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Neue Filme im Kino, neue Filmkritiken im Juni - Teil 1

Kinobesucherzahlen schwanken je nach Wetterlage. Auch der Blockbuster "Solo: A Star Wars Story" hat weniger Besucher als erhofft.

"Solo: A Star Wars Story" liegt zwar an der Spitze der Charts, doch die Einspielergebnisse täuschen nicht darüber hinweg, dass weltweit deutlich weniger Besucher in die Kinos kamen, als erhofft.

In den Arthouse-Charts dagegen schoss einer unserer deutschen Berlinale Lieblingsfilme, nämlich Thomas Stubers "In den Gängen" mit Sandra Hüller, Franz Rogowski und Peter Kurth direkt von null auf Platz eins. Dabei ist klar, dass solch sozialkritische Werke kein Millionen-Publikum erreichen, sondern sich mit ein paar tausend Besuchern zufrieden geben müssen.

Auch die beiden nachfolgend besprochenen Werke sind nicht für das schenkelklopfende Volk gedacht, sondern treten eher verhalten auf.

Letzte Woche besprachen wir das deutsche Scheidungsdrama "DIE TOCHTER" von Mascha Schilinski, der beim Publikum nicht reüssierte und schnell wieder von den Leinwänden verschwand. Diese Woche folgt mit "MEINE TOCHTER" ebenfalls ein Drama um ein blutjunges Mädchen, das auf der Suche nach seiner wahren Mutter ist, und uns bereits im Wettbewerb der 68. Berlinale in seiner zwar spröden, aber dennoch grandiosen, authentischen Machart mitgerissen hat. Wir wünschen der deutsch-italienischen Koproduktion, die gut in das heiße Sommerwetter passt, hoffentlich mehr Erfolg.

Am Abend haben wir auch noch eine Besprechung zum Film "Hostile" über das Indianer-Massaker vom Wounded Knee im Jahre 1890 zugeschickt bekommen, die wir nachträglich angefügt haben.

MEINE TOCHTER – FIGLIA MIA Drama von Laura Bispuri (Deutschland, Italien, Schweiz). Mit Valeria Golino, Alba Rohrwacher, Sara Casu u.a. seit 31. Mai 2018 im Kino. Hier der Trailer:

Ulrikes Filmkritik:

Kurz vor ihrem 10.Geburtstag werden die Gefühle der rothaarigen, hellhäutigen Vittoria (Sara Casu) heftig durcheiander gerüttelt.

Laura Bispuri hat das Drama um eine Tochter zwischen zwei Müttern auf Sardinien angesiedelt, in einer Region, in der die Menschen nicht viel besitzen, mehr oder weniger von der Hand in den Mund leben, wo der Alkohol zu „einem Freund wird, um sich von alltäglichen Sorgen abzulenken. Es ist Sommer. Die Gegend ist karg und die sommerliche Hitze lässt wenig Spielraum für eine üppige Vegetation. Hier lebt die schüchterne Vittoria mit ihren Eltern wohlbehütet, von der Mutter mit fürsorglicher Liebe überschüttet. Da ihre Eltern dunkelhaarig sind, fällt sie mit ihren roten Haaren und der besonders hellen Haut auf . Sie ist eine Außenseiterin, stromert meist allein herum.

Bei einem Rodeo beobachtet sie eine junge Frau, die mit einem Mann sexuell herummacht. Auch sie, hellhäutig und rotblond. Noch weiß sie nicht, dass diese Frau ihre biologische Mutter ist.

Bei der Fremden handelt es sich um Angelica (Alba Rohrwacher), die ein wildes Leben führt, sich mit Kerlen amüsiert und den Alkohol nicht verachtet.

