Hinterhof, der sich entschlossen hat eine Kneipe zu übernehmen. Viel Geld, kann er mit dem Laden nicht verdienen und trotzdem zögert er nicht lange und entschließt sich, Khaled als Putzmann und Tellerwäscher einzustellen und für einen Schlafplatz zu sorgen. Seine unausgesprochene Botschaft, wenn man es alleine nicht schaffen kann, dann müssen wenigstens andere einem helfen. Die Kneipe, ein skurriler, heruntergekommener Schuppen, wird zum Schauplatz tragischer und humorvoller Begebenheiten. Mit viel Fantasie versucht Waldemar Wikström, Gäste in seinen Laden zu locken. Seinem Ideenreichtum sind keine Grenzen gesetzt. Natürlich erscheint das Ordnungsamt und Khaled muss sich schleunigst, samt Kneipenhund, verstecken. Da sich auch die Rechten in Finnland immer breiter machen, bleibt ihm ein rabiater Zusammenstoß mit der braunen Brut nicht erspart.

In all seinen Filmen kümmert sich Kaurismäki auf seine besonders melancholische Art um die Verlierer und Außenseiter der Gesellschaft, aber auch immer mit seinem ganz speziellem Humor. Auch an den Behörden lässt er wahrlich kein gutes Haar. Khaleds Odyssee durch verschiedene Länder, bei der ihm Gewalt und Gefängnisaufenthalte nicht erspart blieben, endete mit einem strikten Nein… kein Asyl. Traurig-skurril die Küchenszene in der Wikströms Frau am Tisch hockt, mit Lockenwickler im Haar, einen großen Kaktus vor sich, der Aschenbecher randvoll, stoisch den wortlosen Abgang ihres Mannes verfolgt. Viel Herz, Humor und eine ganz spezielle Musik sind die hören- und sehenswerten Zutaten, mit denen Kaurismäki seine besonderen Filme würzt. Bitte, bitte weiter so.

Ulrike Schirm


"TANNA - Eine verbotene Liebe": Seit 30. März 2017 im Kino.
Regie: Bentley Dean & Martin Butler. Kamera: Bentley Dean. Mit Marie Wawa, Mungau Dain, Marceline Rofit. (Vanuatu, Australien 2015, 104 Min.) Hier der Trailer:



Der Spielfilm "Tanna" gehört wohl zu den schönen Überraschungen, die uns das Kinojahr beschert, auch er ein wenig verspätet erst zu uns gelangt. Er entstand bereits 2015 auf der entlegenen, gleichnamigen Insel in der Südsee und ist ein publikumswirksamer Film mit grandioser Naturkulisse, der auf dem Filmfestival von Venedig in der Independent-Reihe der Internationalen Filmkritik mit dem Kamerapreis und dem Publikumspreis ausgezeichnet wurde. Er lief zudem auf dem Filmfest München 2016 sowie auf dem EFM Filmmarkt der diesjährigen Berlinale, hätte aber durchaus auch in die Sektion der indigenen Filme über Naturvölker gepasst.

Filmkritik:
Romeo & Julia” im Regenwald, so könnte man die Handlung von “Tanna” zusammenfassen, allerdings handelt es sich um eine wahre Geschichte und es geht gar nicht nur um eine tragische Liebesbeziehung, sondern darum, wie diese das Leben der Menschen des Stammes zu der Wawa und Dain gehörten beeinflusst hat.

Wawa und Dain sind seit längerem zusammen. Wawa ist auf der Schwelle zum Frau sein. Spielt sie in der Exposition noch ausgelassen mit den anderen Kindern, so sehen wir sie dann mit den anderen Frauen am Fluß beim Waschen. Viel lieber würde sie spielen, aber sie sei kein Kind mehr, sagen die Frauen. Gerade wird ihre Initiation vorbereitet, als der Vater von Dain, der Sohn des Stammesoberhaupts von einem anderen Stamm niedergeschlagen wird. Der Chief will keine Rache, er sieht die Zukunft nur durch Verständigung gesichert. Er bringt die Stämme zusammen und verspricht Wawa, da sie gerade aus dem Stand der Kindheit hervorgetreten ist, dem Sohn des gegnerischen Stammesoberhauptes.

