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Weitere Filmkritiken im September 2018, Teil 2

Höchste FBW-Auszeichnung mit dem Prädikat "besonders wertvoll" für "MACKIE MESSER", "STYX" und "GLÜCKLICH WIE LAZZARO".

Genau zu ihrem Kinostart wurden gleich die ersten drei Filme unserer heutigen fünf ! Filmbesprechungen mit dem Prädikat "besonders wertvoll" von der Deutschen Film- und Medienbewertung (FBW) auf Schloss Biebrich in Wiesbaden ausgezeichnet. Über die Auszeichnungen entscheiden unabhängige Jurys mit jeweils fünf Gutachtern aus einem Pool aus 85 Experten aus ganz Deutschland.

Allerdings stimmten im Umfeld unseres BAF Verbandes und im Gegensatz zu unserer Rezensentin, nicht alle der Jurymeinung zu. Insbesondere "MECKIE MESSER" polarisierte stark und stieß zum Teil sogar auf völlige Ablehnung. Auch "HAPPY AS LAZZARO - GLÜCKLICH WIE LAZZARO", die Geschichte des Lazarus, eines jungen Mannes, der unwissend als Leibeigner traumwandlerisch durch die Welt marschiert und dabei die Demokratie verpasst, ist in Anlehnung an sein biblisches Vorbild, das von Jesus zum Leben wiedererweckt wurde, in Wirklichkeit aber als Gleichnis aus einem Albtraum ins reale Leben zurück geholt wurde, eher tragisch als komisch.

Als brandaktuell könnte man das Sony Movie "LEAVE NO TRACE" bezeichnen. Es erinnert in gewisser Weise an die Umweltschützer im Hambacher Forst, die schon sechs Jahre lang, und von der Öffentlichkeit fast unbemerkt, in Baumwipfeln hausten. Nun auf einmal werden sie zu »Personae non gratae« erklärt und mit übler Gewalt von der Obrigkeit vertrieben.

Darüber hinaus möchten wir das Hochseedrama "STYX" hervorheben, denn es hatte uns schon auf der letzten 68. Berlinale in der Sektion Panorama ganz besonders gefallen. Seitdem wurde es auf zahlreichen weiteren Festivals auch hervorragend vom Publikum aufgenommen.

"STYX" Drama von Wolfgang Fischer (Deutschland, Österreich). Mit Susanne Wolff, Gedion Oduor Wekesa, Alexander Beyer u.a. seit 13. September 2018 im Kino. Hier der Trailer:

Ulrikes Filmkritik:

"Styx", (Wasser des Grauens). Entsprechend der griechischen Mythologie stellt der Fluss Styx die Grenze zwischen der Welt der Lebenden und dem Totenreich Hades dar.

Rike (Susanne Wolff) ist eine verantwortungsvolle und selbstbewusste Notärztin. Sie unterbricht ihren Kölner Alltag und erfüllt sich einen Traum. Mit ihrer kleinen Segelyacht begibt sie sich von Gibraltar als Alleinseglerin auf hohe See. Ihr Ziel ist die die Atlantikinsel Ascension, zwischen Afrika und Südamerika, die nach den Plänen von Charles Darwin bepflanzt wurde. Eine Wildnis, von Menschenhand angelegt.

Regisseur Wolfgang Fischer lässt sich viel Zeit, bevor es zu dem aufwühlenden Drama kommt.

Er zeigt Rike, wie sie mit körperlicher Anstrengung ihr Boot klar macht, ihre Vorräte verstaut, wie sie es genießt nackt im Meer zu schwimmen, sich von der Sonne trocknen lässt und bei kleinen Hindernissen einen klaren Kopf behält. Die mehrfach ausgezeichnete Schauspielerin ist auch im wahren Leben eine passionierte Blauwasserseglerin und besitzt einen internationalen Segelschein.

Nach einem Sturm, entdeckt Rike durch ihr Fernglas ein seeuntüchtiges, völlig überfülltes Flüchtlingsboot. Sie informiert per Funk sofort die Küstenwache. Sie wird aufgefordert sich auf keinen Fall dem Boot zu nähern, denn das würde die in Seenot geratenen Menschen dazu bewegen, ins Wasser zu springen. Außerdem sei ihre Segelyacht für eine Bergung viel zu klein und könnte sie zum Sinken bringen. Hilfe sei unterwegs. Doch die bleibt aus.

