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Verleihung des Deutschen Wirtschaftsfilmpreises 2017 - und ein Politthriller über Lobbyismus

Deutscher Wirtschaftsfilmpreis 2017 feierte 50-jähriges Jubiläum im Kino International in Berlin.

Mit bissigen Kommentaren, die aber herzlich gemeint waren und das Publikum zu schallendem Gelächter brachten, führte der rbb-Radio- & Fernsehmoderator Jörg Thadeusz vorgestern Abend, den 4. Juli 2017 durch den Jubiläumsabend des 50. Deutschen Wirtschaftsfilmpreises, der seit 2010 im Berliner Kino International jedes Jahr verliehen wird.

Neben den vier Hauptkategorien wurde zum Jubiläum erstmals eine fünfte Sonderkategorie eingerichtet, in welcher der beste Beitrag in der Kategorie „Deutsche Wirtschaftsgeschichte“ mit einem Sonderpreis ausgezeichnet wurde. Dazu konnten Beiträge eingereicht werden, die in den vergangenen 50 Jahren entstanden sind und die ein wirtschaftshistorisches Thema zum Gegenstand haben bzw. eine konkrete Periode oder Entwicklung in der deutschen Wirtschaftsgeschichte behandeln. Sogar ältere Beiträge durften dafür eingereicht werden und es konnte sich dabei sowohl um Filme (z. B. Biopics, Imagefilme usw.) als auch um Reportagen handeln.

Darüber hinaus standen natürlich die Beiträge in den vier anderen Kategorien im Vordergrund des festlichen Empfangs bei dem Bundesministerin Brigitte Zypries sowohl die Eröffnungsrede hielt, als auch die Auszeichnungen und Preise, trotz eines gebrochenen und bandagierten rechten Arms, persönlich überreichte.

Bundesministerin Zypris: "Der Deutsche Wirtschaftsfilmpreis ist einer der ältesten Filmpreise Deutschlands, der bereits seit 1968 vergeben wird. 50 Jahre Deutscher Wirtschaftsfilmpreis sind auch ein Spiegel von 50 Jahren deutscher Wirtschaftsgeschichte. Die zahlreichen Wettbewerbsbeiträge der vergangenen Jahre und Jahrzehnte zeichnen das wirtschaftliche Geschehen im geteilten und vereinigten Deutschland nach. Sie bilden damit eine ganz eigene, spannende Chronik unserer jüngsten Geschichte. Die diesjährigen Beiträge schreiben diese Geschichte fort..."

Etwas gekünstelt und weit hergeholt wirkte die Rede des neuen Berliner Finanzministers, Senator Dr. Matthias Kollatz-Ahnen (SPD), der darauf verweisen wollte, dass schon vor mehr als 50 Jahren, nämlich im Jahre 1966, das Kino International quasi mit einem Wirtschaftskrimi eröffnet worden war. Gezeigt wurde damals "Spur der Steine" von Frank Beyer, der im Rahmen der 8. Arbeiterfestspiele der DDR seine Premiere hatte, aber schon drei Tage später wegen „antisozialistischer Tendenzen“ abgesetzt wurde und erst zur Wende im Oktober 1989 wieder aufgeführt werden durfte. Hier der Trailer:

Zum Inhalt:

Nach dem gleichnamigen Bestseller-Roman von Erik Neutsch schildert der DEFA-Film eine wirklichkeitsnahe Darstellung des DDR-Alltags mit allen Mangelerscheinungen im realen Sozialismus des Arbeiter und Bauernstaates, was beim Parteisekretariat der SED zu Unmut führte.

Zu heftigen Applaus führten dagegen die Vorführungen von kurzen Ausschnitten aus den diesjährigen nominierten Wettbewerbsbeiträgen in den folgenden fünf Kategorien:

I) • Wirtschaftsfilme bzw. -reportagen (Kurz- und Langfassungen)

II) • Imagefilme aus der Wirtschaft

III) • Audiovisuelle Beiträge für digitale Medien

IV) • Nachwuchsfilme

V) • Sonderpreis „Deutsche Wirtschaftsgeschichte"

Als bester Kurzfilm in der Kategorie I. wurde der BR-Beitrag "Money Island" oder "Das System Madeira - Steuerparadies mit Segen der EU-Kommission" ausgezeichnet. Dass der Film ein wenig an das mit Preisen ausgezeichnete Werk "PanamaPapers – Im Schattenreich der Offshorefirmen" über die getarnten Briefkastenfirmen erinnert, mag am brisanten Thema rund um Geldverstecke der Reichen und Mächtigen und den illegalen Steuertricks von Politikern und Prominenten liegen.

