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Michael Verhoeven vergibt das Kino Toni an die Betreiber des Moviemento

Die Zukunft des Traditionskinos in der alten Filmstadt Weißensee scheint gesichert zu sein.

Um die Geschichte des traditionsreichen Kinos Toni am Antonplatz zu verstehen, muss ein wenig weiter ausgeholt werden. Nur Wenigen dürfte bekannt sein, das die Geschichte des Films nicht nur in Babelsberg, sondern auch in im Berliner Bezirken Weißensee und Pankow ihren Ursprung hatte.

Im Jahre 1872 gelang dem britischen Fotografen Eadweard Muybridge erstmals die Anfertigung von Serienfotografien eines galoppierenden Pferdes. Wie beim Daumenkino entsteht bei der Wiedergabe der Bilder in kurzer Abfolge scheinbar eine flüssige Bewegung, die wie eine Filmwiedergabe anmutet.

Allerdings konnten erst im Jahre 1895 die Brüder Skladanowsky aus Berlin Pankow mit ihrem Projektor Bioskop neun echte kurze Filme im Rahmen eines Varieté-Programms im Berliner Wintergarten am 1. November 1895 vorführen. Offiziell gilt als Geburtsstunde des Mediums Film aber erst die Filmvorführung der Brüder Lumière knapp zwei Monate später, am 28. Dezember 1895 in Paris.

Danach entstanden überall Filmstudios, so auch im Berliner Bezirk Weißensee. Bekannt ist dort auch das ehemalige Stummfilmkino Delphi, das 1929 in der Gustav-Adolf-Str. 2 in Berlin-Weißensee eröffnet wurde. Ende der Fünfziger fiel es allerdings in einen Dämmerschlaf - und wurde erst jetzt endlich mit der Abschlussparty und Preisverleihung von interfilm, dem internationalen Berliner Kurzfilmfestival, wieder eröffnet. Unter dem schönen alten Tonnengewölbe und der von drei Bögen akzentuierten Bühne entstanden übrigens auch die Innenaufnahmen der Fernsehserie „Babylon Berlin“. Fortan sollen nicht nur Filme gezeigt werden, sondern auch andere kulturelle Veranstaltungen durchgeführt werden.

In Babelsberg feiert dagegen dieser Tage die UFA hundertjähriges Jubiläum. Trotz vieler Brüche und Zäsuren in der Firmengeschichte existiert die Marke "Ufa" seit einhundert Jahren. Gegründet wurde die Universum Film AG im Dezember 1917. Im Jahre 1922 übernahm die UFA das Babelsberger Studiogelände und produzierte dort zahlreiche Großprojekte wie Fritz Langs "METROPOLIS", die Tonfilmoperette "DIE DREI VON DER TANKSTELLE" und bis kurz vor Kriegsende den Durchhaltefilm "KOLBERG" von Veit Harlan im Jahre 1944.

Eine am 24. November 2017 in der Deutschen Kinemathek - Museum für Film und Fernsehen am Potsdamer Platz eröffnete Ausstellung, zeigt die Geschichte auf.

Die Ausstellung im Filmmuseum läuft bis zum 22. April 2018 und wartet u.a. mit einer Weltsensation auf. Erstmals können Besucher mit Hilfe einer 3D-VR-Brille sich echten Schauspielern in einem virtuellen Filmset von allen Seiten nähern. Im Gegensatz zu Computerspielen, wo bisher ausschließlich nur Avatare in einer 360° Umgebung gezeigt werden, hat das Fraunhofer Institut es mit modernster Technik geschafft, real existierende Personen als Hologramm abzubilden, sodass diese während des Drehs life umrundet, und somit hautnah während ihres Spiels von allen Seiten her in originaler Körpergröße betrachtet werden können.

Ein Jahr nach Kriegsende wurde in der sowjetisch besetzten Zone die Deutsche Film AG (DEFA) gegründet, die fortan auch das Babelsberger Studiogelände betrieb. Erst nach der Wende kehrte die UFA an ihren angestammten Platz zurück und für das von Insolvenz bedrohte Studiogelände in Potsdam-Babelsberg machte sich der deutsch-französische Filmemacher Volker Schlöndorff stark, damit ein Fortbetrieb unter dem Namen Studio Babelsberg GmbH möglich wurde, während das VEB DEFA - Studio für Spielfilme nach dem Ende der DDR - wie so viele andere Betriebe - abgewickelt wurde.

Seit 1990 verwertet der Progress Film-Verleih die mehr als 700 DEFA-Produktionen der DEFA-Stiftung, die während in der DDR entstanden waren. Auch der Berliner Film- und Fernsehverband, der einzige Filmverband der DDR, der sich in die Gegenwart herübergerettet hat, hielt lange Zeit der DEFA die Stange und spielte monatlich, ebenso wie der ND-Filmclub der Friedrich-Wolf-Gesellschaft, bei der befreundeten Filmtheaterleiterin Manuela Miethe, ausgesuchte DEFA Werke im Kino TONI am Antonplatz.

Das Kino selber hatte nach der Wende, im Jahre 1992, der gebürtige Berliner Filmregisseur Dr. Michael Verhoeven gekauft. Da er jedoch die meiste Zeit zusammen mit seiner Frau Senta Berger in München lebt, kann der bald 80-jährige sich um die laufenden Geschäfte kaum noch kümmern. Die Programmgestaltung überlies er zwar der erfahrenen Kulturwissenschaftlerin Manuela Miethe, die aber schon seit Längerem kürzer treten wollte und mit dem zum Jahreswechsel angekündigten Verkauf des Kinos wohl nun in Rente gehen wird.

Der Komplex am Antonplatz 1, ein Wohngebäude mit integriertem Filmtheater, geht demnach an den unabhängigen Berliner Verleih Neue Visionen, Pächter und Betreiber der Kinos aber werden zum Jahreswechsel Iris Praefke und Wulf Sörgel, die erfolgreich bereits das Moviemento Kino am Kottbusser Damm 22 in Kreuzberg und das Kino Central in der Rosenthaler Straße 39 in Mitte betreiben.

Der Schwerpunkt solle beim Arthouse-Kino bleiben, nur das Kinderkino wolle man ausbauen. In früheren Zeiten war einer der Chefs mal Erich Pommer gewesen, der später Filme wie „Metropolis“ und „Der blaue Engel“ mit Marlene Dietrich produzierte. An diese Tradition wolle man wohl anknüpfen, zumal auch die Berlinale den ursprünglich 700 Personen fassenden großen Kinosaal des Kino Toni, der aber nach Umbau und Einbau einer digitalen Projektionstechnik jetzt nur noch 255 Plätze bietet, schon seit Jahren immer wieder gerne für ihr Kiezkino in Beschlag nimmt. Daneben gibt es mit dem Tonino noch einen kleinen Saal mit nur 102 Plätzen.

Die zukünftigen Betreiber signalisierten erneute Umbauten an, um die Gastronomie im Haus zu stärken, denn allein mit der Vorführung von Filmen käme man gegen weitere fünf Multiplex-Kinos in der Umgebung nicht an. Dazu wäre eine vorübergehende Schließung aber unumgänglich.

Link: www.kino-toni.de

Quellen: Berliner Zeitung | Tagesspiegel | Freundeskreis Kino Toni

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