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Aktuelle und etwas verspätete Filmkritiken

Nachfolgend die Besprechung einer aktuellen Doku und von insgesamt fünf Spielfilmen dieser und letzter Woche, von denen einer einen Oscar fürs Drehbuch bekam. (UPDATE)

Durch die Berlinale sind wir leider wieder einmal etwas in Verzug mit unsren Filmrezensionen geraten. Natürlich könnten wir endlose Berichte über die 68. Internationalen Filmfestspiele schreiben. Doch das meiste davon kommt leider gar nicht oder erst im Herbst in unsere Kinos. Dazu gehört auch das als Special Gala gezeigte deutsch-schwedisch-dänische Biopic "Unga Astrid" über die Jugendjahre von Astrid Ericsson, dir später als schwedischen Kinderbuchautorin von "Pippi Langstrumpf" unter dem Namen Astrid Lindgren weltweit bekannt wurde.

Ausgerechnet von diesem Werk steht der Starttermin schon fest. Nämlich am 6. Dezember 2018, dem Nikolaustag. Alles andere ist noch vage. Wir erwähnen dies, weil es in unserer nachfolgenden Besprechung ebenfalls um Kinder, wenn auch um etwas größere Schulkinder geht und zudem um Zeitgeschichte, die sich in ähnlicher Form leider immer wiederholt. Der nachfolgende Film spielt im Jahre 1956, zur Zeit des »Kalten Krieges« zwischen Ost und West. Und auch jetzt, in 2018, sind wir mit der erneuten atomaren Aufrüstung der beiden Supermächte wieder fast am Rande eines »Kalten Krieges« gelandet, womit der Film, der in Spannungszeiten spielt, in gewisser Weise hochaktuell ist.

"DAS SCHWEIGENDE KLASSENZIMMER" Drama von Lars Kraume (Deutschland). Mit Leonard Scheicher, Anna Lena Klenke, Carina N. Wiese, Michael Gwisdek u.a. seit 1. März 2018 im Kino. Hier der Trailer:

Wolf's Filmtipp:

Das schweigende Klassenzimmer spielt in der DDR, mitten im »Kalten Krieg« zwischen Ost und West. Russische Truppen marschieren in Ungarn ein, um einen Volksaufstand in Budapest niederzuschlagen. In West-Berlin berichtet der RIAS-Rundfunk darüber und verbreitet die Meldung vom Tode eines ungarischen Fußballidols, das sich im Nachhinein jedoch nach heutiger Auffassung als sogenannte Fake-News erweist. Einige Schüler einer Ost-Berliner Abiturientenklasse, die heimlich den fürDDR Bürger verbotenen Rundfunksender der US-Besatzungsmacht in West-Berlin abhören, vertrauen jedoch der RIAS-Propaganda-Meldung und beschließen aus Solidarität mit den Ungarn, im Unterricht eine Schweigeminute einzulegen.

Über die Tragweite ihrer gemeinsamen Entscheidung, zu schweigen und auf Fragen der Lehrer nicht zu antworten, sind sich die 18-Jährigen Schüler zu diesem Zeitpunkt noch nicht bewusst. Ihr Aufbegehren führt nämlich zum Ausschluss vom Abitur. Doch ihr Ungehorsam wird später auf andere Weise belohnt, denn die Schüler bleiben standhaft und halten zusammen. Was dann passiert, soll noch nicht verraten werden, um dem Film nicht die Spannung zu nehmen.

An dieser Stelle wollen wir aber noch einmal auf die weiter oben erwähnte Astrid Lindgren zurückkommen. Die Eltern von Astrid Lindgren ermöglichen ihr, eine weiterführende Schule zu besuchen, die eigentlich nur reichen Bürgerkindern vorbehalten ist. Sie stellen sich der 18-Jährigen auch nicht in den Weg, als diese nach einer unverhofften Schwangerschaft ebenfalls aufbegehrt, und nicht heiratet, sondern ihr Kind alleine großziehen will.

