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1000 Arten Filmkritiken zu schreiben

Anlässlich des aktuellen Films "1000 Arten Regen zu beschreiben" haben wir unsere heutige Überschrift daran angelehnt.

Das Osterwetter lädt in vielen Regionen nicht gerade zum Spazierengehen ein, sondern wird von Kälte und Regen bestimmt. Ein Grund mehr, ins Kino einzuladen, um ein paar schöne, oder zumindest interessante und nachdenkliche Stunden zu erleben.

Diesmal können wir drei Filme ohne wenn und aber empfehlen. Von Arthouse über einen Festival-Thriller bis hin zum Kinderfilm.

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"1000 ARTEN REGEN ZU BESCHREIBEN" Drama von Isabel Prahl (Deutschland). Mit Bibiana Beglau, Bjarne Mädel, Emma Bading u.a. seit 29. März 2018 im Kino. Hier der Trailer:

Ulrikes Filmkritik:

Mike, gerade 18 geworden, verlässt von einem Tag auf den anderen, sein Zimmer nicht mehr. Auch wenn die Eltern (Bibiana Beglan, Bjarne Mädels) und seine Schwester Miriam (Emma Badning) vor seiner verschlossenen Tür betteln, säuseln, schimpfen, toben. Mike antwortet nicht.

Heimlich holt er das vor der Tür abgestellte Essen rein. Seine einzige Kommunikation besteht darin, merkwürdige Regenbeschreibungen von verschiedenen Orten dieser Welt, auf Zettel zu schreiben, die er durch den Türschlitz schiebt.

Interessant wird es, die langsam auseinanderbrechende Familie dabei zu beobachten, wie sie verzweifelt nach Gründen sucht und sich die Schuldfrage gegenseitig in die Schuhe schiebt. Der Vater flüchtet sich in ungezügelte Wutausbrüche und in seine Arbeit als Krankenpfleger. In einer Mischung aus Trauer und Wut verbrennt er das Spielzeug und die Kindermöbel seines Sohnes.

Die Mutter kontaktiert über Facebook Mikes Freund (Louis Hofmann), um etwaige Gründe für das unverständliche Verhalten von Mike zu erfahren. Immer mehr entwickelt sie sich bei den Treffen mit ihm, zu einer Art Ersatzmutter und geht dabei zu weit.

Die Schwester schützt sich vor unangenehmen Fragen, indem sie in der Schule erzählt, dass ihr Bruder für eine längere Zeit in Amerika ist und es ihm sehr gut gehe. Sie brüstet sich regelrecht mit ihren Lügengeschichten. Wie sie wirklich fühlt, spürt man, als sie auf einen der Zettel ihres Bruders antwortet: „Lieber Mike, der Regen auf der Haut, ist der schönste Regen“.

Jeder in der Familie lebt plötzlich in einer ganz eigenen Welt und funktioniert nicht mehr als Gemeinschaft. Eine Lösung des Problems gibt es nicht. Es kommt einem so vor als stehen sie unter Schock. Auch wenn sie gegen Ende einen überraschenden Befreiungsakt wagen, ein glückliches Happy End gibt es nicht.

Das Verhalten von Mike ist schon längst kein Einzelfall mehr. Immer mehr Jugendliche verschließen sich vor den gesellschaftlichen Anforderungen, verweigern jegliche Kommunikation und wehren sich mit einem merkwürdigem Rückzugsverhalten, gegen bestehenden Leistungsdruck, Überforderung, Lieblosigkeit und einer diffusen Angst, vor dem Erwachsenwerden.

Regisseurin Isa Prahl widmet sich dieser Problematik auf irritierende Weise. Sie zeigt nicht nur die klaustrophobische Enge, in der die Familie vor der verschlossenen Tür verharrt, sondern auch die verzweifelte seelische Enge, in der sich alle Beteiligten befinden. Man muss schon etwas Geduld mitbringen, um dem Drama in seiner gesamten Länge zu folgen. Aber wenn man sich konzentriert, ist es durchaus spannend und auch unheimlich den Seelenqualen dieser Familienkonstellation zu folgen.

In Japan soll es bereits mehr als eine Million Jugendliche geben, die sich von der Gesellschaft zurückziehen und sich über Wochen, Monate und sogar Jahre in ihr Zimmer einschließen. In Japan nennt man dieses Phänomen „Hikikomori“. Ein trauriges Phänomen, das sich offensichtlich auch in der Westlichen Welt verbreitet.

