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68. Berlinale Goes Kiez und macht die #MeToo-Bewegung zum eigenen Thema

Berlinale Goes Kiez in sieben lokalen Programmkinos

Vom 17. bis 23. Februar 2018 sind die 68. Internationalen Filmfestspiele Berlin, kurz Berlinale genannt, einmal mehr in den Programmkinos der Stadt und ihrer Umgebung zu Gast. Wenn der Rote Teppich täglich in einem anderen Kiez ausgerollt wird, stehen jene Filmtheater im Rampenlicht, die sich über das ganze Jahr hinweg für eine lebendige Kinokultur einsetzen.

Der Auftakt von Berlinale Goes Kiez am 17. Februar 2018 im Kino Toni & Tonino ist Eröffnung und Verabschiedung zugleich. Das Traditionskino wird zukünftig unter neuer Leitung fortgeführt und der Besuch der Berlinale zum Anlass genommen, die Schlüssel symbolisch zu überreichen.

Die offizielle Übergabe fand bereits am 31. Januar 2018 statt, zu der der Freundeskreis Kino Toni eingeladen hatte. Der bisherige Eigentümer, der Berliner Regisseur R. Michael Verhoeven, verabschiedete die bisherige Theaterleiterin Manuela Miethe in den verdienten Ruhestand. Seit dem 1. Februar 2018 wird das 100 Jahre alte Traditionskino Toni in Weißensee von Iris Preafke und Wulf Sörgel betrieben, die bereits mit dem Moviemento in Kreuzberg eines der ältesten Kinos Deutschlands betreiben. Neue Besitzer sind allerdings Torsten Frehse und Matthias Mücke vom unabhängigen Berliner Filmverleih Neue Visionen, die das Kino nach der Berlinale modernisieren und durch ein gastronomisches Angebot ergänzen wollen. Eine vorübergehende Schließung während der Baumaßnahmen bleibt aber wohl nicht aus.

Das Programmangebot wird sich danach aber kaum ändern, denn der Verleih Neue Visionen belieferte schon bisher das Kino Toni mit europäischer Filmkunst, sozialkritischen Filmen, engagierten Dokumentarfilmen sowie jungem deutschsprachigen Kino.

Nach dem Berlinale Auftakt von Berlinale Goes Kiez zieht der Rote Teppich nach bewährtem Konzept an den darauffolgenden Tagen von Kiez zu Kiez, von Berlins Mitte bis über den Stadtrand hinaus nach Kleinmachnow und erstmals auch nach Adlershof, wo sich das Kino Casablanca seit über 20 Jahren als Treptows einziges Programmkino behauptet.

Termine und Kinos für Berlinale Goes Kiez: 17. Februar (Toni & Tonino; Weißensee), 18. Februar (Neue Kammerspiele; Kleinmachnow), 19. Februar (Tilsiter Lichtspiele; Friedrichshain), 20. Februar (ACUD Kino; Mitte), 21. Februar (filmkunst 66; Charlottenburg), 22. Februar (Neues Off; Neukölln) und 23. Februar 2018 (Kino Casablanca; Adlershof).

Darüber hinaus wird in diesem Jahr die Sonderreihe um eine Filmvorführung für Insassen der JVA Tegel erweitert. Gezeigt wird am 23. Februar 2018 aus der Reihe Berlinale Spezial der Film „Das schweigende Klassenzimmer“ von Lars Kraume im Kultursaal der Haftanstalt.

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Warnung vor Zensur bei der aktuellen #MeToo-Debatte

Weiteres Thema der diesjährigen Berlinale ist die #MeToo-Bewegung aus der mittlerweile auch eine #MenToo-Bewegung geworden ist, denn in beiden Fällen handelt es sich um Missbrauch von Schauspielern*innen, die ein Signal vom Berlinale-Chef zur diesjährigen Ausgabe der 68. Internationalen Berliner Filmfestspiele erwarten.

Deshalb will die Berlinale in der #MeToo-Debatte um Missbrauch in der Filmbranche ein Zeichen setzen. Nach den Missbrauchsvorwürfen gegen Branchengrößen wie Harvey Weinstein und Dieter Wedel gibt es neben den mehr als 400 Kinoproduktionen, die zu sehen sein werden, mehrere Veranstaltungen zu dem Thema Missbrauch.

"Diese Diskussion wird das Festival sicher sehr prägen, und wir wollen sie auch von uns aus vertiefen", kündigte Festivaldirektor Dieter Kosslick an. "Das Thema wird sich durch die ganze Berlinale ziehen."

Wie von uns schon am 30. Dezember 2017 geschrieben, hat die hart erkämpfte Debatte um Gleichberechtigung auch Folgen für die Filmauswahl der diesjährigen Berlinale.

Es muss allerdings davor gewarnt werden, zu Zensurmaßnahmen zu schreiten. Vielmehr sollte an Hand von Beispielen intensiv aufgeklärt werden. Maßnahmen wie Bücherverbrennungen, die schon einmal negatives Licht auf Deutschland warfen, dürfen sich nicht wiederholen. Und gewisse Kunst wegzusperren, wie in totalitären Staaten, ist auch keine geeignete Maßnahme, denn dies würde zu Radikalisierung führen.

Auch Philipp Demandt, Direktor des Frankfurter Städel Museums und der Kunsthalle Schirn, warnt eindringlich vor den Folgen der #MeToo-Debatte für die Kunstfreiheit.

"Erst hängen wir die Bilder ab, dann die Freiheit an den Nagel", so Demandt zur FAZ. "Wenn ich die Tugendhaftigkeit des Künstlers zum Maßstab mache, sind die Museen bald leer".