Nicht alle Eltern der DDR-Schüler sind so verständnisvoll. Vielmehr machen sie ebenso wie die Oberen des sozialistischen Arbeiter & Bauerstaates den Schülern Vorhaltungen, dass diese zu gehorchen hätten, denn es koste dem Staat viel Geld, allen Schülern den Besuch des Gymnasiums zu ermöglichen. Doch Gemeinsamkeit der Schüler beim Aufbegehren gegen das absurde System der SED macht stark und führt zu einem überraschenden Ausgang der auf wahren Tatsachen beruhenden Geschichte.

Nach einer Pressevorführung bestätigte uns der in der Zone aufgewachsene rbb-Radiomoderator Knut Elstermann die damaligen Zustände an den Schulen der DDR. Kleine Ungenauigkeiten wie der Verrat an den Schülern, der nicht durch den Geschichtslehrer, sondern durch den Hausmeister erfolgt sein soll, ist den filmischen Freiheiten geschuldet, die ansonsten das Drehbuch verlängert hätten, wodurch der Film noch teurer geworden wäre.

Ein wenig bemängeln wir das Casting, denn unserer Meinung nach wirken die beiden jungen Hauptdarsteller - mit ihren ca. 25 Jahren - fast ein wenig zu altklug für Schüler eines Gymnasiums. Ihre gute schauspielerische Leistung bleibt allerdings unbestritten.

W.F.

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"RED SPARROW" Spionage-Thriller von Francis Lawrence (USA).

Mit Jennifer Lawrence, Joel Edgerton, Matthias Schoenaerts u.a. seit 1. März 2018 im Kino. Hier der Trailer:

Ulrikes Filmkritik:

Zurück im »Kalten Krieg«. Die bösen Russen agieren gegen die hehren Amerikaner. Jennifer Lawrence spielt Dominika, eine knallharte russische Agentin. In der Premierennacht wird der Primaballerina am Bolschoi Theater das Bein gebrochen. Damit ist ihre Karriere als Tänzerin zerstört. Da die Führung des Hauses die Pflegekosten und die Unterkunft für sie und ihre kranke Mutter bezahlt hat ist sie gezwungen, sich um etwas anderes zu kümmern. Ihr Onkel Wanja (Matthias Schoenaerts), der zur Führungsspitze des russischen Geheimdiensts SWR gehört, schlägt ihr vor, sie zur „Spatzen-Schule“ zu schicken (nicht ganz uneigennützig), um die hohe Kunst der Verführung zu lernen, die man braucht, um eine ausgezeichnete Agentin im harten Alltag der Spionage zu werden. Dominika ahnt, dass sie keine andere Wahl hat und lässt sich darauf ein, ein „Red Sparrow“ zu werden.

Die eiskalte Ausbildnerin (Charlotte Rampling) macht ihr klar, dass von nun an ihr Körper dem Staat gehört und sie alles dafür tun muss „geliebt“ zu werden. In den Geheimdienstkreisen werden die eingesetzten Frauen als „magische Muschis“ bezeichnet. Nach ihrer Ausbildung soll sie einen Maulwurf in den Reihen des SWR enttarnen. Sie wird auf den CIA-Agenten Nathaniel Nash (Joel Edgerton) angesetzt, um ihm geheime Informationen zu entlocken. Der weiß längst über ihre Tätigkeit Bescheid und versucht sie für die Amerikaner zu rekrutieren.

Jennifer Lawrence überzeugt in der Agentenstory, bei der man nie weiß, was als nächstes passiert. Obwohl sie nie eine Agentin werden wollte und es ihrem Onkel nicht verziehen hat, sie auf eine Hurenschule geschickt zu haben, ist sie eine der Besten im Kreise ihrer Kollegen. Der stimmig konstruierte Agenten Thriller konzentriert sich auf das Wesentliche, besonders auf die Figur der Dominika. Was man Regisseur Francis Lawrence („Die Tribute von Panem - Catching Fire") vorwerfen kann, sind die übertrieben knallharten Szenen, in denen der Körper von Dominika bis zur Unerträglichkeit malträtiert wird. Trotzdem, Lawrence ist hervorragend in der Rolle der unbeugsamen, knallharten Russin Dominika. Der raffinierte Spionagethriller fesselt bis zum Schluss. Als Vorlage dient der Spionage-Thriller „Red Sparrow“ von einem ehemaligen CIA-Agenten Jason Matthews aus dem Jahr 2013. Das Buch wurde ein Bestseller.