Ulrike Schirm

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"UNSANE - (Ausgeliefert)" Thriller von Steven Soderbergh (USA). Mit Claire Foy, Joshua Leonard, Amy Irving u.a. seit 29. März 2018 im Kino. Hier der Trailer:

Ulrikes Filmkritik:

2015 drehte Sean Baker seinen Film „Tangerine L.A." mit einem iPhone und das Ergebnis konnte sich durchaus sehen lassen. Und nun wagt auch Steven Soderbergh das Experiment und drehte seinen Psychothriller "UNSANE (Ausgeliefert)" ebenfalls komplett mit seinem iPhone: Experiment gelungen. So ein Projekt senkt die Produktionskosten erheblich und eröffnet dadurch größtmögliche Freiheiten.

[Zudem erschließen sich dadurch neue Werbe-Einnahmequellen durch den Apple-Konzern. - Anmerkung der Redaktion]

Sawyer Valentini (Claire Foy) wurde zwei Jahre lang von einem Stalker tyrannisiert. Von ihrem Bürojob ist sie ebenfalls frustriert und so beschließt sie von Boston nach Pennsylvania zu ziehen, und dort ein neues Leben zu beginnen. Um sich psychisch zu stabilisieren, macht sie einen Termin in einem am Stadtrand gelegenen Klinikkomplex, mit dem Gedanken, sich eine Kurzzeittherapie zu gönnen. Mit der Beratung ist die sonst taffe und durchsetzungsfähige junge Frau zufrieden und ist bereit, an mehreren ambulanten Sitzungen teilzunehmen, um ihre traumatischen Erlebnisse restlos zu verarbeiten.

Was sie nicht weiß, sie hat mit ihrer Unterschrift einem stationären Aufenthalt in der Klinik zugestimmt und kann die Psychiatrie ab sofort, nicht mehr verlassen. Als sie begriffen hat, was da abläuft, versucht sie Himmel und Hölle in Bewegung zu setzen, um das Gebäude schleunigst wieder zu entkommen. Sie telefoniert mit der Polizei und ist felsenfest davon überzeugt, dass die Beamten jeden Moment auftauchen werden und sie, die gegen ihren Willen festgehalten wird, herausholen. Als sie dann auch noch in dem Pfleger George Shaw (Joshua Leonard) ihren Stalker zu erkennen glaubt, der in Wirklichkeit David Strine heißt, ist sie rasend vor Wut.

Für das Klinikpersonal, ein Grund mehr, an ihrer Zurechnungsfähigkeit zu zweifeln und sie für unbestimmte Zeit dazubehalten. Noch sieht es so aus, als ob die Personenverwechslung ihrer Einbildung entspringt, doch mit der Zeit verdichtet sich die Wahrheit immer stärker und Sawyer muss einen harten Kampf ausfechten, um ihre Freiheit wiederzuerlangen. Bin ich verrückt oder nicht? Diese Frage muss sie sich immer wieder stellen, denn alles was passiert, ist durchaus möglich. Sie wehrt sich gegen ihre Ängste und erkennt nach und nach, dass sie ihren Verstand keineswegs verloren hat. Ihre körperliche Stärke und ihre Schlauheit helfen ihr dabei.

Claire Foy („The Crown“) ist eine Meisterin der Mimik. Ihre Wut, ihre Verletzlichkeit, das Hadern mit sich, ob verrückt oder nicht, dann wieder ihre Gerissenheit und der Glaube an sich, heil aus diesem Horrorhaus raus zukommen, machen sie zu einer idealen Protagonistin. Soderbergh liefert viele Schockmomente, bis Sawyer endlich erkennt, wie sie sich verhalten muss, um nicht womöglich noch getötet zu werden. Soderbergh bedient das Genre Psychiatrie und Horror perfekt. Sein Paranoia-Thriller ist spannend und voller ungeahnter Momente.

Was mich verwundert, dass die Schlafsäle in der Psychiatrie von Mann und Frau geteilt wurden. Aber das, nur so ganz nebenbei.

Ulrike Schirm

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"JIM KNOPF & LUKAS der Lokomotivführer" Familienabenteuer von Dennis Gansel (Deutschland). Mit Solomon Gordon, Henning Baum, Annette Frier u.a. seit 29. März 2018 im Kino. Hier der Trailer:

Ulrikes Filmkritik:

Es gibt nicht nur Michael Endes Kinderbuchklassiker „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer", es gibt von dem Autor auch selbst besprochene Kassetten sowie die Adaptionen der beliebten Augsburger Puppenkiste 1961/62 und eine Fernsehfassung aus den Jahren 1976/77.