In der gleichen Kategorie wurde die ZDF-Reportage "Deutschland große Clans - Die C&A-Story" über die im Hintergrund agierende Familie Brenninkmeijer als bester Langfilm ausgezeichnet. Hier der komplette Film auf YouTube:

In der Kategorie II. kürte die jury "Ein Film über Vitra", ein Firmenportrait über die Schweizer Möbeldesigner der Vitra International AG. Hier ebenfalls der komplette fünf Minuten lange Kurzfilm auf YouTube:

In der Kategorie III. wurde die ZDF/ARTE-Website "Monopoly der Weltmeere" mit dem ersten Preis geehrt. Hier der Trailer über den erbitterten Kampf der anliegenden Staaten über die Ausbeutung der Meere.

In der Kategorie IV. wurde der Studentenbeitrag "Baufix - Wenn, dann richtig!" der Filmakademie Baden-Württemberg als bester Film mit 10.000 Euro ausgezeichnet. Hier das sehr amüsante Werk:

In der Kategorie V. wurden zwei Beiträge über die verfeindeten Brüder Dassler der Sportschuh-Firmen Puma und Adidas mit dem ersten und zweiten Preis geehrt. Der zweimal 90 Minuten lange ARD-Spielfilm "Die Dasslers - Pioniere, Brüder und Rivalen" bekam den ersten Preis. Hier Trailer eins:

Der RTL Beitrag "Die Sportsfeinde aus Herzogenaurach - Adidas gegen Puma" belegte Platz zwei. Hier daraus der Trailer des zweiten Teils:

Veranstalter:

Bundesministerium für Wirtschaft und Energie

Scharnhorststr. 34-37, 10115 Berlin

Web: www.bmwi.bund.de

Link: www.deutscher-wirtschaftsfilmpreis.de

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Passend zu unserer Berichterstattung über den deutschen Wirtschaftsfilm, können wir diesen Artikel noch mit einer Filmkritik zu einem internationalen Wirtschaftskrimi über die US-Waffenlobby ergänzen, denn heute startet in den Kinos mit "Miss Sloane", so der Originaltitel, ein oscarreifer Thriller über Politik und Korruption in Amerika.

"Miss Sloane - Die Erfindung der Wahrheit" von John Madden. Mit Jessica Chastain und Mark Strong. Ab 6. Juli 2017 im Kino. Hier der Trailer:

Elisabeths Filmkritik:

Etwas ist faul auf dem Kapitol. Längst sind Politiker und Lobbyisten zu sehr verbandelt. Korruption steht auf der Tagesordnung. Die, die es nach Washington D.C. geschafft haben, sind begierig darauf, ihre Macht zu behalten. Es mag zynisch klingen, aber das amerikanische Wahlvolk scheint den Strippenziehern nichts entgegensetzen zu können. Elizabeth Sloane (Jessica Chastain aus "Zero Dark Thirty") ist für dieses Spiel wie geboren. Sie ist gerade heraus und sie verliert nie. Sie hat keine Familie, kein Privatleben. Sie ist ein Workaholic und hilft auch schon mal mit Pillen nach, um aus ihrem chronischen Schlafdefizit auch noch Energie herauszupressen.

Der Drehbuchautor Jonathan Perera lässt in dem von John Madden ("Eine offene Rechnung") inszenierten Thriller seine Hauptfigur nicht von ungefähr John Grisham lesen. Perera war selbst Anwalt gewesen und stieg aus, um es beim Film zu versuchen. In seinem ersten Drehbuch geht es um einen fiktiven Gesetzesentwurf, der vorschreiben würde, dass Waffenkäufer erst einmal einer Überprüfung standhalten müssten. Dies betrifft nicht die Waffenbesitzer, die ihre Waffen bereits legal erworben haben, dies betrifft nicht die Waffenbesitzer, die diese auf dem Schwarzmarkt kaufen. Doch die Waffenlobby bezieht Stellung und möchte die Eingabe vom Tisch wissen. Koste es was es wolle.

