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Die Zukunft der Berlinale nach der Tagung des Aufsichtsrates

Berlinale-Doppelspitze zukünftig denkbar.

Ein Brief von 79 Unterzeichnern des Regieverbandes (wir berichteten hier) hatte so manches Missverständnis hervorgerufen. In der Petition hatten rund 80 Regisseure, darunter Fatih Akin, Volker Schlöndorff und Maren Ade, eine komplette Neuausrichtung der Berlinale gefordert - und indirekt auch Kritik am derzeitigen Berlinale-Chef Kosslick geübt, dessen Vertrag 2019 ausläuft. Kulturstaatsministerin Monika Grütters lud deshalb jüngst zu einer Diskussion über die Zukunft der Berlinale ins Haus der Kulturen der Welt (HKW) in Berlin ein, um Eskalationen einzugrenzen.

Auch der Aufsichtsrat der Berlinale tagte am 5.12.2017. Dort verkündete Berlinale Chef Dieter Kosslick, dass er nach 2019 nicht mehr für den Posten zur Verfügung stehen werde. Wie es weitergeht wird im Januar in einer Sondersitzung entschieden.

Bei der Podiumsdiskussion im HKW gab es sowohl Lob für die jetzige Berlinale wie auch Ideen für eine Reform, sodass diesmal daraus tatsächlich etwas Positives erwachsen könnte.

Aus Sorge, was aus der Berlinale werden könnte, wenn der Vertrag des langjährigen Leiters Dieter Kosslick 2019 ausläuft, wurde der Staatsministerin für Kultur und Medien (BKM) schon im Mai 2017 ein Brief zugestellt. Es ging um den Wunsch vieler Filmemacher und Filmemacherinnen, in einem möglichst transparenten Prozess eine herausragende kuratorische Persönlichkeit für die künstlerische Leitung des Festivals zu finden und mit dieser Neubesetzung das Festival auch programmatisch zu überdenken. Welche Brisanz in der Erklärung steckte, wurde vielen der 79 Filmemacher und Filmemacherinnen, die bis zur Veröffentlichung am 24. November 2017 bei "Spiegel online" unterschrieben hatten, erst bewusst, als die mediale Interpretation in Gang kam und in einer von vielen nicht gewollten Kritik sowohl am Festival als auch an dessen Leiter endete.

Immerhin habe der Brief, bei dessen Instrumentalisierung sich viele Unterschreibende missbraucht fühlen, für die vom BKM veranstaltete Podiumsdiskussion zu einer größtmöglichen Öffentlichkeit geführt, konstatierte Volker Schlöndorff ironisch und brach gleichzeitig im Einverständnis von drei seiner Mitdiskutanten, Produzent Thomas Kufus, Christiane Peitz, Leiterin des Kulturressorts des "Tagesspiegel", und Bettina Reitz, Präsidentin der HFF München, eine Lanze für den Berlinale-Chef.

Erst Dieter Kosslick, der die Leitung vor 16 Jahren übernommen hatte, habe bewirkt, dass die deutschen Filmschaffenden begannen, sich mit der Berlinale zu identifizieren und sie nicht mehr versäumen wollten, erzählt Schlöndorff. Unter Kosslick hat sich die Berlinale mit 350 000 verkauften Karten zum größten Publikumsfestival der Welt entwickelt, hat den Wettbewerb mit anspruchsvollen Filmen ins Zentrum gerückt und den European Film Market zu einem der bedeutendsten Filmrechtemärkte entwickelt. Und kein anderes Festival hat eine Großstadt als Umfeld, die Menschen aller Couleur von überallher anlockt.

Inhaltlichen Stillstand dagegen beklagte Podiumsteilnehmer Christoph Hochhäusler, einer der Mitunterzeichner. Auch eine Filmauswahl, die sich oft nicht erschließt und etliche Abhängigkeiten vermuten lässt, die die Entscheidungen beeinflusst haben könnten, monierte er. Eine übergroße Vielfalt habe zu Profillosigkeit geführt, den deutschen Film an den Rand gedrängt und den Osten Deutschlands nicht in die West-Berlinale integriert. Auch wenn vielen von Hochhäuslers Kritikpunkten widersprochen wurde, so waren sie doch Ausgangspunkt für die Diskussion und für Überlegungen, was das Profil der Berlinale letztlich schärfen könnte.