Der Stamm der Yakel, der auf der Insel Tanna beheimatet ist, lebt noch genau so wie vor Hunderten von Jahren. Sie tragen Baströcke und Penishauben, sie jagen und ernten. Das für und wider eines solchen Lebens wird hier gerade heraus dargestellt, ohne auf das westliche geprägte Verständnis von Zivilisation, zu pochen. Eine christliche Mission, die es auf der Insel gibt, wird für eine Szene eine Rolle spielen. Die christlichen Jünger wirken wie eine Sekte, sie sind seltsam und eher zum fürchten.

Wawa will nicht verheiratet werden, sie liebt Dain und ihm hat sie sich versprochen. Sie sind auch bereits ein Paar. Ein Ehrverlust in den Augen des Großvaters, dem Chief, der seinen Enkel verstößt. Mit guten Worten versucht man Wawa nahe zu bringen, was ihre Entscheidungen bewirken könnten. Wenn sie diese Ehe mit dem Sohn des verfeindeten Stammes nicht eingeht, dann würde der ganze Stamm darunter zu leiden haben.

Wer jetzt denkt, dass ein Mensch doch unmöglich diese Verantwortung haben darf, dass keiner das Recht haben dürfte, über den Körper eines anderen zu bestimmen, der hat zwar recht, aber die Sache ist auch kompliziert und das Drehbuch- und Regie-Duo Bentley Dean und Martin Butler, die bereits seit “Contact” zusammen arbeiten, erheben keinen Zeigefinger und halten sich zurück in Moralisierungen. Genau damit muntern sie natürlich zum Dialog auf.

Wawa und Dain sind sich bewusst, welche Rolle sie zu spielen haben und wie unmöglich es ist, zusammenzubleiben. Und sie tun es dennoch. Sie reißen aus, wollen in den Wäldern leben. Doch die Insel ist klein, auf Dauer würden sie der Rache nicht entkommen und nur ihre Stammesmitglieder in Gefahr bringen. Sie wählen einen anderen Ausweg, eine weitaus Tragischeren. Es ist den Filmemachern hoch anzurechnen, dass sie aus der romantischen Tragödie keinen Tearjerker gemacht haben, man merkt, dass sie vom Dokumentarischen kommen. Das Drehbuch schrieb nicht nur John Collee (“Wolf Totem”) mit, sondern wurde in Zusammenarbeit des Stammes erarbeitet, die darin auch mitspielen. Die Besetzung war somit einfach, jeder spielte seine Rolle. Der eigentliche Fall ereignete sich 1987, und löste einen Wandel aus. Die Alten wollten es nicht mehr hinnehmen, dass sie ihre Kinder verloren. Eine Erneuerung wurde von innen heraus erarbeitet und die Möglichkeit der Liebesbeziehung ist inzwischen Teil der Tradition.

Gedreht wurde “Tanna” vor Ort, einem abgelegenen Regenwaldstück, nahe einem aktiven Vulkan. Es könnte fast kitschig sein, wenn man das Feuer in kleinen Funken gen Himmel stieben sieht, eine Metapher für die Kraft des Lebens und der Liebe. Bentley Dean benutzte eine Canon 50 für den Dreh, und transportiert den Zuschauer mitten hinein in dieses Land, dem satten Grün und dem grauen Basalt. Die Schönheit der Natur, die das Paradiesische dieses Lebens eigentlich noch unterstreicht, wirkt hier nicht mythisch angereichert, sondern vielmehr dokumentarisch. Dazu kommt, dass nicht Schauspieler eingeflogen wurden, sondern die Bevölkerung selbst ihre Geschichte erzählen durfte. Auch und obwohl sie nie einen Film zuvor gesehen hatten. Die Kraft des Erzählens wird so eben von der Crew visuell unterstützt. Die Spiritualität ist hier fest verankert und Teil der Politik und des Gesellschaftswesens. Auch wenn die Gesangsstimme von Lisa Gerrard (Dead Can Dance), die sicherlich dem westlichen Zuschauer für ihre ethnologischen Arbeiten bekannt ist, einen Wiedererkennungswert mitbringt. "Tanna" hat es einfachen Mitteln bis unter die letzten Fünf der Nominierungen für den fremdsprachigen Oscar-Anwärtern gebracht.

