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Drehbuchautoren fordern mehr Mitbestimmung

Fast 100 Unterzeichner für "Kontrakt '18".

Dieses Papier wird die TV-Fiction-Branche aufmischen: Mit dem "Kontrakt '18" verpflichten sich führende Drehbuchautoren, nur noch über Projekte zu verhandeln, die ihnen kreative Kontrolle und Mitsprache bei der Regie ermöglichen.

Wir haben von dem Brandbrief durch Eva-Maria Fahmüller, Chefin der Master School Drehbuch in Berlin, über Facebook erfahren. Aber auch der Verband der Drehbuchautoren begrüßt Initiative "Kontrakt '18".

Ausführlich berichtete das Medienmagazin DWDL.de am 8. Juni 2018 über den Fall. Aber auch Zeitungen und Magazine wie die FAZ, Berliner Zeitung und die Zeit griffen das Thema einen Tag später auf.

Ab dem 1. Juli 2018 werden nämlich die knapp 100 Unterzeichnerinnen und Unterzeichner der nachfolgenden Erklärung nur dann in Vertragsverhandlungen mit Produzenten und Fernsehanstalten eintreten, wenn ihnen folgende Optionen angeboten werden:

Punkt 1:

Die Autorin/der Autor verantwortet das Buch bis zur endgültigen Drehfassung. Sämtliche Bearbeitungen des Buchs müssen von der Autorin/vom Autor autorisiert werden.

Punkt 2:

Die Autorin/der Autor hat Mitspracherecht bei der Auswahl der Regisseurin oder des Regisseurs. Die Entscheidung über die Besetzung der Regie wird einvernehmlich getroffen.

Punkt 3:

Die Autorin/der Autor wird zu den Leseproben eingeladen.

Punkt 4:

Der Autorin/dem Autor wird das Recht eingeräumt, die Muster und den Rohschnitt zum frühestmöglichen Zeitpunkt sehen und kommentieren zu können. Der Autor/die Autorin wird zur Rohschnittabnahme eingeladen.

Punkt 5:

Die Autorin/der Autor wird bei allen Veröffentlichungen in Zusammenhang mit dem Filmprojekt (Pressemitteilungen, Programmhinweise, Plakate etc.) namentlich genannt und zu allen projektbezogenen öffentlichen Terminen eingeladen.

Punkt 6:

Die Unterzeichnerinnen und Unterzeichner verpflichten sich dazu, Aufträge zu Buch-Überarbeitungen (Rewrites, Polishing u. ä.) nur anzunehmen, wenn sie sich zuvor mit den aus dem Projekt ausscheidenden Kolleginnen und Kollegen verständigt haben.

Präambel von "Kontrakt '18" im Wortlaut:

KONTRAKT '18

Wir sind Drehbuchautoren. Wir schreiben Filme. Ohne unsere Geschichten gibt es weder Serien noch Kinofilme noch TV-Movies. Wir erschaffen die Figuren, die Plots, die Twists, die Dialoge, aus denen bewegte und bewegende Bilder werden. Unsere Bücher sind die Basis und das Herz eines jeden Films. Diese zentrale Position des Autors findet hierzulande jedoch weder in den Verträgen noch im Prozess der Filmherstellung einen angemessenen Widerhall. Das wollen wir ändern.

Deshalb erwarten die Unterzeichnerinnen und Unterzeichner, dass auch in Deutschland Vertrags- und Verhaltensstandards eingeführt werden, die in anderen Ländern schon lange selbstverständlich sind, weil sie die Qualität von Filmwerken verbessern.

Auch VDD-Vorstand spart nicht mit Kritik an der Filmwirtschaft.

Die Initiative helfe der Filmwirtschaft auf die Sprünge, erklärte der VDD-Vorstand und sparte zugleich nicht mit Kritik an den bestehenden Bedingungen.