Während Hochhäusler das Festival "entschlacken" will, wirbt er dafür, "Brüche, Widersprüchlichkeiten und Unvereinbarkeiten nebeneinander stehen zu lassen" und dem Festival Konflikte und Kanten zuzumuten. Er wünscht sich eine "pointierte Filmauswahl, eine Retrospektive, in der Geschichte als Bewegung begriffen wird, die die Gegenwart mitbestimmt", vor allem aber "ein Festival, das sich leidenschaftlich für den deutschen Film interessiert und ihm internationale Aufmerksamkeit verschafft".

Bettina Reitz, die Präsidentin der Hochschule für Film und Fernsehen München (HFF) glaubt zwar auch, dass bestimmte Künstler nicht genügend wahrgenommen werden, dass sie es schwer haben, ihre Filme ins Kino zu bekommen und dass man über diese Strukturen sprechen müsse, warnt aber auch davor, es an einzelnen Personen festzumachen und es ausgerechnet dem Festival aufzubürden.

Stattdessen müsse es darum gehen, sich über die Alleinstellungsmerkmale des Festivals als Publikumsfilmfest und als Filmmarkt klar zu sein und aufgrund seiner Strukturen Ziele zu formulieren. "Da muss es vielleicht tatsächlich darum gehen, zu überprüfen, welche Konsequenzen man aus Überschneidungen mit Fördersystemen ziehen muss, oder aus den Beteiligungen der Sender, die keine Kinopartner mehr sind und deren finanzielles Engagement früherer Zeiten inzwischen fehlt. Oder aus der Verzahnung der Bundeskultur mit der regionalen. Ein Festival muss sich auf solche Veränderungen jedes Jahr neu einstellen und, unabhängig von der Finanzierung, die besten Filme aus Deutschland und der Welt einsammeln", so Bettina Reitz.

Auch Produzent Thomas Kufus sieht noch viele offene Fragen. Für ihn ist ein wichtiger anderer Punkt, der beachtet werden muss, dass Festivals nur noch selten Startrampen für die Kinoauswertung sind.

"Viele Filme haben im Kino gar keine Chance. Stattdessen laufen sie nur auf Festivals und finden dort ein spezialisiertes Publikum. Filmemacher und Produzenten haben sich längst darauf eingestellt", so Thomas Kufus.

Und es gibt weitere Fragen, etwa den Umgang mit der mobilen Filmrezeption, ob man Kinos für Serien öffnet und ob Filme, die für Plattformen produziert werden, auf einem Filmfestival gezeigt werden sollten.

"Diesen Themen muss sich vielleicht ein Publikumsfestival wie die Berlinale besonders stellen. Und vielleicht kann einer die Berlinale vom Wettbewerb bis zum Markt gar nicht mehr alleine kuratieren", so Christiane Peitz vom Tagesspiegel.

Dass man über die Trennung zwischen künstlerischer und kaufmännisch-organisatorischer Leitung nachdenken sollte, darin war sich das Podium schnell einig, vorausgesetzt die neue Doppelspitze findet sich zu einem Team zusammen. Dann hätte die künstlerischer Leitung mehr Zeit zu kuratieren, sich auf Festivals und in den Schneideräumen umzusehen, um das Profil des Festivals zu schärfen. Volker Schlöndorff bemerkte zum Abschluss, dass er sich die deutsche Sektion als eigenes Fenster der Regisseure vorstellen könnte.

Ob für die Umsetzung all dieser Ideen nun tatsächlich eine unabhängige Findungskommission gegründet wird, wie sie sich die Filmemacher in ihrem Brief wünschen, scheint allerdings eher unwahrscheinlich. Für die Besetzung der Berlinale-Geschäftsführung ist der Aufsichtsrat der KBB, Kulturveranstaltungen des Bundes in Berlin GmbH, zuständig, der aus Vertretern des BKM, des Außenministeriums, des Finanzministeriums und aus sachverständigen Persönlichkeiten des kulturellen Lebens besteht. Aus seinen Reihen wird üblicherweise eine Findungskommission eingerichtet. Monika Grütters, Staatsministerin für Kultur und Medien (BKM), die auch die Podiumsdiskussion initiierte, plädierte dafür, externen Sachverstand einfließen zu lassen und Experten und Expertinnen aus der Filmbranche hinzuzuziehen.

"Gerade das künstlerische experimentelle Element zu stärken, liegt mir besonders am Herzen", sagte Grütters.