Ulrike Schirm

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"CALL ME BY YOUR NAME" homoerotische Romanze von Luca Guadagnino (Frankreich, Italien, USA, Brasilien). Mit Armie Hammer, Timothée Chalamet, Michael Stuhlbarg u.a. seit 1. März 2018 im Kino. Hier der Trailer:

Ulrikes Filmkritik:

Der 17-jährige Elio (Timothée Chalamet) verbringt den Sommer mit seinen Eltern in einer Villa in Italien. Er macht all das, was ein Junge in diesem Alter so macht: Er geht schwimmen, liest, döst in der Sonne, spielt Klavier und flirtet mit den Mädchen. Was er noch nicht ahnt, in diesem Sommer wird seine Gefühlswelt durcheinander gewirbelt.

Sein Vater, ein Archäologe, hat einen Gast eingeladen, der ein Praktikum bei seinem Vater absolviert. Die Familie Perlman steht für Offenheit und Toleranz. Wie jedes Jahr muss der dunkelgelockte Elio sein Zimmer räumen, diesmal für einen attraktiven blonden Amerikaner, der anfänglich noch etwas grob auftritt. Oliver (Armie Hammer) passt auf den ersten Blick nicht so recht in den kleinen italienischen Ort. Er ist gross, sportlich durchtrainiert und wirkt etwas spröde. Ein typisch amerikanischer Sonnyboy, der die Herzen der jungen Mädchen im Ort höher schlagen lässt. Auch Elio ist fasziniert von ihm. Elio`s und Olivers Zimmer sind durch ein Bad getrennt. Absichtlich lässt der Junge die Türen offen und beobachtet den Gast heimlich. Immer stärker fühlt er sich zu ihm hingezogen. Die Annäherung der beiden ist behutsam inszeniert und als Zuschauer verfolgt man ihre Gefühle mit grosser Spannung.

Elios schwankt zwischen fast noch kindlicher Unsicherheit, dann ist er wieder getrieben von einer sexuellen Hemmungslosigkeit und kurzen Phasen von Trotz. Diese Achterbahn der Gefühle spielt Tomothée mit einer ungeheuerlichen Intensität. Es ist Elios, der den ersten Schritt macht. Oliver spürt die Verantwortung, denn wenn der flirrende Sommer vorbei ist, dann ist auch er wieder weg und der Trennungsschmerz für beide wird gross sein. Längst hat Elios Vater durchschaut, was da passiert. In einem intensiven Gespräch ermutigt er seinen Sohn, zu seinen Gefühlen und seinem sexuellen Verlangen zu stehen. Er selbst hat vor langer Zeit nicht den Mut dazu gehabt und einen Schmerz von wehmütiger Trauer bei ihm hinterlassen.

Der italienische Filmemacher Luca Guadagnino („Iam Love“) hat sich zwei Stunden Zeit gelassen, die Anziehung zwischen dem Erwachsenen und dem Teenager in lichtdurchflutenden Bildern wachsen zu lassen. Ihm ist ein hochsensibles, von Sehnsüchten getragenes Meisterwerk gelungen. Die letzte Einstellung rührt in ihrer Verletzlichkeit zu Tränen. Aber Elios weiß genau, auch wenn Oliver fort ist, er wird ihn nie, nie vergessen.

Der mit grosser Empfindsamkeit inszenierte Film beruht auf dem gleichnamigen Roman von André Aciman, für dessen Drehbuchadaptierung durch James Ivory es letzten Sonntag einen verdienten Oscar gab. Ganz Hollywood ist begeistert von dem jungen Timothée Chalamet, der zudem letzten Samstag mit einem »Spirit Award« als bester Schauspieler ausgezeichnet wurde.