Auch ein in der Nähe kreuzendes Frachtschiff verweigert die Seenotrettung Rike ist hin-und hergerissen, zwischen Vernunft und ethischer Moral. Als sie beobachtet wie ein Junge auf sie zuschwimmt, siegt ihr Berufsethos. Mit grosser Anstrengung hievt sie das total erschöpfte Kind aus dem Wasser und versorgt es fachmännisch. Der traumatisierte Junge, Kingsley nennt sie ihn, stammelt, nachdem er nach Stunden zu sich gekommen ist, nur „meine Schwester, meine Schwester“. Ein Rettungsschiff ist weit und breit nicht zu sehen. In seiner Verzweiflung schubst er Rike ins Wasser und versucht die Yacht irgendwie in Richtung der um Hilfe schreienden Flüchtlinge zu manövrieren, bis er begreift, dass er nichts ausrichten kann.

Fischer verzichtet in seinem dramatischen Kammerspiel auf hoher See, bewusst auf untermalende Musik. Er urteilt nicht. Auch die Wörter Flüchtling und Migrant vermeidet er. Sein Augenmerk liegt auf den sterbenden Menschen und wie man ihnen (oder auch nicht) hilft. Er zeigt die Machtlosigkeit einer einzelnen Person und wirft die Frage auf: „Wie würde ich handeln“. Eine humanistisch orientierte, verantwortungsvolle Küstenwache könnte es schon. Sein Thema, leider hochaktuell.

Die Rolle des Kingsley wird von Gedion Odour Wekesa dargestellt. Er lebt mit seiner Familie in Kibera, einem Slum in Nairobi Im Drama Department des Förderprogramms von ONE FINE DAY e.V. erhielt er Schauspielunterricht und hat sich unter 40 Jungen für die Rolle des Kingsley durchgesetzt. Styx ist sein Filmdebut.

Ulrike Schirm

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"MACKIE MESSER – Brechts Dreigroschenfilm" Musicaldrama von Joachim Lang (Deutschland). Mit Lars Eidinger, Tobias Moretti, Hannah Herzsprung u.a. seit 13. September 2018 im Kino. Hier der Trailer:

Ulrikes Filmkritik:

„Die Dreigroschenoper ist ein Versuch, der völligen Verblödung der Oper entgegenzuwirken“. (O-Ton: Bert Brecht)

August 1928. Im Berliner Ensemble »BE« wird Brechts Dreigroschenoper uraufgeführt. Der Erfolg ist grandios.

Nun soll der Stoff für die Leinwand adaptiert werden. Brecht selbst soll das Drehbuch schreiben. Doch er hat ganz andere Ambitionen. Für einen Film muss das Stück radikalisiert und politisch brisanter und entstaubt in Szene gesetzt werden. „Der Haifisch muss wieder Zähne bekommen“. Das passt den Produzenten nicht. Es kommt zum Streit.

Regisseur und Autor Joachim A. Lang erzählt die Geschichte in seinem Film "MACKIE MESSER – BRECHTS DREIGROSCHENFILM" nicht gewohnt gradlinig. Fiktion und Realität verschmelzen. Brecht tritt immer wieder auf und kommentiert und provoziert. Brecht, der mit Kurt Weill (Robert Stadelober) am Treatment für den Film arbeitet und dessen Vorstellungen von der Produktion in Frage gestellt werden, kontert auf deren Einwände: „Wenn sie etwas Vernünftiges sehen wollen, gehen sie aufs Pissoir“.

An seiner gedanklichen Selbstinszenierung scheitert der Film im Film. Eine fast surreale Situation. Diese Rahmenhandlung konzentriert sich auf die Jahre 1928 bis 1933. Um das Projekt zu retten, macht ihm die Nero-Film ein üppiges finanzielles Angebot, vorausgesetzt er verzichtet auf seine Mitarbeit. Brecht lehnt ab und will mit einem Gerichtsprozess der Öffentlichkeit beweisen, dass die Geldinteressen der Filmfirma stärker sind als die Rechte eines Autors. Die Klage wird abgewiesen. Außerdem kommt es zu gewaltsamen Übergriffen. Aufführungen von ihm, werden von Deutschnationalen und Nazis gestört und der Reichsverband Der Deutschen Filmtheaterbesitzer protestiert gegen die geplante Verfilmung, da die Zuhälterballade an „unheilbar sexuell Verblödetem“ nicht zu übertreffen sei.