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Auf Kino-Zeit wurde zudem ein Plädoyer von Urs Spörri veröffentlicht, der seine Ansichten zur Schelte an dem Brandbrief der 79 Regisseure darlegte. Dazu nachfolgend eine kurze Zusammenfassung, ergänzt mit unseren eigenen Ansichten.

Ein Plädoyer wider die Respektlosigkeit.

Die Aktion der rund 80 Unterzeichner des offenen Berlinale-Briefes, der sowohl junge wie auch alte Filmemacher angehörten, gebührt eigentlich mehr Respekt, anstelle von Anfeindungen und Unterstellungen.

Zwar ist auch deren Haltung ein wenig respektlos gegenüber der Lebensleistung Dieter Kosslicks und dessen Berlinale-Team, aber all jene Regisseure, Schauspieler und Menschen hinter der Kamera hangeln sich meist von Projekt zu Projekt.

55 Jahre nach dem Oberhausener Manifest mit seiner 1962 ausgerufenen Parole „Papas Kino ist tot“ ist dies nur der verzweifelte Ausdruck von Künstlerinnen und Künstler, die sich zwischen großem Erfolg und Existenzminimum bewegen.

Die Berlinale ist all diesen 79 Filmemacherinnen und Filmemachern nicht gleichgültig. Sie alle lieben Filme, was sich auf Filmfestivals widerspiegelt. Und sie opfern sich jahrelang für ihre Herzensprojekte auf, die dann durch nicht vorhandenes Marketingbudget im Kino häufig untergehen, oder neben aufmerksamkeitsträchtigen Blockbustern des Mainstream- wie des Arthouse-Bereichs bestehen müssen.

Offensichtlich liegen viele Stellschrauben falsch im deutschen Fördersystem, sodass nur die wenigsten Filmschaffenden von ihren Filmen leben können. Fatal ist vor allem, dass die letzte Auszahlungsrate an Produzenten heutzutage verpflichtend erst nach Kinostart erfolgt – dies verhindert eine ausführliche Festivaltour, die insbesondere den qualitativ hochwertigen „Festivalfilmen“ eine angemessene Mundpropaganda und anschließend Publikum bescherte.

Warum haben Festivals einen so großen Boom erfahren wie in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten? Weil sie etwas bieten, was außerhalb nur schwer zu finden ist: Kuratiertes Programm, Gespräche mit den anwesenden Filmemachern und mit anderen Besuchern unter Anleitung über Gesehenes zu diskutieren. Deshalb funktionieren Filme auch ohne Marketing als „Festivalfilme“.

Aber dazu muss sowohl der Einfluss des Fördersystems wie auch der des Fernsehens auf das Kino hinterfragt werden, deren Absichten nichts mehr mit den eigentlichen Zielen des Oberhausener Manifestes zu tun haben, denn jährlich absolvieren ausreichend neue Talente die Filmhochschulen, die meist für wenig Geld ihre ersten beiden Filme realisieren und dennoch oft erfolgreich gefeiert werden.

Doch ARD und ZDF wollen zukünftig „Film-Experimente“ reduzieren. Und die Förderanstalten unterstützen vornehmlich den wirtschaftlich erfolgreichen Qualitätsfilm, der beim fiktionalen Langfilmprojekt mit einem Gesamtbudget von mindestens 2,5 Mio. Euro und einem Potential von mindestens 250.000 Besuchern veranlagt ist.

Zudem müssen sich Filmverleiher und Fernsehanstalten bereits auf Drehbuch- oder gar Treatmentbasis zu einem Projekt verpflichten, wodurch die Qualität des fertigen Films für die eigentlichen Auswerter leider nur noch eine untergeordnete Rolle spielt.

Wenn danach alle jammern, dass zu viele schlechte Filme die Leinwände verstopfen, ist etwas faul am System.

Zur Person:

Urs Spörri ist Experte für den aktuellen deutschen Film. Er kuratiert Filmreihen im Kino des Deutschen Filmmuseums Frankfurt/Main und ist Gutachter bei der Deutschen Film- und Medienbewertung, die über das Prädikat „besonders wertvoll“ entscheidet.

Hier der Link zum vollständigen Artikel auf kino-zeit.de

Quellen: Tagesspiegel | Blickpunkt:Film | Kino-Zeit | Ad Hoc News | dpa

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