Ulrike Schirm

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"KEVIN ROCHE: Der stille Architekt" Doku von Mark Noonan (II) (Irland) im Verleih der Edition Salzgeber. Seit 8. März 2018 im Kino. Hier der Trailer:

Elisabeths Filmkritik:

Kevin Roche kam nach aus Irland nach Amerika, um von dem großen Mies van der Rohe zu lernen. Doch es war Eero Saarinen, an dessen Seite er seine Bestimmung fand. Architektur bestimmt die Seele unserer Architektur und gute Architektur verbindet die Menschen, ermöglicht eine Community. Die zweite Hälfte der amerikanischen Architekturgeschichte wäre ohne Kevin Roche kaum abzubilden. Gerade erst führte ein Film der Unknown Pleasures, “Columbus” vor, wie sehr Architektur und Mensch eine Einheit bilden können. Von ihm stammen die Entwürfe für das Metropolitan Museum of Art, das United Nations Plaza, das Museum of Jewish Heritage. Und obwohl er durchaus ein Ego hat, ist er sich bewusst, dass er nur plant und dass andere die Gebäude hochziehen.

Seine Biographie zeichnet sich durch seinen Esprit aus. Mit über 90 Jahren hat er noch lange nicht aufgehört zu arbeiten, denn arbeiten heißt leben. Architektur ist sein Leben, das ist das eine, was Mark Noonan (You’re Ugly Too), den man bisher aus dem Spielfilmbereich kannte, hier zusammenträgt. Es ist Kevin Roche selbst, der erzählt und sein eigener Kritiker ist. Kollegen, Wegbegleiter setzen seine Arbeit in den Zusammenhang. Doch was die Biographie auszeichnet, ist gar nicht einmal das Biographische, sondern die Sichtbarmachung seiner Arbeit, seine zahlreichen Gebäude, die von Kate McCullough (His & Hers) auf die Leinwand übertragen wird, so dass man als Zuschauer diesen Raum gern selbst erlaufen würde. Ihre Kamera erfasst die Seele der Gebäude. Die Räume aus Glas wirken so leicht, die Verbindung mit Naturelementen, mit Gärten, so füllig, und auch wenn Roche keiner ist, der zurückblickt, so verbindet er Kunst- und Bauschätze vergangener Welten harmonisch mit seiner Umfassung.

Roche spricht von einer Verantwortung, die er als Architekt habe. Es wirkt als Zwischenruf des Filmemachers, der keinen Kommentar einfügt, dafür aber Zitate. Roches Bauten haben dem Bild der Modern etwas hinzugefügt und das ist nicht nur der Sinn für Gemeinschaft und Kommunikation, sondern auch Respekt und Ehrfurcht. Das sind Tugenden, die mehr denn je, auch in der Architektur verloren gehen, von daher stimmt es einen froh, dass einer wie Roche noch arbeitet, aber wenn er sich inzwischen die Samstage frei nimmt.

Elisabeth Nagy

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"LUCKY" Drama von John Carroll Lynch (USA). Mit Harry Dean Stanton, David Lynch, Ron Livingston u.a. seit 8. März 2018 im Kino. Hier der Trailer:

Ulrikes Filmkritik:

Die Leinwand geht auf und „Präsident Roosevelt“ schleicht gemächlich durch die karge Wüstenlandschaft irgendwo im Nirgendwo. Es handelt sich um eine 100-jährige Landschildkröte, die von ihrem Besitzer Howard (David Lynch) schmerzlich vermisst wird. „Hätte ich doch bloss nicht das Gartentor vesehentlich offen gelassen“, lamentiert er unglücklich in seiner Stammkneipe, auf der Suche nach Trost und Antworten. Sein Freund Lucky versucht ihn, zu ermuntern, so gut es geht.

90 Jahre hat der Eigenbrötler und Sturkopf Lucky auf seinem schmalen „Buckel“. Im zweiten Weltkrieg war er auf einem Kriegsschiff der US-Navy stationiert und hatte das große Glück in der Küche als Koch arbeiten zu dürfen. Seit jener Zeit, trägt er den Spitznamen Lucky. Er haust in seinem kleinen Wüstenhäuschen und beginnt jeden Tag mit den gleichen Ritualen. Um Punkt 12:00 Uhr steht er auf. Waschen, Rasieren und macht eisern seine fünf verschiedenen Yogaübungen, die er 21 Mal! wiederholt und spielt auf seiner Mundharmonika. Dann macht er sich auf den Weg in immer denselben Diner, trinkt einen Kaffee, unterhält sich mit dem Inhaber Joe und der vertrauten Kellnerin Loretta und löst seine Kreuzworträtsel. Weiter geht`s zum kleinen Tante Emma Laden, um eine Flasche Milch zu kaufen.