Alles was Brecht (Lars Eidinger) im Film sagt, sind Texte und Zitate aus seinem Gesamtwerk.

Die zweite Ebene, die Dreigroschenhandlung, angesiedelt in einer Art Kunst–London um 1900, beginnt mit dem Zuhälter und Gangsterboss Macheath (Tobias Moretti), der im Menschengewühl um einen Moritatensänger (Max Raabe), der den Meckie Messer Song zum Besten gibt, von dem „entzückenden Hintern“ der Polly Peachum (Hannah Herzsprung), Tochter des Bettlerkönigs (Joachim Król) derart fasziniert ist, dass er beschließt , sie zu heiraten. Die Hochzeitsfeier arrangiert er als ein großes gesellschaftliches Ereignis, bei dem nicht nur seine Bandenmitglieder, sondern auch sein Freund, der Polizeichef Tiger Brown (Christian Redl), der Oberrichter von Drury Lane und der Pfarrer, geladen sind. Der Höhepunkt des Festes, der berühmte Kanonensong, performt von Tiger Brown.

Überhaupt, die Kombination zwischen Text und Musik ist im gesamten Film großartig gelungen. Das Timing ist perfekt arrangiert.

Der dritte Erzählstrang zeigt das „Reich“ des Bettlerkönigs Peachum und seiner Frau (Claudia Michelsen), der seine lohnabhängigen Angestellten in Bettlerklamotten auf die Strasse schickt. Von der Heirat ihrer Tochter, ganz und gar nicht amüsiert, fordert er, denn seine Macht ist nicht zu unterschätzen, den Polizeichef Tiger Brown auf, Macheath sofort zu verhaften. Als der nicht reagiert, spricht er eine Drohung aus, die Tiger Brown in große Schwierigkeiten bringen würde. Er kann Macheath nun nicht mehr schützen. Dem bleibt nur noch die Flucht. Doch vorher übergibt er seiner Frau noch die Geschäfte. Polly, die ihrem Mann längst geraten hat, Bankier zu werden, bereitet alles vor und kauft die National Deposit Bank.

Der Schwerpunkt der ästhetisch inszenierten, gesellschaftskritischen Dreigroschenwelt, ist aktueller denn je. Beeindruckend die Ausstattung von Peachums Geschäftsraum, der wie ein moderner Herrenausstatter wirkt, indem allerdings keine maßgeschneiderten Anzüge hängen, sondern zerlumpte Klamotten für seine Bettlerstaffel. Perfekt choreographierte Tanzszenen und natürlich Kurt Weills Songs, die inzwischen längst zu berühmten Schlagern geworden sind, verbinden das Politische mit dem Leichten auf unterhaltsame Weise. Ein herausragendes Stück Weltliteratur, völlig neu interpretiert. Es endet mit den Zeilen: „Denn die einen sind im Dunkeln/ Und die andern sind im Licht/ und man sieht die im Lichte/ Die im Dunkeln sieht man nicht." Vor mich hinsummend habe ich das Kino verlassen.

Wer kennt sie nicht, „Die Moritat von Mackie Messer“, gesungen von Frank Sinatra, Louis Armstrong, Ella Fitzgerald bis zu Harald Juhnke und Robbie Williams. Aber das nur nebenbei.

Noch einige Zitate: „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral. Was ist ein Dietrich gegen eine Aktie? Was ist ein Einbruch in eine Bank, gegen die Gründung einer Bank? Wenn ihr die Meinung eines bedeutenden Mannes hören wollt, kann ich nur sagen, dass ich eine ausgezeichnete Meinung von mir habe“. (Bertolt Brecht)

Ulrike Schirm

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"GLÜCKLICH WIE LAZZARO" Drama von Alice Rohrwacher (Italien, Frankreich, Schweiz, Deutschland). Mit Adriano Tardiolo, Alba Rohrwacher, Nicoletta Braschi u.a. seit 13. September 2018 im Kino. Hier der Trailer:

Ulrikes Filmkritik:

Inviolata, ein abgeschiedenes Landgut im italienischen Nirgendwo. Hier herrscht die Zigarettenkönigin Marquesa Alfonsina de Luna (Nicoletta Braschi) mit harter Hand über ihre Landarbeiter. Lazzaro (Adriano Tardiolo) ist einer von ihnen. „Lazzaro, Lazzaro, ruft es von allen Seiten. - Tu mal dies, tu mal das“. Der gutmütige, duldsame und schweigsame Junge, den alle für einen Idioten halten, ist dazu verurteilt die Drecksarbeit auf der Tabakplantage zu machen. Alfonsina schämt sich nicht im geringsten ihre Landarbeiter wie Leibeigene auf den Feldern schuften zu lassen, obwohl die Naturalpacht in Italien längst abgeschafft ist.