Elisabeth Nagy


"A United Kingdom" von Amma Asante: Seit 30. März 2017 im Kino.
Mit David Oyelowo, Rosamund Pike, Tom Felton. (Frankreich & Großbritannien 2016, 111 Minuten). Hier der Trailer:



Der Film beschreibt den Kampf für Unabhängigkeit in Zeiten der Apartheid, um die Protagonisten schließlich aus dem gesellschaftlich auferlegten Exil in ihr Königreich zurückkehren lassen zu können.

Filmkritik:
Der Film basiert auf außergewöhnlichen, wahren Begebenheiten. Im Jahre 1947 verliebte sich der (farbige) Prinz Seretse Khama, späterer König von Bechuanaland (dem heutigen Botswana), in die (weiße) Londoner Büroangestellte Ruth Williams. Ihre Heirat wurde nicht nur von ihren beiden Familien, sondern auch von den Regierungen Großbritanniens und Südafrikas abgelehnt. Doch Seretse (David Oyelowo) und Ruth (Rosamund Pike) trotzen ihren Familien und dem britischen Empire – ihre Liebe war stärker als jedes Hindernis, das sich ihnen in den Weg stellte. Sie veränderte die Geschichte, die an Spannung und Romantik unvergleichlich ist. Als Botswana 1966 seine Unabhängigkeit erlangte, übernahm Seretse Khama das Amt des ersten Staatspräsidenten.

Die Regisseurin des Films, Amma Asante, ist in Stratham im südlichen London aufgewachsen, als Kind ghanaischer Einwanderer. Als „schwarze Britin“ konnte sie die Geschichte aus einer doppelten Perspektive betrachten, als Kind von Eltern, die in einer britischen Kolonie groß geworden sind und miterlebt haben, wie diese Unabhängigkeit erlangten.

Es ist ein außergewöhnlich spannender und reizvoller Film entstanden mit Menschen, die für ihre Überzeugungen kämpfen und nicht zulassen, dass Vorurteile zu Kultur ihrer Länder gehören.

Isolde Arnold


Auch Elisabeth Nagy hat sich zu einer noch umfangreicheren Filmkritik über "A United Kingdom" hinreißen lassen, die wir unseren Lesern nicht vorenthalten wollen. Außerdem lag ihr eine Besprechung des Dokumentarfilms "Gaza Surf Club" am Herzen, der ebenso wie der Film "TANNA" zur Wiedereröffnung des Charlottenburger KLICK Kinos gezeigt wird. Mehr darüber weiter unten im Text.

Weitere Filmkritik zu "A United Kingdom" im Alamode Filmverleih.

Kann die Liebe zweier Menschen eine ganze Nation erschüttern? Oder gar einen Kontinent? Es gibt in der Weltgeschichte viele Regenten, die durch ihre Liebesgeschichte berühmt sind. Seretse Khama und Ruth Williams gehören eigentlich nicht dazu. Vielleicht, weil die beiden zu zurückhaltend waren. Sie waren beharrlich, bestimmt, und es war nur ihr Umfeld, das ihnen das Leben schwer machte. Amma Asante (“Belle”), selbst ghanaischer Abstammung, nimmt sich mit dem Drehbuch von Guy Hibbert (“Eye in the Sky”) einer wahren Geschichte von einem afrikanischen Thronfolger und einer einfachen britischen Angestellten an. Die Vorlage “Colour Bar” stammt dabei von Susan Williams.

Ruth Willams (Rosamund Pike) lernt den Jurastudenten Seretse Khama (David Oyelowo) bei einer Tanzveranstaltung kennen. Gemeinsame Interessen, zum Beispiel der Jazz, und ein gemeinsamer Humor, bringen die beiden zusammen und es scheint Liebe auf den ersten Blick zu sein. Seretse begleitet seine neue Freundin nach Hause und ein neuer Tag ist schon angebrochen, als Ruth ein paar Ecken vor ihrem Daheim plötzlich inne hält. Eine schwarze Begleitung ist zur damaligen Zeit wohl zu Hause noch nicht erwünscht. Der Film reflektiert hier das damalige Umfeld. Auch seine Freunde, von denen man bald annimmt, dass sie eigentlich ihm zur Seite stehen sollten, sehen eine weiße Frau als problematisch an. Es ist 1947, sollte das ein Problem sein? Und ob!