Deutschland habe mit Säuberungswellen in Museen eine unrühmliche Geschichte. Museen (und auch Kulturstätten wie Kinos und Theater und Büchereinen - die Red.) seien Orte der Freiheit, der Debatte und des Widerspruchs, "sie sind weder Konsensmaschinen noch moralische Kläranlagen", so Demandt weiter.

Sogar die Pennsylvania Academy of Fine Arts hat sich anders entschieden und folgt nicht dem Beispiel der National Gallery of Art in Washington, die eine Ausstellung des Fotokünstlers Chuck Close wegen Missbrauchsvorwürfen cancelte.

Das Museum der renommierten Kunstschule in Pennsylvania setzt vielmehr seine aktuelle Close-Retrospektive fort und ergänzt diese um eine Zusatzausstellung über Gender- und Machtfragen in der Kunst. Ausschlaggebend war dazu die Entfernung eines der wertvollsten Selbstbildnisse von Chuck Close in der Bibliothek der Universität von Seattle ohne vorherige Rücksprache mit Kunstdozenten und Experten. Diese Maßnahme zog eine heftige Diskussion über Zensur in der Universitätsstadt nach sich.

Allerdings ist auch Deutschland nicht davor gefeit, möglicherweise falsch zu handeln. Nach Belästigungsvorwürfen gegen den US-amerikanischen Modefotografen Bruce Weber haben nämlich die Hamburger Deichtorhallen eine für den Herbst geplante große Ausstellung kurzfristig abgesagt.

Das Haus der Photographie wollte 300 Fotografien und Kurzfilme des Künstlers des Starfotografen zeigen, die er auf seinen zahlreichen Reisen gemacht hatte. Immerhin ist Weber durch seine Werbekampagnen mit muskulös-sportlichen Männer-Models für Calvin Klein und Ralph Lauren bekannt geworden. Ob auch Mark Robert Michael Wahlberg, der früher unter dem Pseudonym Marky Mark in Calvin Klein Unterwäsche bekannt geworden war, zu der Absage und den angeblichen Vorwürfen etwas zu sagen hat, wurde bisher noch nicht bekannt. Immerhin hatten die Aufnahmen seine Model- und Filmkarriere begründet.

Unterdessen geriet ein weiterer Prominenter in Missbrauchs-Verdacht: Wie die "New York Times" berichtet, werfen Dutzende Männer dem Modefotografen Mario Testino sexuelle Belästigung vor. Der 63-Jährige ist nach Shootings mit Madonna und Lady Di seit Jahrzehnten einer der berühmtesten Star- und Modefotografen.

Wohl keine Vorwürfe muss der schwule Schweizer Fotograf Walter Pfeiffer befürchten, dessen Biopic "Walter Pfeiffer - chasing Beauty" am 8. März 2018 in die Kinos kommt. Darin wird über den charmanten 71-jährigen Herrn nur gesagt, dass man eine Portion neurotisch, künstlerisch veranlagt sein muss, um erfolgreich zu sein und sich von der Masse anderer Fotografen durch überspitze Aufnahmen abheben zu können. Seit fast 30 Jahren sind seine Bilder vor allem junger Menschen in den Medien und Modezeitschriften wie Vogue vertreten, die - inzwischen älter geworden - selbst zu Worte kommen und trotz einiger gewagter nackter Gay-Fotos nicht schlecht über ihn sprechen. Stets auf der Suche nach wahrer Schönheit sind seine Bilder mittlerweile auch in Museen zu bewundern. Hier der Trailer:

Bei ARD & ZDF will man dagegen alles durchforsten, was irgendwie in Zusammenhang mit Produktionen des 75-jährigen Regisseurs Dieter Wedel steht, und dessen Filme vielleicht derzeit auch nicht mehr zeigen. Zumindest unterstützt der Senderverbund der ARD die Idee, eine überbetriebliche, unabhängige Beschwerdestelle in der Medien- und Kulturbranche einzurichten.

Die sexuellen Vorwürfe - unter Ausschluss einer Vorverurteilung - zu Sprache zu bringen, ist legitim. Doch die Filme eventuell gar nicht mehr zu zeigen, an denen auch Unschuldige mitgearbeitet haben und somit ein Recht auf Ausstrahlungs-Tantiemen hätten, ist nicht nur unfair, sondern Zensur.

Somit ist verständlich, dass die Schauspielerin Catherine Deneuve sowie weitere 100 Frauen in der #MeToo-Debatte vor einem "Klima einer totalitären Gesellschaft" warnen.

"Vergewaltigung ist eine Straftat, aber der Versuch, jemanden zu verführen, auch wenn dies nachdrücklich und unbeholfen geschieht... ist keine chauvinistische Attacke", so ein Brief in der französischen Zeitung »Le Monde«.

Dass es bei Kampagnen wie #MeToo eben nicht um Sexualität, also um Anmache, Flirt oder Galanterie geht, sondern schlicht um Macht und den Missbrauch dieser Macht, wird in diesem Brief jedoch unterschlagen.

Es is allerdings nicht zu leugnen, dass die #MeToo-Bewegung ein berechtigtes Anliegen bei der Gleichberechtigung und die Ablehnung von ungleicher Bezahlung hat. Es muss ein Ende haben mit der Bevorzugung von Drehbüchern mit männlichen Hauptrollen und mit einem System, das Sexismus und Übergriffe verschwiegen hat. Drehbuchautorinnen, Regisseurinnen, Schauspielerinnen, Szenenbildnerinnen, Kamerafrauen, Kostümbildnerinnen. Sie alle fordern zu Recht die 50-Prozent-Quote.

Quellen: Tagesspiegel | Berliner Zeitung | Berliner Woche | Berliner Morgenpost | 3sat | Berlinale | filmecho | FAZ

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