„Die Menschen zu befreien heißt, ihnen ihr Sklavendasein bewusst zu machen und sie ins Unglück zu stürzen. Ich beute sie aus und sie den armen Lazzaro“. Es gibt keinen Lohn, ab und zu ein paar Kartoffeln und wenn der Aufseher gut gelaunt ist, auch mal ein Stück Seife. Die Menschen haben sich mit ihrem Schicksal abgefunden. Ihr ausgeprägter Aberglaube ist verbunden mit einer Furcht vor dem, was hinter dem plätscherten Bach, der durch die Landschaft fließt, an Unerwartetem lauern könnte. Eine Flucht kommt für sie nicht in Frage.

Als Tancredi (Tomaso Ragno), der Sohn der Zigarettenkönigin plötzlich auftaucht, lässt er sich von dem gutgläubigen Lazzaro einen Ort zeigen, wo er sich verstecken kann. „Meine Mutter ist eine eiskalte Ausbeuterin. Sie hält euch alle für Tiere“. Seiner Mutter täuscht er eine Entführung vor und verlangt 1 Million Lösegeld. Lazzaro, der nur noch seine Großmutter hat, fällt auf Tancredis Behauptung, dass sie beide Halbbrüder seien, rein. Geschickt täuscht er ihm eine Freundschaft vor.

Die Mutter geht auf die Forderung nicht ein. Das ganze System fällt in sich zusammen. Die Gendarmerie vertreibt die versklavten Landarbeiter in die Stadt. Mit Diebstählen und Betrügereien halten sie sich über Wasser. Glücklich werden sie nicht. Doch wo ist Lazzaro geblieben? Ein ausgezehrter Wolf erkennt das Gute in dem Jungen.

Alice Rohrwachers Kinowunder "GLÜCKLICH WIE LAZZARO" ist ein Meisterwerk voller magischer Momente. „Ein politisches Manifest, ein Märchen über die Geschichte Italiens der letzten fünfzig Jahren, ein Lied. Das Märchenhafte dient hier als Bindeglied zwischen der Realität und einer anderen Ebene der Wahrnehmung“. Es ist die betörende Geschichte eines unscheinbaren, selbstlosen Heiligen, der keine Wunder vollbringt, der in dieser Welt lebt und der einfach an die Menschen glaubt und törichterweise als Idiot abgestempelt wird.

Ein Film, märchenhaft und wunderschön. Er erinnert an das italienische Kino des frühen Federico Fellini und mit seinem Neorealismus an Pier Paolo Pasolini.

„Lazzaro felice – Happy as Lazzaro“ (2018) wurde bisher mit der Palme für das Beste Drehbuch auf dem Festival in Cannes und mit dem International Cinephile Society Award – Beste Regie ausgezeichnet.

Ulrike Schirm

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"NAOMIS REISE" Gerichtsdrama von Frieder Schlaich (Deutschland). Mit Scarlett Jaimes, Liliana Trujillo, Romanus Fuhrmann u.a. seit 13. September 2018 im Kino. Hier der Trailer:

Ulrikes Filmkritik:

Als Naomi erfährt, dass ihre Schwester von ihrem deutschen Ehemann ermordet wurde, reist sie mit ihrer Mutter von Peru nach Berlin, um als Nebenklägerin dem Prozess beizuwohnen.

Naomi (Scarlett Jaimes), 20, lebt mit ihren noch kleinen Geschwistern und ihrer Mutter Elena (Lilliana Trujillo) in ärmlichen Verhältnissen in Peru. Die Mutter putzt bei wohlhabenden Leuten. Als sie die Hausherrin bittet, für zwei Monate frei zu kriegen, um dem Prozess beizuwohnen und obwohl sie eine zuverlässige Ersatzperson hat, sagt ihre Chefin nein. Sie fährt trotzdem. Hinterlässt die Kleinen bei einer Tante, der sie etwas Geld dalässt.