Als sie damals schwanger war, half Tina (Valeria Golino) ihr bei der Geburt und nahm das Baby Vittoria bei sich auf. Für ein Kind war in Angelicas Leben kein Platz, die Verantwortung konnte und wollte sie nicht übernehmen. Sie lebt in einem heruntergekommenen Anwesen in den Bergen, ein wenig Geld verdient sie, indem sie junge Welpen verkauft, wofür sie sich eine Hündin hält. Ansonsten treibt sie sich in Kneipen rum und lässt sich Drinks spendieren. Im Ort ist sie als Schlampe verschrien. Auch von Tina erhält sie monatlich etwas Geld, mit der Auflage, sich von Vittoria fernzuhalten.

Doch nun taucht sie auf. Sie hat genau 28.733 Euro und 14 Cent Schulden. Wenn sie die nicht bezahlt, muss sie ihr Anwesen in kurzer Zeit verlassen. Tina ist bereit, ihr etwas mehr Geld zu geben, verbunden mit der Hoffnung, dass sie den Ort verlässt und sich woanders ein neues Leben aufbaut. Inzwischen fühlt sich Vittoria immer mehr zu Angelica hingezogen. Ist sie doch so ganz anders als ihre „Gluckenmutter“. Heimlich besucht sie die Fremde und erlebt mit ihr Dinge, die sie bisher nicht kannte und entdeckt in sich eine Seite, von der sie nicht ahnte, dass sie sie besitzt. Eine der schönsten Szenen zwischen Mutter und Tochter ist ein ausgelassener Tanz zu dem Lied „Diese Liebe berührt man nicht“. Sie streunen gemeinsam durch die Natur. Irgendjemand hat von einem Schatz erzählt, der in einem schmalen Erdloch versteckt sein soll. Das wäre die Rettung für Angelica. Sie bittet Vittoria in das enge Loch zu steigen. Obwohl das Mädchen schon viel furchtloser geworden ist, traut sie sich nicht.

Für die Tina sind die Treffen der beiden unerträglich. Sie stellt Angelica zur Rede und will ihr klar machen, dass das Kind ihr gehört. Doch sie muss erkennen, dass die beiden mehr verbindet als sie wahrhaben will. Sie begreift, dass auch sie nicht die perfekte Mutter ist, die sie glaubte zu sein und das ihre Tochter komplexer ist, als sie dachte.

Auch Vittoria ist hin- und hergerissen zwischen der Liebe, Fürsorglichkeit und Sicherheit die Tina ihr gibt und dem wilden, unangepassten und furchtlosen Charakter, den Angelica verkörpert.

Am Ende kriecht das Mädchen doch in das enge Loch. Ein Liebesbeweis an ihre Mutter. Einen Schatz sucht sie dort vergeblich.

Alba Rohrwacher ist längst ein Star des italienischen Autorenkinos. Sie und das facettenreiche Spiel von Sara Casu, die wirklich auf Sardinien lebt retten die Klischees des Drehbuchs und der Inszenierung mit ihrem ausdrucksstarken Spiel. Beide Mütter sind überstark kontrastreich gezeichnet, so dass kaum Raum für feine Nuancierungen bleibt. Es ist trotzdem ein besonderer Film, dessen Thematik interessant und des Nachdenkens wert ist, eingebettet in großartige Landschaftsbilder, in denen man die Hitze förmlich spürt.

Ulrike Schirm

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TULLY Dramödie von Jason Reitman (USA).

Mit Charlize Theron, Mackenzie Davis, Ron Livingston u.a. seit 31. Mai 2018 im Kino. Hier der Trailer:

Ulrikes Filmkritik:

Schon für ihre beeindruckende Rolle in „Monster“ hat sich Charlize Theron so einige Pfunde angefuttert. Diese Tortur hat sie wieder auf sich genommen, um in „Tully“ ihrer Figur der total überforderten Mutter zweier Kinder und einem Neugeborenen, die nötige Glaubwürdigkeit zu geben.

Marlo (Charlize Theron) hat bereits eine 8-jährige Tochter Sarah und den verhaltensauffälligen 5-jährigen Jonah, dem man besondere Aufmerksamkeit schenken muss. Ein drittes Kind war eigentlich nicht geplant. Mit der Geburt ihres Babys Mila wird ihr Leben gehörig durcheinander gewirbelt.