Zuhause zurückgekommen, schaut er seine heißgeliebten Ratesendungen, die er mit trocken bissigem Humor kommentiert. Gegen Abend, macht er sich erneut auf den Weg in die Stadt, hockt in seiner Stammkneipe, bestellt 'ne Bloody Mary und führt mit seinen Freunden Howard und Paulie (James Darren) seine von Altersweisheiten geprägten Gespräche. Sein spezieller Humor, bei dem er kein Blatt vor den Mund nimmt, macht ihn bei den Leuten im Ort sehr beliebt. „Ich bin auf meinen knochigen Arsch gefallen“ erzählt er so ganz nebenbei. Doch spätestens jetzt wird ihm klar, dass er am Ende seines Lebens steht und er sich der Frage stellen muss, ob er alles richtig gemacht hat. Er steht nicht um Punkt 12:00 Uhr auf, raucht nur eine halbe Zigarette und legt sich wieder hin.

Die Kellnerin macht sich Sorgen und schaut nach ihm. Er vertraut ihr ein Geheimnis an und gesteht ihr, dass er Angst hat. Er fängt an, sich an Dinge aus seiner Kindheit zu erinnern.

Nachdem sein Arzt (Ed Begley Jr.) ihm bestätigt hat, dass er besonders gute Gene hat und ein „tougher Hurensohn“ sei, geht es ihm wieder besser. Auf einer Fiesta, zu der er eingeladen ist, singt er ein stimmungsvolles Lied, „Volver, Volver“.

Was „Roosevelt“ anbelangt, erklärt er Howard bei dem abendlichen Treffen seine besondere Philosophie: „Die Wahrheit für uns alle ist, das Alles eines Tages verschwinden wird“. Als Sein Freund ihn fragt, was er damit anfange, antwortet er lakonisch: „Ich lächle“.

Am nächsten Tag spaziert er wieder durch den Ort, weiter durch die karge Landschaft, bestaunt die riesigen Kakteen, raucht 'ne Zigarette, wobei es ihn nicht im geringsten stört, dass neben ihm ein NO SMOKING Schild steht. In der klirrenden Hitze geht er weiter und… Roosevelt kommt zurück.

Regie-Debütant John Carroll Lynch hat ein kleines Meisterwerk auf die Leinwand gezaubert. Eine rührende Hommage an den Hauptdarsteller Harry Dean Stanton, der eine Woche nach den Dreharbeiten 90 Jahre alt wurde und am 15. September 2017 im Alter von 91 Jahren starb. Er konnte seinen Film nicht mehr sehen.

Jede noch so kleine Nebenrolle wurde von Lynch grandios besetzt. Die hinreißenden Dialoge begeistern durch Wortwitz und sind gleichzeitig getragen von einer tiefen Melancholie, weise und schwermütig. Es grenzt an ein kleines Wunder, wie der 54-jährige Charakterschauspieler Lynch einem Film, indem scheinbar nur ganz wenig passiert, eine derartige Tiefe und Poesie zum Ausdruck bringen konnte. Für den 89-jährigen Stanton waren die Dreharbeiten bestimmt nicht leicht. Bei den Laufzeiten mit ihren Wiederholungen legte er an manchen Tagen fünf Kilometer bei 35 Grad Hitze zurück. Hätte er die Premiere noch erlebt, er wäre ganz sicher sehr stolz auf sich gewesen.

(Wie sagt Howard ganz ernst: „Es gibt Dinge im Universum, die größer sind als wir alle! Und eine Landschildkröte ist eines davon“.)