Bevor sie sich mit ihrer großen Tochter auf den Weg nach Deutschland macht, kauft sie noch ein Geschenk für ihren Enkel. Das Geld für die Reise haben Verwandte zusammengelegt. Naomi wirkt wie betäubt. Sie war in dem sicheren Glauben, dass ihre Schwester Mariella in Deutschland das große Glück gefunden hat. In der kühlen Atmosphäre des Prozesses wird klar, dass diese Ehe alles andere als glücklich war. Dem Angeklagten wird vorgeworfen, seine Frau aus Habgier heimtückisch ermordet zu haben. Im Raum steht die Frage, ob der Mann ein Rassist ist, der seine peruanische Frau wie sein Eigentum behandelte und demütigte oder war die Ermordete gar eine Prostituierte, die es darauf angelegt hat, den Deutschen nur auszunutzen.

Für beide Varianten, gibt es unterschiedliche Zeugen. Oder bestand sein Motiv einfach nur darin, dass er die Trennung von ihm, nicht wahr haben wollte. Während des Prozesses wird immer deutlicher, was Mariella während dieser Ehe aushalten musste. Mutter und Tochter wohnen während des Prozesses bei Freunden von Mariella und erfahren von ihnen, wie schmerzhaft das Zusammenleben mit ihrem Ehemann für Mariella war. Der Mann sitzt völlig unbeteiligt auf der Anklagebank. Für Elena ist das alles zu viel. Sie erleidet einen Herzanfall und darf der Verhandlung nicht mehr beiwohnen.

Mariellas Freundin nimmt vor Gericht kein Blatt vor den Mund. Mehrmals wird sie ermahnt, dass Gefühle keine Rolle spielen. Da auch sie damals illegal nach Deutschland gekommen ist, muss sie sich unnötige intime Fragen gefallen lassen. Naomis Anwältin zieht alle Register, um zu beweisen, dass die abscheuliche Tat aus niederen rassistischen Motiven heraus begangen wurde. Das Strafmaß in solchen Fällen ist ein höheres, es gilt im deutschen Strafrecht als Mord.

Die Antwort des Verteidigers lautet: „Um als erschwerendes Tatmotiv in Betracht zu kommen, sei nicht eine rassistische Gesinnung entscheidend, sondern es sei nur relevant, wenn eine Gesinnung erheblich abweicht von dem deutschen gesellschaftlichen Wertesystem. Das genau eben ist hier nicht der Fall“. Der Angeklagte (Romanus Fuhrmann), der sich selbst als Opfer fühlt, macht nur einmal den Mund auf: „Die Deutschen stehen ja hoch im Kurs bei den peruanischen Frauen, daher sollen sie sich auch so benehmen, wie es von ihnen gewünscht wird“. Für Naomi ist die Bemerkung ein Stich ins Herz.

Der Prozess eröffnet tiefe Einblicke in die Sphären von Sextourismus und einem fragwürdigen Heiratsmarkt, der sich zwischen Arm und Reich immer mehr herauszubilden scheint.

Naomi und ihrer Mutter ist es verboten, den Enkel im Waisenhaus zu besuchen. Die Großmutter möchte ihn liebend gern mit nach Peru nehmen, doch Naomi widerspricht. Durch einen Zaun getrennt, dürfen sie ihm das Geschenk übergeben. Das Drama entlässt den Zuschauer mit einem mulmigen Gefühl. Es liegt bei jedem Einzelnen von uns zu prüfen, wieweit unsere eigene Denkweise von Vorurteilen und Ressentiments geprägt ist.

Naomi wird nicht nur mit dem Schicksal ihrer Schwester konfrontiert, sondern auch mit ihrer eigenen Verstrickung. Ihre Familie hat auch mit der finanziellen Unterstützung der Schwester überlebt. Ihr Studium musste sie abbrechen. Was geht durch ihren Kopf, als sie auf Mariellas Fahrrad durch Berlin radelt. Die Stellung bei der reichen Familie ist für ihre Mutter verloren. Nur eine Sache ist erstmal für sie klar: Politisch gesehen, ist die Justiz bei der Aufgabe das Verbrechen Rassismus zu verhandeln, restlos gescheitert. Richter, Staatsanwalt Verteidiger und Nebenklagevertretung wurden nicht von Schauspielern gespielt, sondern sind echte Profis.

"NAOMIS REISE" ist der dritte Film, in dem Frieder Schlaich sich den Erfahrungen von Eingewanderten widmet.

