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Filmempfehlungen für März/April im BAF-Blog

Drei zutiefst berührende Werke, die derzeit im Kino laufen oder bald starten.



Die Berliner Kinolandschaft überrascht uns immer wieder mit außergewöhnlichen Arthouse-Werken, die leider nicht überall im Bundesgebiet zu sehen sind. Manche Filme laufen nur auf den zahlreichen kleinen und großen Festivals in Berlin. Andere werden nur wenige Tage in Hinterhofkinos gezeigt und verschwinden dann ganz schnell wieder von der Bildfläche. Wer zu hoffen wagt, preisgekrönte Werke stattdessen etwas später in Videotheken ausleihen zu können, irrt sich gewaltig. Sogar die früher gut sortierte Filmgalerie 451 setzt nunmehr hauptsächlich auf Eigenproduktionen und den Kinoverleih sowie auf einen VoD-Download. Der DVD-Verleih wurde ausgelagert und das Sortiment wurde in einem deutlich kleineren Shop unter dem neuen Namen Filmgalerie-Berlin stark reduziert.

Wie von uns zudem am 21. März 2016 in einem ausführlichen Nachtrag verkündet wurde, kann der Kinomarkt das Überangebot an neuen Filmen kaum noch aufnehmen, weshalb man mit dem e-Cinéma in Frankreich neue Vertriebsformen beim europäischen Distributor Wild Bunch ausprobiert. So kommt die auf der Berlinale gezeigte Weltpremiere des französischen Independent Werkes "The End" mit Gerad Depardieu in einer Paraderolle gar nicht mehr in die Kinos, sondern wird ausschließlich in Frankreich auf einem verschlüsselten YouTube-Kanal für € 6,99 ab 8. April 2016 gezeigt. Für deutsche Interessenten ist das Werk, das uns auf der Berlinale sehr beeindruckt hatte, somit gar nicht mehr verfügbar.

"RAUM" seit 17.03.2016 im Kino.
An Oscar® prämierten Werken, wie dem aktuellen Film "Raum" von Lenny Abrahamson, bei dem Brie Larson als beste Hauptdarstellerin ausgezeichnet wurde, haben allerdings sogar die Multiplex-Kinos Interesse. Das Arthouse-Drama, das nach dem berühmten Bestseller von Emma Donoghue verfilmt wurde, läuft bereits in der zweiten Woche in 12 Berliner Kinos, was wir kaum für möglich gehalten haben. Hier der Trailer:



"Raum" ist die außergewöhnliche Geschichte von Jack (Jacob Tremblay), einem lebhaften Fünfjährigen, um den sich seine liebende Mutter Ma (Brie Larson) kümmert. Wie jede Mutter will sie, dass Jack glücklich und sicher ist. Sie zieht ihn liebevoll auf, spielt mit ihm, erzählt ihm Geschichten – doch ihr beider Leben ist alles andere als normal. Sie werden seit mehreren Jahren von einem Peiniger in einem kleinen Raum gefangen gehalten. Ma hat daher ein ganzes Universum innerhalb des Raums für Jack erschaffen und wird vor nichts Halt machen, um sicherzugehen, dass Jack auch in dieser tückischen Umgebung in der Lage ist, ein vollkommenes und erfülltes Leben zu führen. Aber als Jack älter wird und immer mehr Fragen über ihre Situation stellt und Ma an die Grenzen ihrer Belastbarkeit stößt, beschließen sie eine riskante Flucht...

Raum erinnert auch an das Schicksal der Natascha Kampusch, einer zehnjährige Österreicherin, die 1998 in Wien entführt worden war und mehr als acht Jahre lang in einem Verlies gefangen gehalten wurde. Doch Raum ist anders, vielleicht lebensbejahender und hoffungsvoller. Der Fokus liegt auf dem unschuldigen Kind. Die Vergewaltigungen der Mutter wurden mehr oder weniger ausgeblendet und kommen erst später bei einem psychischen Zusammenbruch zum tragen. Hier eine Kritik von Ulrike Schirm:

Eine ziemlich armselige Behausung. Eine junge Mutter bereitet das Frühstück vor. Ein kleiner Junge krabbelt aus dem Schrank. „Hallo Tisch, hallo Stuhl, hallo Fernseher, hallo „Raum“.

Merkwürdig? Nicht unbedingt, denn Kinder leben oft in einer Phantasiewelt und denken sich ihre eigenen Geschichten aus. Doch dann begreift man schnell. Der Kleine, der heute fünf wird, lebt in einem „Horrorhaus“, einem Neun-Quadratmeter-Raum. Liebevoll verwandelt seine Mutter Joy die grauenhafte Enge, mit den wenigen Mitteln, die ihr zur Verfügung stehen in einen kindgerechten Abenteuerspielplatz. Sie versucht ihrem Sohn Jack das Leben in der Gefangenschaft so angenehm wie möglich zu gestalten. Für ihn gibt es nur die platte Welt im Fernseher und ein kleines Stück sichtbaren Himmel und den RAUM.