Ein etwas positiveres Bild von sich hat der Verband auch auf der Wunschliste. Wie wäre es, wenn Frauen ihre Familie in den Schutz von Handfeuerwaffen geben würden. Miss Sloane quittiert den Antrag, dies umzusetzen, mit einem kontrollierten Lachanfall. So macht man sich Freunde fürs Leben. Es wäre aber falsch anzunehmen, dass unter Geschäftsleuten, Politikern und Lobbyisten Freund- und Feindschaften Einfluss auf ihre Entscheidungen hätte. Und damit beginnt das Spiel. Sloane denkt gar nicht daran, für die Waffenindustrie zu arbeiten und wechselt die Seiten.

Politik gleicht einem Schachspiel. Schach, im Film gerne Stellvertreter für den Akt des Denkens oder der Strategie, wird in “Miss Sloane” ausgerechnet nicht bemüht. Und doch setzt man diesen Vergleich. Man muss dem Gegner immer einen Schritt voraus sein, seine Züge voraussehen und dementsprechend vorplanen. Wenn man Miss Sloanes (Jessica Chastain) Worte am Anfang hört und sie spricht in extremer Nahaufnahme direkt zu uns, das heißt zu ihrem Anwalt, und ihre Worte werden am Ende, denn es ist die Klammer, uns noch einmal erreichen, dann weiß man, dass sie mit ihrer Kompetenz genau weiß, was sie tut und was auf sie zukommen wird. Wenn man weiß, dass ihre Gegner nicht weniger geschickt planen, dann deutet man jedes Bild- und Handlungsdetail dementsprechend. Anders als das richtige Leben, dass Ablenkung und Unwichtiges mit in die Waagschale wirft, ist ein Drehbuch auf Dichte angelegt. Hier darf nichts ohne Grund gezeigt werden, nichts ohne Grund passieren. Und so ahnt man bereits früh, was sich entwickeln wird. Wenn die Klammer den Film zusammenhält, dann legt die Dramaturgie die Hinweise in der Reihenfolge aus, wie sie am Ende ausgespielt werden.

Ist das jetzt schlimm? Nein, eigentlich nicht. Sicherlich sieht man die Wendungen, bevor sie eintreten, es macht aber auch diebischen Spaß, sie eintreten zu sehen. Der Film macht sich den Zuschauer zum Komplizen. Allerdings ist die Bühne Washington D.C. und es geht um Politik, Gesetzeseingaben, Lobbyismus und die Öffentlichkeit. Damit das nicht ganz so spröde wirkt, und um zu kaschieren, dass die Wirklichkeit sicherlich undurchsichtiger abläuft, sonst würde ja einiges anders laufen und guter Journalismus wäre nicht so schwer zu haben, fährt man den Dualismus auf. Da geht es um Bestechung und Unbestechlichkeit. Um Käuflichkeit und Unkäuflichkeit. Um persönliche Betroffenheit und Unbeteiligtheit. Um Überzeugung und Verrat an selbigen bis hin zu dem Mangel an Überzeugung.

Ist “Miss Sloane” ein politischer Film? Ein Wirtschaftskrimi? Ein Court Drama oder gar ein Thriller? Glaubt man der amerikanischen Presse, zumindest Teilen davon, denen, die am lautesten schreien, dann ist “Miss Sloane” Propaganda der Liberalen. Dementsprechend ist der Film gnadenlos gefloppt. Man möchte John Maddens Film (der auch “Miss Browne” und "The Best Exotic Marigold Hotel” inszeniert hat) sogar in Schutz nehmen. Auch wenn Jessica Chastain als Miss Sloane prominent im Mittelpunkt steht und die Figuren durchaus ihre jeweilige Agenda bedienen, so ist er als ein Moralstück mit einem (leider) zeitlosen Anliegen durchaus gut gemacht. Der Spannungsaufbau soll in erster Linie unterhalten und es gibt auch über die Filmlänge von 132 Minuten keine Hänger. Den Darstellern schaut man durch die Bank weg gerne zu. Jessica Chastain erhielt sogar eine Golden Globe-Nominierung.

Die Erkenntnis, dass es Dinge gibt, für die Mann und Frau einsteht, egal welche Hürden es zu überwinden gilt, ist dann auch die Botschaft des Films. Elizabeth Sloanes Background bleibt zwar zu wage, um zu verstehen, wieviel sie einsetzt und aufgibt. Andererseits ist die Verweigerung mehr als eine glatte Oberfläche als Angriffsfläche zu geben, deren scheinbar einziger Makel eigentlich keiner ist, der irgendwen etwas angeht, gerade der Clou, denn natürlich möchte man hinter diese Fassade schauen, das macht den Reiz aus.

Elisabeth Nagy

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