Ulrike Schirm

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"LEAVE NO TRACE" Drama von Debra Granik (USA - Im Verleih von Sony Pictures). Mit Thomasin McKenzie, Ben Foster, Jeff Kober u.a. seit 13. September 2018 im Kino. Hier der Trailer:

Ulrikes Filmkritik:

Was auf den ersten Blick wie ein ausgelassenes Versteckspiel zweier Menschen wirkt, ist bitterer Ernst. Ein Vater und seine Tochter leben unerlaubt in Forest Park, einem dichten Waldgebiet am Rande von Portland, Oregon, USA. Zwischen hochgewachsenen Bäumen, mit dichten Kronen, die sich wie ein schützendes Dach über die beiden ausbreiten, haben sich der Kriegsveteran Will (Ben Foster) mit seiner 15-jährigen Tochter Tom (Thomasin Harcourt McKenzie) ein Zuhause geschaffen.

Ein Zelt, ein angelegtes Salatbeet, mehr brauchen die beiden nicht. Tom hat von ihrem Vater gelernt, wie man Feuer macht, sie braten sich Pilze, die sie im Wald finden und sammeln Regenwasser zum Trinken. Beim kleinsten Knacken im Unterholz, verhalten sie sich mucksmäuschenstill. Zu ihrem Überlebenstraining gehört, sich in Windeseile so schnell wie nur möglich, sicher zu verstecken. Toms Mutter ist tot und Will, der offensichtlich unter einer posttraumatischen Belastungsstörung leidet, ist dem Leben in der modernen Gesellschaft mit ihren Anforderungen nicht mehr gewachsen. Als sie von einem Jogger entdeckt werden, dauert es nicht lange und ein Trupp Polizisten mit Spürhunden und mehrere Sozialarbeiter, nehmen sie in Gewahrsam. Tom wird in einem Waisenhaus untergebracht und Will werden von einer blechernen Computerstimme zig Fragen nach seinem seelischen Befinden gestellt. Der Beantwortung fühlt er sich nach kurzer Zeit nicht mehr gewachsen. Die Psychopharmaka, die er schlucken soll, hat er längst verkauft. Denn ganz ohne Geld, ist auch ein Leben in der Wildnis nicht möglich.

Die Angestellten der Sozialbehörde meinen es gut. Sie vermitteln den beiden ein kleines, eingerichtetes Haus auf dem Land. Will arbeitet auf einer Weihnachtsbaumplantage. Tom geht zur Schule und freundet sich mit einem Nachbarsjungen an. Will fühlt sich wie in einem unsichtbaren Käfig, während Tom offensichtlich immer mehr Gefallen an der Zivilisation findet. Er hält es nicht mehr aus, die beiden hauen ab, ohne eine Spur zu hinterlassen. Auf ihrer Flucht treffen sie auf eine Gruppe von Leuten, die in einer Art Wagenburg hausen. Besonders Tom freundet sich mit einigen von ihnen an. Sie versucht ihren Vater zu überreden, hier zu bleiben. Doch alles Bitten nützt nichts. Schmerzlichst macht er sich davon.

Debra Garnik, die schon mit „Winter's Bone“ ein sicheres Händchen für die Besetzung ihrer Hauptdarstellerin, der damals unbekannten Jennifer Lawrence hatte, zeigt sich nun auch wieder in der Besetzung der Neuseeländerin Thomasin Harcourt McKenzie. Das junge Mädchen spielt ihre Rolle mit einer umwerfenden Intensität, der man sich nicht entziehen kann. Auch Ben Foster, der bisher in all seinen Rollen einfach nur großartig war, rührt zutiefst als gepeinigte Seele, ein fast stummer Charakter, dessen Mimik mehr verrät als Worte und dessen Körpersprache seiner Filmfigur eine überwältigende Ausdruckskraft verleiht. Die enge Vertrautheit und Solidarität zwischen Vater und Tochter, die ohne viel Worte funktioniert, rührt zu Tränen.

Fern von jeder herkömmlichen Romantik, zeigt Debra Granik die Härte dieses „freigewählten Lebens“, ohne anzuklagen und mit empathischem Einfühlungsempfinden taucht sie ein in das Leben derer, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens wandeln. "LEAVE NO TRACE" (Hinterlasse keine Spuren), der Film mit den besten Kritiken dieses Sommers.

Ulrike Schirm

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