Abends, wenn Jack in sein Bett im Schrank gekrochen ist, eine Tür mit lautem Gerassel auf geht, ein Mann den „Raum“ betritt, die Mutter vergewaltigt und wieder verschwindet, spätestens jetzt hat man begriffen. Mit siebzehn Jahren wurde Joy entführt, in den „Raum“ verschleppt, missbraucht und gebar ihren Sohn Jack. Sofort fallen einem die Fälle Natascha Kampusch und Josef Fritzel ein. Joy beschliesst die Flucht, die sie aber nur mit Hilfe des kleinen Jack durchführen kann. Immer wieder trainiert sie mit dem Jungen. Wenn es misslingt, dann ist alles zu spät. Der Junge betritt eine Welt, die für ihn völlig unbekannt ist. Dieses überwältigende Psychodrama wird aus der Perspektive des Jungen erzählt. Die beklemmende Situation fängt wie ein spannender Krimi an, entwickelt sich zu einem Selbstfindungsabenteuer eines Kindes, was seine zweite Geburt erlebt und den Weg in die Realität erlernen muss. Es ist auch ein Film über die Kraft der Mutterliebe zu einem Wesen, entstanden aus einer Vergewaltigung, den Umgang mit der neuen Freiheit draußen und dem Verhalten der Mitmenschen um einen herum. Brie Larson, hat mit ihrer unaufdringlichen Darstellung einer geschundenen Seele den Oscar wohl verdient. Übertroffen wird sie allerdings von dem neunjährigen Jacob Tremblay, dessen Spiel unter die Haut geht. Das Besondere liegt in der Inszenierung, die ohne einen Hauch von Melodramatik, Kitsch oder Voyeurismus auskommt und dadurch das ungeheuerliche Geschehen umso eindringlicher erlebbar macht.

Ulrike Schirm


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"IM SPINNWEBHAUS" ab 31.03.2016 im Kino.
Am 31. März 2016 kommt mit "Im Spinnwebhaus" von Mara Eibl-Eibesfeldt ein weiterer Film in die Kinos, bei denen ebenfalls kleine Kinder im Fokus einer wahren Begebenheit stehen. Der Film hat zwar nicht bei den Oscars teilgenommen, wurde dafür aber auf der 65. Berlinale 2015 in den Cross-Sektionen »Perspektive Deutsches Kino« und »Generation« außerordentlich bejubelt. Hier der Trailer:



Wegen einer psychischen Störung ist die Mutter nicht mehr in der Lage sich um ihre drei Kinder zu kümmern. Sie verschwindet scheinbar spurlos und der 12-jährige Jonas (Ben Litwinschuh) übernimmt die Verantwortung für sich und seine Geschwister Nick (Lutz Simon Eilert) und Miechen (Helena Pieske). Doch das Geld wird knapp und das Misstrauen der Kita-Erzieherin (Alexandra Finder) größer. Deshalb flüchten sich Jonas und die anderen beiden Kinder auch in diesem Film immer weiter in eine zauberhafte Fantasiewelt, in der Spinnen Menschen an ferne Orte teleportieren können und Dämonen bekämpft werden müssen. Was als Abenteuer beginnt, wird zum Kampf um Leben und Tod...

Obwohl wir das Werk beeindruckend finden, wird es der Film ohne die Unterstützung großer Auszeichnungen - wie den Oscars - beim Publikum bedeutend schwerer haben, angenommen zu werden. Das kleine Lichtblick-Kino in Berlin Prenzlauer Berg in der Kastanienallee 77 wird das Werk in seinem Programm zeigen und möchte hiermit schon jetzt auf ein Publikumsgespräch mit der Regisseurin am 3. April 2016 um 20:00 Uhr aufmerksam machen.

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"LENAS KLASSE" ab 28.04.2016 im Kino-Krokodil.
Darüber hinaus möchten wir als dritten Film auf die deutsch-russische Produktion "LENAS KLASSE" von Regisseur Iwan I. Twerdowski aufmerksam machen, der aber erst am 28. April 2016 vom kleinen Berliner Verleih Krokodil in die Kinos gebracht wird. Diesmal geht es nicht um Kinder, dafür aber um herumstreunende Jugendliche, sogenannte „Problem-Kinder“, die in eine Anpassungsklasse gehen, die eher wie eine Besserungsanstalt anmutet. Hier der Trailer:


"LENAS KLASSE" wurde schon 2014 produziert und hat auf dem Filmfestival Cottbus den Hauptpreis für den Besten Film sowie den FIPRESCI und den Interfilmpreis gewonnen. Der Film wühlt auf und macht nachdenklich. Er zeigt, dass die Integration von Menschen mit Behinderung, die auf Unterstützung angewiesen sind, nur vollzogen werden kann, wenn staatliche und gesellschaftliche Vorgaben die Grundvoraussetzungen für das Leben in einer Solidar-Gemeinschaft bilden und die Gesellschaft aktiv daran arbeitet, Menschen mit Einschränkungen zu tolerieren und zu integrieren.

Die Deutsche Film- und Medienbewertung (FBW) vergab kürzlich das Prädikat „Besonders wertvoll“ an LENAS KLASSE und schreibt in ihrer Begründung: „...ein Film, der weit über das Ende des Abspanns hinaus nachwirkt.“

Zum Film:
Lena ist 16, fast erwachsen, und kann nach Jahren des Heimunterrichts wieder eine Schule besuchen. Endlich kann sie aktiv ihr Wissen einbringen und eine von vielen in einer Klasse sein. Doch der Weg bis in ihre Sonderklasse ist voller Hindernisse, wenn man wie sie auf einen Rollstuhl angewiesen ist. Wie kommt sie über die Bahnschienen, wo ist die Rampe in der Schule, schafft sie die vielen Stufen nach oben? Zum Glück gibt es ja Anton, ihren neuen Mitschüler, der sie jetzt morgens von zu Hause abholt, nach der Schule wieder zurück bringt und ihr den Einstieg sehr erleichtert. Lena passt sich nach und nach dem Schulleben und der Klasse für Jugendliche mit physischer oder geistiger Einschränkung an. Das Glück und die Verliebtheit aber, die sie bald mit Anton nach außen hin zeigt, gefällt nicht jedem - und bleibt nicht ohne Konsequenzen.

Link: Kino Krokodil · Greifenhagener Str. 32 - 10437 Berlin
Quellen: Greenhouse PR Presse und Kommunikation | Filmstarts | Lichtblick Kino

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