Die Verbindung von Seretse und Ruth bereitete vielen Kopfzerbrechen, wenn auch nicht den beiden verliebten... Zwar sind beide je für sich und auch gemeinsam von der Vehemenz ihrer Gefühle überrascht und überwältigt, aber sie sind sich sicher, ohne einander können sie nicht leben und nicht arbeiten. Dabei rückt Seretse schon bald mit der Wahrheit seiner Herkunft raus. Er sei der Thronfolger von Betschuanaland, das heutige Botswana, er wurde nur zur Ausbildung nach London geschickt, und soll nun schon bald die Herrschaft von seinem Onkel übernehmen. Ruth hat sich bereits vorher in ihn verliebt und die Erkenntnis berührt sie scheinbar nicht. Machte sie sich wirklich nicht klar, wie es ist, in einem der ärmsten afrikanischen Länder zu leben? Wollte sie das triste Leben von London einfach hinter sich lassen? Sie muss doch Träume gehabt haben? Wollte sie nur Ehefrau sein? Wie fühlt man sich als Königin in einem fremden Land? Ruth schlägt die Illustrierten auf und versucht Queen Elizabeth nachzumachen, etwas hilflos, sie merkt selbst, dass es lächerlich wirkt.

Wenn man “A United Kingdom” etwas übel nehmen kann, dann ist es der Fokus auf die unerschütterliche Liebe, die bei weichem Licht und mit zärtlichen Worten daher kommt, die das afrikanische Land auch in den ärmsten Dörfern wunderschön aussehen lässt, als würde gleich das Traumschiff durch die Steppe segeln. Der Bogen zum Politdrama gelingt Asante nicht und war wohl auch nicht angedacht. Klar und verständlich legt das Buch aber die Schwierigkeiten der Weltpolitik und der Diplomatie dar. Und kurz zusammengefasst, Politikern darf man nicht trauen, jeder hat seine eigene Agenda und wer Staatsinteressen im Wege steht, der wird beiseite gefegt.

Nicht nur die Familien und Freunde haben etwas gegen die Verbindung. Zum einen wird Ruth von ihrem Vater zuerst verstoßen, sie würde Schande über die Familie bringen. Darüber hinaus steht plötzlich der afrikanische Experte der britischen Regierung in Ruths Büro und legt ihr nahe, das Ganze zu vergessen. Woraufhin das Paar sich auf ihr Recht, den zu lieben, den sie wollen, berufen und alle vor vollendete Tatsachen stellen. Doch so einfach kommt man weder an der britischen Regierung unter dessen Protektorat Betschuanaland steht, noch an dem Onkel und Interimsregenten vorbei. Der will sein Land schützen, vor Südafrika, was bedeutet, keiner will das Nachbarland, das gerade die Apartheid festigt, vor den Kopf stoßen. Mit den Zuschauer-Augen der Jetztzeit ist es einfach zu verstehen, dass die Apartheid ein Unding war, damals muss das ungleich schwerer verständlich gewesen sein. Dennoch wollen die beiden gegen diese umsichgreifende Seuche standhalten.

Wie wollen die beiden die Bevölkerung auf ihre Seite ziehen? Noch wissen sie es nicht. Man betrachtet Ruth zuerst als Fremdkörper und hilft ihr schließlich doch. Noch ärger verhält sich Großbritannien. Man trennt die Eheleute mit einer List. Man lockt ihn, den Thronfolger, nach London zu Gesprächen und lässt ihn nicht wieder heim reisen. Sie dagegen muss, inzwischen schwanger, selbst klar kommen. Hier macht der Film alles richtig. Die starken Persönlichkeiten, die leise aber bestimmt agieren, sind die Frauen, während die Männer der britischen Krone sich lächerlich an ihren Privilegien festhalten. Man lernt das eine oder andere geschichtliche Detail, das man zuvor nicht kannte, der Film kann die Faszination für die zwei Persönlichkeit auch durch die Vereinfachung nicht kaputt machen. Nicht zuletzt haben die Darsteller so viel Charisma, dass man ihnen gerne zuschaut. Man fiebert mit ihnen, als sie auf die Wahl Churchills hoffen, auf dass dann alles besser werde, man drückt die Daumen, wenn es darum geht, dem armen Land die Schürfrechte zu sichern, nachdem die Amerikaner ohne Genehmigung im Boden stocherten. Doch die episodische Inszenierung ist viel zu glatt.