"Keine Frage, die deutsche Filmbranche geht übel mit denjenigen um, ohne deren Arbeit es sie gar nicht gibt", hieß es in einer Pressemitteilung des VDD. "Man fragt sich zu Recht, ob nicht die mangelnde Einsicht in die Bedeutung der Drehbucharbeit Ursache für die sinkende Akzeptanz etwa des Fernsehangebots ist", so der Verband der Deutschen Drehbuchautoren.

Das Fass zum Überlaufen hatte wohl ein Eklat bei der Einladungspraxis zur Verleihung des Deutschen Fernsehpreises im Januar 2018 hervorgerufen, wie wir hier schrieben. Seinerzeit wollte man aus Platzmangel sämtliche Autorinnen und Autorinnen nicht einladen, was einen Sturm der Entrüstung auf Facebook hervorrief.

Dabei sehen fast alle Fernsehzuschauer gerne Serien und seit neuestem auch deutsche Produktionen. Denn fiktionales Erzählen im Fernsehformat erlebt seit einigen Jahren einen Boom, der in kürzester Zeit zu Innovationen innerhalb des Genres geführt hat, die man getrost als revolutionär bezeichnen kann. Alles ist möglich, das kreative Spiel mit Figuren, Orten, Zeiten scheint keine Grenzen zu kennen.

So ist das jedenfalls in den USA, in Skandinavien Großbritannien und Frankreich so, wo die Autorinnen und Autoren oft nicht nur die Drehbücher schreiben, sondern ein Projekt von der Idee bis zum fertigen Film künstlerisch begleiten und mitverantworten. Doch hierzulande gibt es noch reichlich Nachholbedarf, schreibt die Berliner Zeitung.

Der Umfang der Unterschriftenliste von 92 Autoren und das Ansehen der Unterzeichner sprechen für die Brisanz der Forderungen. Darunter sind einige, die in der letzten Zeit mit ihren Geschichten Aufsehen erregt haben, etwa „Ku’damm 59“-Schreiberin Annette Hess und die „4 Blocks“-Autoren Richard Kropf, Bob Konrad und Hanno Hackfort.

Seit 2017 laufen vermehrt und erfolgreich eigens produzierte Serien im deutschen Fernsehen. Formate wie „Babylon Berlin“, „Dark“ und „Bad Banks“ haben gezeigt, dass neue, komplexere Erzählformen auch im Deutschen Fernsehen möglich sind. Mehr als Grund genug für die Autoren in Zukunft künstlerische Mitbestimmung zu verlangen.

Langsam beginnt ein Umdenken bei den Sendern.

Oliver Berben, Geschäftsführer der Constantin Film erkannt allerdings mittlerweile ein Umdenken bei Sendern und Produktionsfirmen. Er schreibt gerade an einer Serie zu dem Erfolgsfilm "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" aus dem Jahre 1981. Sein Auftraggeber lässt ihm und seinen Co-Autoren völlig freie Hand und sagte: "Ihr schreibt jetzt erst mal, dann suchen wir einen Sender." Dieses Vertrauen in die Arbeit sei sehr inspirierend, so der Autor.

Natürlich arbeiten Autoren für einen Markt und müssen zu Kompromissen bereit sein, was die Erzählung oder die Kosten angeht. Aber Autoren sind auch Teamplayer, die nicht ihr künstlerisches Konzept um jeden Preis durchdrücken wollen. Vielmehr wollen sie Produktionen mitgestalten, die international konkurrenzfähig und erfolgreich sind.

Im Vergleich zur amerikanischen Writers Guild, in die jeder Autor eintreten muss, hat der Verband der Drehbuchautoren keinen wirksamen Machthebel wie das Streikrecht. Aber wenn alle Autorinnen und Autoren, die wirklich von der Branche gebraucht werden, geschlossen "Nein" sagen würden, würde der deutsche Fernsehmarkt das schon schmerzhaft merken.

Links: www.kontrakt18.org | www.drehbuchautoren.de

Quellen: DWDL | Berliner Zeitung | Drehbuchautoren e.V. | Die Zeit | FAZ

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