Ulrike Schirm

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Nachtrag vom heutigen Nachmittag:

"MOLLY'S GAME" Biografie-Drama von Aaron Sorkin (USA, China). Mit Jessica Chastain, Idris Elba, Kevin Costner u.a. seit 8. März 2018 im Kino. Hier der Trailer:

Ulrikes Filmkritik:

Die wahre Geschichte der Poker-Queen Molly Bloom, gespielt von der grossartigen Jessica Chastain, jetzt im Kino. „Molly`s Game“ wurde in der Kategorie „Bestes adaptiertes Drehbuch“ für den Oscar nominiert, verlor aber gegen "Call me by Your Name".

Molly Bloom wuchs in Colorado auf. Von ihrem Vater (Kevin Costner), einem Psychologieprofessor, wurde sie schon als Kind zu einem Ass auf der Skipiste gedrillt. Ein Unfall zwang sie, dem Sport adieu zu sagen. Eigentlich wollte sie Jura an der berühmten Harvard-Universität studieren, legte aber erstmal eine Pause ein, ging nach Los Angeles, wo sie bei einem schmierigem Immobilienmakler einen Job fand. Nebenbei führte der einen Nachtclub am Sunset Boulevard, in dessen Kellerräumen illegale Pokerspiele stattfanden.

Dort bot er der attraktiven Molly an, Getränke zu servieren. Schon am ersten Tag sackte sie Trinkgelder bis zu 3000 Dollar ein. In den verruchten Räumen, traf sich alles, was Rang und Namen hatte. Angeblich berühmte Hollywoodstars wie Ben Affleck, Tobey Maguire und Leonardo DiCaprio, die am Pokertisch ein Vermögen gewannen und ohne mit der Wimper zu zucken auch wieder verloren. Molly hat „Blut geleckt“. Akribisch lernte sie alles, was man über das Pokerspiel wissen muss. Als sie Ärger mit ihrem Chef bekam und er sie rausschmeißen will, waren die Spieler an ihrer Seite und sie beschloss, luxuriöse Suiten zu mieten und die Spieler bei teuerstem Champagner zu empfangen und übernahm auch noch den Geldverleih. Es gab nicht mehr als 10 Plätze am Tisch. Jeder Teilnehmer zahlte ein sogenanntes Buy-in von 10.000 Dollar, das sie später immens erhöhte. Es dauerte nicht lange und sie kassierte bis zu vier Millionen Dollar im Jahr. Geschätzt wurde sie wegen ihrer absoluten Verschwiegenheit und Diskretion.

Als eines Tages die russische Mafia mit am Tisch sitzt, flog ihr illegales Imperium auf und sie wurde wegen verbotenem Glücksspiels und Geldwäsche verurteilt. Es wird ihr der Prozess gemacht.

Regisseur Aaron Sorkin schildert in seinem Debüt die Story nach ihrer Verhaftung in Rückblenden. An ihrer Seite der Verteidiger Charlie Jaffey (Idris Elba), der den Fall gar nicht übernehmen wollte, da er sie mehr oder weniger für eine Luxusnutte hielt. Er besinnt sich eines besseren, als er erkennt, was für eine integere Person seine Klientin ist. Obwohl das Gericht ihr zusichert, das Strafmaß zu verringern, wenn sie die Namen verrät, schweigt sie eisern. Sie betont immer wieder, dass sie mit keinem der Spieler jemals eine Affäre hatte. Sie musste 87 Fragen beantworten, bevor sie sich vor Gericht schuldig bekennen konnte. Niemand konnte so recht verstehen, warum sie sich dafür entschieden hat: „Eine Gefängnisstrafe ende irgendwann. Aber wenn man seine Würde und seine Integrität aufgibt, dass würde lebenslänglich bedeuten“.

Chastain spielt diese toughe, hartnäckige Frau, die sich in einer von Männern dominierten Welt nach oben boxt, trotz aller Härte mit einem Hauch Verletzlichkeit, Witz und Schlagfertigkeit. Die geschliffenen Dialoge werden in einem außergewöhnlich rasantem Tempo artikuliert.

Kleine Anmerkung: Die moraltriefende Aussprache mit ihrem Übervater hätte man sich schenken können.

Ulrike Schirm

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