Die Themen Monarchie und Demokratie werden zwar anschaulich gegeneinander aufgewogen und weder der junge König Khama noch seine Landsleute werden wie Bürger zweiter Klasse eingestuft. Aber die Geschichte räumt ihrem eigenen Verständnis von Politik weit mehr Raum ein, als dem britischen Gegenpart. Und so rückt all das in den Hintergrund, wenn es um große Gefühle geht, die auch noch in wunderschönes Licht getaucht werden. Spannung zieht das Drama dabei stets aus der Reaktion der anderen Mitspieler, um die große Liebe der Beiden muss sich der Zuschauer jedoch zu keiner Minute fürchten.

Elisabeth Nagy


"Gaza Surf Club" Dokumentarfilm von Philip Gnadt & Mickey Yamine:
Konzept: Michael Dupke, Philip Gnadt. Kamera: Niclas Reed Middleton. Musik: Sary Hany. Montage: Helmar Jungmann, Marlene Assmann. Mitwirkende: Ibrahim Arafat, Sabah Abu Ghanem, Matthew Olsen, Mohammed Abu Jayab, Ali Erheem, Rajab Abu Ghanem, Mahmoud El Reyashi. (Deutschland 2016, 87 Minuten, fsk 0) Im Kino über den Farbfilm Verleih seit 30. März 2017. Hier der Trailer:



Filmkritik:
Philip Gnadt wurde auf die Surfszene im Gaza-Streifen über eine Photostrecke in einem Sportmagazin aufmerksam. Das Leben der jungen Sportler deckte sich nicht mit der allgemeinen Sicht, die man gemeinhin über diesen Landstrich zwischen Israel und Ägypten hat. Man weiß um ist die Zerstörung der Städte und der Abgeschnittenheit von der Welt, da der Hafen nicht mehr in Betrieb und der Flughafen geschlossen ist. Ältere Surfer, die Gnadt und sein Kollege Mickey Yamine getroffen haben, berichten von einer Hoffnungslosigkeit, die sich einer Zukunft verschließt.

Gnadt war die westliche Sicht auf den Gaza schon lange zu einseitig. Während dem Studium an der Hochschule der Medien in Stuttgart hatte er einen Freund gewonnen, der im Gaza aufgewachsen war. Über ihn gelangte er auch an einen Journalisten vor Ort, das war 2012, der die Surfer am Strand ansprach und ein erstes Treffen via Skype arrangierte. Dann kam der Ko-Regisseur und Produzent Mickey Yamine hinzu, der arabisch spricht und somit die sprachliche Barriere überbrücken konnte.

Die Filmemacher haben sich drei Protagonisten aus drei Generationen ausgewählt, wobei die 15jährige Sabah erst beim eigentlichen Dreh dazu stieß. Die politischen Veränderungen, Machtwechsel und Grenzziehungen waren eine Hürde, doch eine weitere war, dass die Filmemacher bei den Surf-Aufnahmen komplett bei Null anfangen mussten. Nicht nur, dass man keine Erfahrung hatte, man musste sich entsprechende Tricks erst einmal erarbeiten. Am Ende schnallten sie die Arri Amira auf ein halb mit Zement gefülltes Regentonnenkonstrukt und schmierten die Linse mit frisch angeschnittenen rohen Kartoffeln ein. (Mehr oder bessere technische Utensilien waren offensichtlich in der palästinensischen Autonomiebehörde nicht zu bekommen; die Redaktion.)

Die Geschichten der Surfer sind es wert erzählt zu werden. Sie werden ganz anschaulich vermittelt, auch wenn die Protagonisten weitgehend in die Kamera sprechen. Vor 20 Jahren habe man noch Holzbretter von Tischen und Schränken genommen. Man habe aus Kalifornien Surfbretter geschenkt bekommen, aber der israelische Staat habe sie beschlagnahmt und es dauerte zwei Jahre, bis sie ankamen, erzählt Mohammed Abu Jayab, den sie den Mentor nennen. Ibrahim dagegen hat Träume und einen Plan. Da es im Gaza nichts gibt, will er über seinen Kontakt in Hawaii an ein Praktikum im Ausland kommen, um alles über das Herstellen und Reparieren von Brettern zu lernen und einen Laden aufmachen zu können. Das mit dem Visum für Hawaii klappt sogar. Der Sport steht dabei gar nicht mal an erster Stelle. Da die Surfer sich weder vor Ort, durch Einreiseschwierigkeiten, noch im Ausland, wegen der Ausreiseschwierigkeiten, mit anderen Sportlern messen können, vermittelt die fast artfremde Sportdokumentation sogar ein angenehmes Fehlen von Wettbewerbsgeist. Statt dessen steht das Wellenreiten an sich, die Freude an dem Surfen und an den Wellen im Vordergrund.