Schlafmangel, Brustpumpen, Windeleimer, Haushalt. Da ihr Mann Drew (Ron Livingston) im Haushalt keine große Hilfe ist, hängt alles an ihr. Drew, zur Zeit Alleinversorger der Familie, widmet sich in seiner Freizeit lieber seiner Spielekonsole. Nebenbei muss sich Marlo auch noch um einen Platz in einer Privatschule für Jonah bemühen. Ihr Bruder Craig (Mark Duplass) will sich nicht länger mitansehen, wie erschöpft seine Schwester Marlo ist, und macht ihr ein Angebot: Er schenkt ihr eine Night Nanny. Marlo sträubt sich noch dagegen, doch als sie bemerkt, dass ihre postnatale Depression nicht weichen will, willigt sie ein. Und siehe da. Eines Abends steht eine muntere, lebensfrohe junge Frau vor der Tür und stellt sich mit dem Namen Tully vor. Sie sorgt von nun an dafür, dass Marlo des Nachts wieder schlafen kann, indem sich die frisch-fröhliche Tully liebevoll um das Baby kümmert. Die zwei Frauen verbindet schon nach kurzer Zeit eine innige Freundschaft. Je mehr Marlo von Tully erfährt und ihre Unbekümmertheit erlebt, um so mehr trauert sie den früheren Zeiten hinterher, als auch sie noch fröhlich ihre Freiheit genießen konnte.

Doch irgendwas an Tully ist merkwürdig…

Jason Reitman und Drehbuchautorin Diablo Cody haben schon mit ihrem Film „Juno“ eine ganze Generation hellauf begeistert. Mit ihrer neuen Dramödie „Tully“ ist ihnen ein grandioser Mix aus komischen, sehr lebensnahen, ernsten und wahren Momenten gelungen. Marlo durchlebt den wehmutsvollen Abschied von ihrer eigenen Jugend mit Hilfe der mysteriösen Tully noch einmal.

Ulrike Schirm

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FEINDE – HOSTILES Western-Drama von Scott Cooper (USA). Mit Christian Bale, Rosamund Pike, Wes Studi u.a. seit 31. Mai 2018 im Kino. Hier der Trailer:

„Erste und bleibende Opfer amerikanischer Gewalt wurden die Indianer. [Später kam die Versklavung der Schwarzen hinzu, die als preiswerte Arbeitskräfte aus Afrika verschleppt worden waren; die Red.] Durch List, Kriege und Vertragsbrüche wurden die Uramerikaner um ihr Land gebracht. Die Weißen hielten die Indianer nicht für Menschen, sondern für „wilde Bestien“. Einsichtige Toleranz den „Wilden“ gegenüber wurde in weiten Kreisen der Weißen tief verachtet und als Verrat an der Sache der vermeintlich höheren Kultur angesehen. Kaum etwas war schändlicher, als ein „injun-lover“, also jemand zu sein, der Sympathien für den Feind zeigte.“ (Quelle: AMI GO HOME)

Ulrikes Filmkritik:

1892. Es ist das Ende der brutalen Indianerkriege.

Der Kavallerie-Offizier Blocker (Christian Bale) hat das Massaker am Wounded Knee, dem letzten Widerstand der Indianer gegen die Weißen voller Hass überlebt. Er war ein regelrechter „Indianer – Schlächter“. Er fühlte sich total im Recht, die „Wilden“ umzubringen, denn es war sein Job.

Derselbe Mann liest in seiner Freizeit die Schriften Julius Cäsars im lateinischen Original.

Ausgerechnet er bekommt den Auftrag, einen seiner alten Feinde, den Cheyenne – Häuptling Yellow Hawk (Wes Studie), nach siebenjähriger Gefangenschaft zusammen mit seiner Familie aus dem südwestlichen New Mexico in sein früheres Stammesland, nach Montana zu eskortieren.

So lautet der Beschluss des amerikanischen Präsidenten, der damit einen Gnadenakt, für den schwerst an Krebs erkrankten Häuptling etablieren will. Sollte Blocker sich weigern, wird ihm seine Pension entzogen und man droht ihm, ihn vor das Militärgericht zu stellen.