Und nun hat Regisseur Dennis Gansel es geschafft sein Herzensprojekt "JIM KNOPF & LUKAS DER LOKOMOTIVFÜHRER" mit realen Figuren in die Kinos zu bringen. Mit unermüdlicher Hilfe seines Produzenten Christian Becker hat 16 Jahre gedauert das 25 Millionen-Euro-Projekt an den Start zu bringen.

Henning Baum („Der letzte Bulle“) spielt den Lokomotivfühere Lukas, in weiteren Rollen agieren anette Frier als Frau Waas, Uwe Ochsenknecht als König Alfons der Viertel-vor-Zwölfte, Milan Peschel als Scheinriese Herr Tur Tur und Christoph Maria Herbst als Herr Ärmel. Die Besetzung des Jim Knopf gestaltete sich etwas schwieriger. Einen dunkelhäutigen Jungen mit dem nötigen Talent in Deutschland zu finden war unmöglich. In England wurde die Produktion auf den begabten schwarzen elfjährigen Solomon Gordon aufmerksam. Jim Knopf war gefunden.

Die Bewohner der kleinen Insel Lummerland staunen nicht schlecht als ein merkwürdiges Paket mit einem dunkelhäutigen Baby bei ihnen eintrifft. Frau Waas kümmert sich liebevoll um das Kind. Sie gibt ihm den Namen Jim Knopf. Der Junge wächst heran , ist aufgeschlossen und fröhlich. Lokomotivführer Lukas wird sein väterlicher Freund und er verbringt viel Zeit mit ihm und schraubt zu gerne an dessen alter Lokomotive Emma herum. Eines Tages verkündet König Alfons völlig unerwartet, dass auf der Insel für Jim und Emma nicht genug Platz sei, die Lok müsse weg.

Schweren Herzens beschließt Lukas die Insel zu verlassen, mitsamt der eisernen Emma, die er auf keinen Fall im Stich lassen will. Auch Jim möchte ohne seinen Freund und der geliebten Lok nicht länger auf der Insel bleiben. Also begeben sich die drei notgedrungen auf eine abenteuerliche Reise. Ihr Weg führt sie ins Kaiserreich Mandala, wo sie erfahren, dass die Tochter des Kaisers in der Drachenstadt gefangen gehalten wird.

Sie beschließen das Mädchen auf Deubel komm raus, zu retten. Dazu müssen sie eine Wüste namens Ende der Welt durqueren. Eine furchteinflößende Riesenwelle stellt sich ihnen in den Weg und das Land der tausend Vulkane zu durchqueren, entpuppt sich als ein gefährliches Abenteuer. Die hin und wieder ächzende Emma, bringt die beiden Abenteurer nicht nur auf der Schiene, nein auch ohne Schienen, ans Ziel ihrer Reise. Endlich stehen sie der Drachendame Frau Malzahn gegenüber. Da fällt ihnen ein, dass das Paket mit dem Baby an eine Frau Malzahn adressiert war. Jim Knopf hegt die Hoffnung, dass er vielleicht etwas über seine Herkunft erfahren kann.

Gedreht wurde in den Münchner Bavaria Studios, in Babelsberg und in Südafrika.

Die Geschichte über zwei Helden, die sich weit über die Grenze der kleinen überschaubaren Insel Lummerland hinauswagen und in der weiten Welt sich furchtlos unterschiedlich gefährlichen Abenteuern stellen, ist sehenswert für Groß und Klein. Zum Glück hat sie der gutmütige und melancholische Scheinriese Herr Tur Tur vor dem Verdursten in der Wüste gerettet. Das alles wird märchenhaft bunt und auch witzig erzählt. Für kleine Kindert allerdings, in manchen Momenten, ein bisschen gruselig. Gedreht wurde mit viel Liebe zum Detail und ziemlich großem Aufwand.

Was man nicht unbedingt tun sollte, den realen Film mit dem einmaligem Charme der Marionetten der Augsburger Puppenkiste zu vergleichen. Ach übrigens, das Musikthema der Puppenkiste hat man im Film liebevoll aufgegriffen.

Ulrike Schirm

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