Wie so oft, fragt man sich, wie der Blick von innen auf ein Thema aussehen würde. Wenn nicht Filmemacher aus dem Westen, in diesem Fall Deutschland, kommen würden, um uns die Welt und das Leben von woanders zu erzählen. Doch der Ko-Regisseur Mickey Yamine kommt aus Ägypten, ist dort aufgewachsen. Der Fokus auf den Sport, die bewusste Absage ein Thema politisch aufzuarbeiten, eine positive Aussage zu vermitteln, ist hier Hürde und Segen zugleich. Das Surfen ist sicherlich ein universeller Sport. Die Freiheit der Wellen zu genießen, während man aus einer Heimat nicht ausbrechen kann, ist dann aber doch zumindest relevant.

Nicht alles hat sich für die Filmemacher wie geplant aufgelöst. Wichtige Fragen werden gar nicht erst gestellt. Fragen, die man eben als Zuschauer aus der westlichen Hemisphäre hat. Warum dieser Sport immer noch jungen Männern vorbehalten ist und ob diese jungen Männer sich dieses Privilegs bewusst sind. Zwar hat das Filmteam mit der jungen Sabah Abu Ghanem eine weibliche Protagonistin gefunden, die zwar hauptsächlich über ihren Vater zu Wort kommt, der jedoch ziemlich eindeutig ein reflektiertes Weltbild hat und seiner Tochter mehr Freiheiten geben würde, als ihr die Gesellschaft zubilligt. Aber nur durch ihre Person wird überhaupt sichtbar, dass man als Frau ab einem gewissen Alter, sprich, ab der Pubertät, spätestens, nicht mehr schwimmen und schon gar nicht surfen darf, ohne von eben dieser Gesellschaft schief angeschaut oder gar ausgeschlossen zu werden. Dieser Umstand wird immerhin eingebaut, aber nicht hinterfragt.

Elisabeth Nagy
(Übrigens das Ende des Films ist überraschend. Einerseits verständlich - andererseits spiegelt es doch die Hoffnungslosigkeit der jungen Leute im palästinensischen Staat wider; die Redaktion.)




Das KLICK Kino in Berlin Charlottenburg ist wieder da!

Gestern Abend wurde das historische Filmtheater KLICK in Berlin Charlottenburg nach langer Schließzeit mit der Premiere von "Gaza Surf Club" im ausverkauften Haus neu eröffnet. Unter der Leitung des anspruchsvollen Arthouse Filmverleihs missingFILMs von Christos Acrivulis sowie unter Mithilfe und gleichberechtigter Partnerschaft von Claudia Rische, deren Agentur rische & co pr durch zahlreihe Filmbetreuungen manch Fachbesuchern und Filmkritikern bereits bekannt ist, wurde mit der KulturSPEDITION eine neue Gesellschaft gegründet, die ab sofort für die Programmgestaltung des Klick Kinos verantwortlich zeichnet und das im Dornröschenschlaf liegende Kino wieder aufgeweckt.

Zwei der oben besprochenen Filme werden in den nächsten zwei Wochen im KLICK laufen, wie weiter unten detailliert im neuen Wochenplan des Kinos aufgeführt wird, der offiziell erst ab 6. April 2017 gilt. Bis dahin wird auch die neue Webseite mit den Programmvorschauen fertig sein, die wir gestern Abend noch nicht aufrufen konnten, aber heute in einen Update hiermit nachreichen: klickkino.de

Die Kulturspedition wird das Klick Kino in der Charlottenburger Windscheidstraße mit einem monatlichen Programm als klassisches Programmkino bespielen. Vorbei also die Zeiten als das ehemalige Charlottenburger Kino halbherzig von Filmemacher Patrick Banush mit seinem "Campingplatzkino" zweimal im Jahr für private Veranstaltungen benutzt und in Kooperation mit Nora Kasparick von der DaWanda Snuggery als sogenanntes MAEDCHENKINO vorübergehend auch für die Öffentlichkeit reanimiert wurde, wie wir am 7. Mai 2015 schrieben.