Außerdem: Pflicht ist Pflicht.

Das ist die Ausgangssituation in Scott Coopers düsterem Neowestern „Feinde – Hostiles“.

Widerwillig fügt sich Blocker dem Befehl. Ihr Ritt führt die Gruppe durch wunderschöne Landschaften, durch die Prärie, durch Halbwüsten, Canyons und Flüsse.

Gleich zu Beginn ihrer Reise begegnet die ungleiche Truppe einer schwer traumatisierten Prärie – Siedlerin Rosalie Quaid (Rosamunde Pike). Als sie gerade ihre Kinder unterrichtet, wird ihre Familie von einer Horde Komantschen überfallen. Ihr Mann und ihre drei Kinder werden getötet.

Blocker findet die unter Schock stehende Überlebende mit ihrem toten, blutigem Baby im Arm. Er weist seine Leute an, ein Grab für das Kind zu schaufeln. Unter lautem Wehgeschrei schaufelt Rosalie das Grab mit ihren eigenen Händen. Einer der Soldaten murmelt die Worte: „Irgendwann gewöhnst du dich an das Töten“. Rosalie schließt sich der Gruppe an.

Sie bemerken, dass sie verfolgt werden. Wieder sind es die Komantschen. Blocker und seine Soldaten schaffen es, die Indianer in die Flucht zu jagen, indem sie einige von ihnen töten.

Am nächsten Tag finden sie die restlichen Komantschen tot am Wegesrand, ermordet von Yellow Hawk, der sich nachts mit seinem Sohn Black Hawk aus dem Lager geschlichen hat.

Spätestens jetzt wird allen klar, dass sich die einstigen Feinde gegen Gefahren zusammenschließen müssen. Blocker erkennt langsam, dass die Cheyenne seinen Kameraden immer ähnlicher werden.

Diese Erkenntnis ist der Katalysator für seine Bewusstseinsänderung.

Die Truppe bekommt unterwegs Zuwachs. Es handelt sich um einen Soldaten (Ben Foster) der wegen Mordes hingerichtet werden soll, wegen der gleichen Verbrechen, die Captain Blocker verübt hat.

Cooper (Crazy Heart) erzählt das Drama in kraftvollen Bildern, die nicht unbedingt für jedermann anzuschauen sind. Sie kommen mit einer rauen und intensiven Wucht daher, die kaum erträglich ist.

Mit umwerfender Emotionalität stellt sich die bis heute immer wiederkehrende Frage, wie man mit seinen Feinden und ihren verwerflichen Taten umgeht , ohne sich selbst in einen grausamen „Schlachter“ zu verwandeln. „Hostiles“ ist eine Geschichte, die auf brutale Weise darauf aufmerksam macht, wie schwierig es ist, verschiedenen Kulturen mit gegenseitigem Respekt zu begegnen, ohne als unterwürfige Marionette irgendwelchen Größenwahnsinnigen in ihrer gnadenlosen Denkweise zu folgen. „America First“, oder wie sagt Rosalie: „An Gottes raue Wege werden wir uns nie gewöhnen“. Ich halte mich eher an die Worte von D. H. Lawrence:

„Die amerikanische Seele ist in ihrer Essenz hart, isoliert, stoisch und mörderisch. Sie ist bisher noch niemals aufgetaut“.

Ulrike Schirm

Übrigens am 5. Juli 2018 folgt ein weiterer Film zur Vorgeschichte der Ermordung des legendären Sioux-Stammeshäuptling, Sitting Bull, der das Massaker von Wounded Knee im Jahre 1890 nicht überlebte. Die Regisseurin Susanna White folgt im Jahre 1889 in "Die Frau, die vorausgeht" der Geschichte der betuchten New Yorker Malerin Catherine Weldon (Jessica Chastain), die den Indianer - gegen den Willen des Militärs und der weißen Siedler - für eine Zeitung portraitieren will.

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