Die Schaufensterfront in der Windscheidstraße hatte sich in den letzten Jahren gewaltig verändert. Es sind neue Läden und Gaststätten hinzugekommen. Anstelle eines kleinen Fensters zur ehemaligen Klick Kino-Kneipe hatte der Hausbesitzer zwei große Schaufenster in die Hausfront einbauen lassen. Dahinter betreibt Nora Kasparick einen Laden für selbstgemachte Handwerkskunst sowie einen kleinen Coffeeshop mit Leckereien. Daneben wurden die Tickets für gelegentliche private Filmvorführungen verkauft. Die Bestuhlung des alten Klick Kinos war noch vorhanden. Die Vorführtechnik wurde mit einem Beamer improvisiert, denn Filmkopien auf Celluloid-Basis für den alten noch vorhandenen Filmprojektor gibt es für neue Werke kaum noch. Deshalb wird nun hauptsächlich von Blu-ray in HD-Qualität abgespielt, solange bis irgendwann das Geld für eine moderne DCI-konforme Anlage ausreicht. Sollte aber seitens des Publikums Interesse an Retrospektiven vorhanden sein, könnte auch der alte 35mm Filmprojektor wieder reaktiviert werden.

Patrick Banush & Nora Kasparick von der DaWanda Snuggery 2015 im alten KLICK Filmtheater. [©BAF]


Nun wird also nach mehr als 12 Jahren Schließung des Kinos alles wieder professionell von der Kulturspedition aufgezogen, dank DaWanda, zu deren Räumlichkeiten der Kinosaal gehört und die den Mut hatten, das Kiezkino zu ermöglichen. Das KLICK, das erstmals unter dem Namen 'Windscheid-Lichtspiele' vor mehr als hundert Jahren in der Windscheidstraße eröffnet wurde, bekommt also eine neue Chance anspruchsvolle Filme, die nach ihrem Kinostart nur für eine kurze Zeit – oder gar nicht - auf den Berliner Leinwänden zu sehen waren, dem Berliner Kiezpublikum erneut abseits des Mainstreams näher zu bringen.

Die beiden neuen Betreiber der KulturSPEDITION: Christos Acrivulis & Claudia Rische [© rische & co pr]


Dem neuen KLICK Kino liegt Filmkunst am Herzen, die künstlerische Innovation ist, dem Zuschauer Raum für echte Entdeckungen bietet und aus der Masse hervorsticht. Mit seinem Programm ergänzt es die existierenden Arthousekinos im Berliner Westen und schließt damit eine Lücke im Westteil der Stadt.

KulturSPEDITION
Boxhagener Str. 18
10245 Berlin
Web: www.kulturspedition.de

KLICK Kino
Windscheidstr. 19
10627 Berlin
Facebook: www.facebook.com/KLICK-Kino-307589516323560/
Website: klickkino.de

KLICK KINO PROGRAMM APRIL
Do 06.04. - Mi 12.04.2017
18:00 Uhr

"HAPPY", Dokumentarfilm - Regie: Carolin Genreith

20:00 Uhr
"DIE ÜBERGLÜCKLICHEN (LA PAZZA GIOIA)", Komödie von Paolo Virzì
Italien/Frankreich 2016, 116 Min

Do 13.04. - Mi 19.04.2017
Do-So: 18:00 Uhr, Mo-Mi: 20:00 Uhr
"DON’ T BLINK – ROBERT FRANK", Dokumentarfilm - Regie: Laura Israel
USA/F/KA 2015, 82 Min., OmU

Do 13.04. - Mi 19.04.2017
Do-So: 20:00 Uhr, Mo-Mi: 18:00 Uhr
"TANNA – Eine verbotene Liebe", Spielfilm von Martin Butler & Bentley Dean
Australien 2015, 104 Min., OmU, FSK: 12
Mit: Marie Wawa, Mungo Dain, Marceline Rofit

Do 20.04. - So 23.04.2017
18:00 Uhr

"GAZA SURF CLUB", Dokumentarfilm – Regie: Philip Gnadt & Mickey Yamine
D 2016, 87 Min., FSK: 0, OmU

Do 20.04. - So 23.04.2017
20:00 Uhr

"MARIJA", Spielfilm von Michael Koch
D / CH 2016, 101 Min., FSK: 12
Mit: Margarita Breitkreitz, Georg Friedrich, Olga Dinnikova

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